Philadelphia Eagles in der Sezierstunde

Wohin man auch blickt: Viel Lob für die Offseason-Aktivität der Philadelphia Eagles. GM Howie Roseman habe das Notwendigste getan um das Erfolgsfenster für die Mannschaft optimal auszunutzen. Er habe entscheidende kurzfristige Schwachstellen adressiert, für Tiefe auf kritischen Positionen gesorgt und einige wesentliche weitsichtige Entscheidungen für die nächsten Jahre getroffen.


Die wichtigste Operation war die Vertragsverlängerung von QB Carson Wentz, dem Roseman ein (oder mit Blick auf die 5th-Year Option gar zwei) Jahr früher den „zweiten Vertrag“ gab. Dieser Vertrag liest sich auf den ersten Blick sehr fett: 4 Jahre, 128 Millionen Dollar, davon fast 110 Mio. guaranteed.

Doch der genaue Blick auf den Vertrag verrät: Weil die Eagles das heurige Vertragsjahr und das „Fifth Option Year“ 2020 mit den vier Jahren verrechneten, kommt grob umrissen ein Sechsjahresvertrag für 154 Mio. Dollar zustande, mit rund 66 Mio. „fully guaranteed“. Über die genaue Vertragsstrukturierung herrscht auch zwei Wochen nach der Unterschrift Verwirrung, deswegen belassen wir es mal bei einem schnellen Überblick:

  • Wie sich Salary-Cap und Rookie-Wage Scale nach den CBA-Verhandlungen von 2021 verhalten, ist noch nicht ganz abzusehen.
  • Doch entwickelt sich die Salary-Cap im momentanen Tempo in den nächsten Jahren so weiter, stehen wir 2024 im letzten Vertragsjahr von Wentz bei rund 240 Mio. Cap.
  • Mit dann rund 32-34 Mio. Cap-Zahl läge das Wentz-Gehalt bei vertretbaren 13%-14% des Salary-Caps.

Andere Quarterbacks kosten mehr. Durch die schnelle Vertragsverlängerung von Wentz hat GM Roseman Geld gespart zum Preis, dass er zum Unterschriftszeitpunkt über keine sichere Information der Saison 2019 (Leistung und Verletzungen) verfügte. Roseman wettet darauf, dass Wentz‘ Verletzungshistorie kaum „prediktiven Wert“ hat: Kreuzbandverletzung nach Hit beim Eintauchen zum Touchdown kann jedem passieren, und die Rückenprobleme der letzten Saison gelten als Kollateralschaden des ACL von 2017. Jetzt ist Wentz wieder fit – die Eagles setzen darauf, dass die Vergangenheit Freakverletzungen waren, und keine Vorzeichen für generelle Verletzungsanfälligkeit.

NB: Einen genaueren Blick auf die Performance von Wentz, dem Spieler, und was für ihn die wichtigsten Facetten für 2019 sind, habe ich schon vor ein paar Wochen geworfen.

Draft 2019

Doch auch abseits des großen QB-Vertrags galt die Offseason als Erfolg. Werfen wir einen kurzen Blick darauf, was die Philadelphia Eagles im NFL-Draft veranstaltet haben:

#22 OT Andre Dillard (Washington State)
#53 RB Miles Sanders (Penn State)
#57 WR J.J. Arcega-Whiteside (Stanford)
#153 DE Shareef Miller (Penn State)
#167 QB Clayton Thorsen (Northwestern)

Vier von fünf Picks für die Offense, davon alle in der 1ten und 2ten Runde: Roseman füttert das Personal im Angriff und nimmt dem Offense-Trainerstab um Headcoach Doug Pederson viele Ausreden.

Offense

Dillard ist dabei trotz des von Roseman angestrebten Trade-Ups noch nichtmal ein „Need-Pick“, denn mit LT Jason Peters und RT Lane Johnson haben die Eagles zumindest am Papier für dieses Jahr noch immer ein Top-Tackle Duo. Doch Peters ist 36 und war in den letzten beiden Jahren in erster Linie verletzt, weswegen man Dillard zumindest als Absicherung gebrauchen kann – Swing-tackle Vaitai, der im Superbowl-Run eine Schlüsselrolle spielte, war zuletzt kein akzeptabler Ersatzmann mehr.

Sanders ist „Runningback in der 2ten Runde“: Zeugnis für die Tiefe im Eagles-Kaders, wenn sich Roseman solchen Luxus erlauben kann.

Arcega-Whiteside ist auf den ersten Blick ein merkwürdiger Pick, weil er als Spielertyp so ähnlich ist wie Alshon Jeffery. Doch Jeffery ist a) bald 30, b) nicht ganz billig und c) hatte er letztes Jahr zunehmende Probleme, sich „Separation“ zu verschaffen. Man ist sicher nicht ganz falsch, wenn man im Whiteside-Pick eine mittelfristige Wachablöse für Jeffery vermutet.

Die einzige Frage, die man sich angesichts der Picks stellt: Wollte Roseman wirklich dreimal Offense draften oder sind in Philly einfach die Steine so gefallen? Weil er in Sanders einen Runningback so hoch zog, liegt die Vermutung nahe, dass man so oft Offense gehen wollte.

Ausreden gibt es für Pederson/Wentz jetzt keine mehr: Die Offense Line ist „loaded“, auf Wide Receiver hat man in Jeffery, Free-Agent Einkauf DeSean Jackson (aus Tampa / spielte schon früher als deep threat in Philly), Slot-WR Nelson Agholor, Arcega-Whiteside und dem 5th-Stringer Mack Hollins nun einen Corps aus nominell fünf veritablen Optionen beisammen – und das Tight-End Duo Ertz / Goedert ist vermutlich das beste in der ganzen NFL.

Runningback ist keine wichtige Position, aber Sanders ist als guter Receiver aus dem Backfield wohl die billige #1. Dahinter balgen sich Jordan Howard (kam via Trade aus Chicago), Corey Graham (wenn in Form der 2017/18 Superbowl-saison), Smallwood und Josh Adams um die Plätze – unwahrscheinlich, dass sie alle einen Kaderplatz bekommen.

In der Offensive Line kehrt OG Brooks von Achillessehnenriss zurück, und auch wenn man bei solchen Verletzungen nie genau weiß, so hat man bestimmt bessere Tiefe als noch letztes Jahr. Eine O-Line Peters/Dillard – Seumalo – Kelce – Brooks – Johnson mit Backups wie Dillard und Wisniewski können nur wenige Teams nachweisen.

Und die Defense?

Die war letztes Jahr ein Sorgenkind – allerdings eines, das man kurz erklären muss:

  • Verletzungen: Nach der „Adjusted Games-Lost“ Liste von Football Outsiders hatte Philly letztes Jahr die 2t-meist verletzte Defense.
  • Late Season Surge: Trotzdem fand sich die Defense gegen Ende der Saison immer besser, würgte im Dezember u.a. die Rams komplett ab und lieferte in den Playoffs zwei bockstarke Spiele in Chicago und New Orleans.

Die Defensive Front verliert nun in DT Chris Long, DT Michael Bennett, DT Ngata und LB Jordan Hicks vier wichtige Leistungsträger bzw. Rotationsspieler der letzten Saison. Doch mit Free-Agent DT Malik Jackson und dem Rückkehrer DL Vinny Curry wird zumindest das Loch auf Tackle und 5-tech gestopft. Dazu kehrt DE Derek Barnett von Verletzung zurück – und mit DT Treyvon Hester hat man einen Tackle in der Hinterhand, der in seinen ca. 250 Snaps letztes Jahr die #13 PFF-Grade auf Defensive Tackle bekam.

Pass-Rush Rotation klingt mit Interior-Rush um DT Fletcher Cox, Curry, Hester und Jackson stark. An den Flanken steht und fällt natürlich so vieles mit der Formkurve von DE Barnett, dem 1st Rounder 2017, der unter der Hand extrem produktiv war, aber ohne Bennett/Long nun eine umso vitalere Rolle einnimmt. An der anderen Flanke startet DE Graham, der Mann, der seit Jahren extrem viele Pressures, aber kaum Sacks fabriziert. In die Rotation mit geworfen wird natürlich Rookie Shareef Miller.

In der Secondary hat Philly durch die Verletzungsorgie letztes Jahr nun einen Vorteil: Viele Jungs aus der zweiten Reihe kennen das Gefühl, NFL-Snaps zu spielen. Einige von ihnen haben sich gegen Saisonende hin sogar immer mehr als richtig fähig erwiesen.

CB Rasul Douglas, CB/FS Avonte Maddox, DB Cre’Von LeBlanc oder CB Tre Sullivan – alles Leute, die außer ein paar Freaks bis letzten November keine Sau kannte. Alle mit guten PFF-Bewertungen down the stretch. Trotzdem gilt der neuerliche Einjahresvertrag, für den man CB Ronald Darby halten konnte, als essenzieller Move Rosemans.

Doch die Tiefe ist mit solchen Jungs hinter Startern wie Darby, FS Malcolm Jenkins, Rodney McLeod oder CB Jalen Mills deutlich besser als noch letzte Saison. Theoretisch ist man sogar soweit, dass man den vor zwei Jahren mit Pauken und Trompeten gedrafteten CB Sidney Jones nicht mehr unbedingt „braucht“. Erweist sich Jones zur Abwechslung mal als fit genug für Einsätze oder ist sogar der höherklassige Manndecker, als den er im Pre-Draft Prozess einst angepriesen wurde, wäre das als gigantischer Bonus aufzufassen – nicht mehr als Notwendigkeit um eine Sollbruchstelle zu vermeiden.

Linebacker bleibt der wunde Punkt. Doch wenn du in der Defense irgendwo eine Lücke hast, weil du nicht überall „First Class“ besetzt sein kannst, dann auf Linebacker. Der Stamm-Middle Linebacker ist Nigel Bradham, kein überragender Mann, aber solide genug um nicht permanent verbrannt zu werden. Die Optionen für den zweiten Linebacker-Spot in der Nickel-Defense sind Grugier-Hill, Gerry oder der im Mai aus Washington geholte Zach Brown. Brown ist ein Fall von „super Bewertungen 2018“, aber zuvor nur Mittelmaß. Wird er die 2018-Version, haben die Eagles den Jackpot gezogen. Doch wahrscheinlicher ist Regression zur Mitte.

Doch ob mit oder ohne Brown in Bestform: DefCoord Jim Schwartz hat deutlich mehr Optionen als noch in der letzten Saison, auch ohne zwei wertvolle Rotational-Passrusher wie Long oder Bennett. Top-10 Defense nicht ausgeschlossen.

Coaches

Man muss nicht lange drum herumreden: 2018 war Eagles-Coach Doug Pederson eine der leichten Enttäuschungen. Nicht, wenn man ihn mit dem Rest der NFL vergleicht – dort schneidet Pederson noch immer stark ab. Aber wenn man ihn mit der Version seiner selbst von 2017 abgleicht, dann sieht Pedersons 2018-Playcalling etwas enttäuschend aus.

Dennoch blieb er einer der aggressivsten Play-Caller in 1st Downs.

Was Hoffnung macht: Pederson betrieb bereits öffentlich detaillierte Selbstkritik und legte die Stellschrauben offen, an denen er drehen möchte:

  • Mehr Aggressivität im Play-Calling
  • Wieder deutlich mehr Aggressivität im 4th-Down Playcalling
  • Mehr Aggressivität in der Entscheidung Extrapunkt/Two-Point Conversions
  • Verbesserung der team-internen Kommunikation und Game-Day Vorbereitung

Bei genauem Hinsehen war Pedersons 2018 so schlecht nicht, wenn man bedenkt, dass er sowohl OffCoord Frank Reich (drehte als Cheftrainer in Indianapolis das Schicksal der Colts-Franchise) als auch QB-Coach John DeFilippo (unglückliches Intermezzo in Minnesota, nun OffCoord in Jacksonville) nach der Superbowl 2018 verlor.

Was bleibt – und was sein wird

Um die Eagles-Defense würde ich mir keine Sorgen machen: Unwahrscheinlich, dass der Verletzungsteufel die Mannschaft noch einmal so krass heimsucht, dazu ist das Defensive Backfield erfahrener und der Pass-Rush im ersten Anzug so wuchtig besetzt, dass er sogar den einen oder anderen Ausfall verkraften würde und dennoch auf hohem Niveau performen kann.

Mehr noch: DefCoord Schwartz wird mutmaßlich noch mehr Dime-Defense spielen als zuletzt, weil die Offense darauf ausgerichtet ist, mehr zu scoren als letztes Jahr, als man gut, aber nicht herausragend war:

  • 5 Yards/Drive, #14
  • 11 Punkte/Drive, #13

Die komplette Eagles-Franchise ist vielleicht neben den Patriots momentan das Paradebeispiel dafür, wie eine NFL-Franchise zu operieren hat. Das geht vom Owner Jeff Lurie runter zum GM Roseman, weiter zum Trainerstab um Pederson: Alle sind darauf fokussiert, ihre Entscheidungen anhand von Prozessdenken, nicht resultatsgetrieben, zu treffen. Das spiegelt sich in allen wesentlichen Facetten in den letzten drei Jahren wider und führte schon dazu, dass man eine Superbowl mit Ersatz-Quarterback gewinnen konnte.

Ich würde mit heutigem Wissen argumentieren, dass die Eagles in die Saison 2019 noch besser ausgestattet gehen als 2017 und 2018. Das macht sie für mich zum größten Superbowl-Kandidaten der anstehenden Saison.

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2 Kommentare zu “Philadelphia Eagles in der Sezierstunde

  1. Mutige Aussage zum SB Kandidat.
    Glaube dennoch auch daran die Eagles zu favorisieren nach einem Blick in ihren Schedule.
    Zudem tue ich mich schwer die diesjährige NFC einzuschätzen.
    Sollten die Eagles ihre Games bis zur Bye Woche positiv hinter sich bringen bei den Auswärtsspielen, dann sollte das Restprogramm den 1. oder 2. Platz in der NFC anzupeilen Pflicht sein.
    https://fbschedules.com/philadelphia-eagles-schedule/

  2. Schöne Zuammenfassung!
    Übrigens mal kurz weg vom Thema: Die Ravens setzen anscheinend auch massiv auf Analytics. Aaron Schatz hat letztens getwittert, dass die Ravens drei bekannte Analytiker, die auf Twitter aktiv waren, zu ihrer Analytics Abteilung hinzugeholt haben.

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