Noch ein paar Gedanken im Nachgang an Super Bowl LV

Tag 2 nach Superbowl LV.

Ich bin noch immer fasziniert davon, wie Tampa-OffCoord Byron Leftwich und DefCoord Todd Bowles in den Playoffs im Allgemeinen, aber vor allem in der Super Bowl im Speziellen, so krass von ihrer Herangehensweise über weite Strecken in den Playoffs weggegangen sind.

Bowles habe ich schon gestern ausführlich besprochen. Blitz-Rate runterschrauben und konsequente Doppelung von für Hill & Kelce war der Ansatz, der pregame als am vielversprechendsten diskutiert wurde. Und Bowles hat genau das gemacht.

Matt Bowen von ESPN Matchup hat die Beispiele auf Twitter gebracht:

Oder hier Geoff Schwartz: Andy Reid blank ausgecoacht:

Dazu immer wieder Rotation in der D-Line-Aufstellung. In dem Beispiel hier steht Edge-Rusher JPP innen und der 350-kg-Bomber DT Vita Vea rechts außen. Eine klassische 4-3 Under, JPP als 3-tech, Vea als 5-tech. Beide schlagen das 1-vs-1, und an der anderen Flanke rauscht Barrett innen am Right Tackle vorbei.

ESPN errechnete trotzdem eine starke Pass-Block-Win-Rate von 67% für die Chiefs (das wäre Top-5 über die ganze Saison). Seth Walder erklärt auf Twitter, warum – und gibt auch gleich Input dafür, wo man bei dieser Statistik aufpassen muss:

  • Mehrmals bricht die Protection Millisekunden nach der 2.5 sek-Marke
  • Viele tiefe Dropbacks für Mahomes – so tief, dass er nach 2.5 sek weit genau vom erstbesten Defender entfernt war, dass die Tracking-Daten den Snap nicht mehr als „Win“ für die Defense erkannten.

Diese vielen extrem tiefen Dropbacks sollten Mahomes schützen. Sie waren fast kontraproduktiv so wie das Spiel gelaufen ist. Mahomes hat letztlich auch aufgrund der guten schnellen Coverage-Arbeit der Defense kaum Big Plays gemacht – seine quick passes führten eben auch nicht zum Erfolg:

Aber von dem Spiel werden trotzdem seine fantastischen Scramble-Drills bleiben, mit Würfen aus unmöglichen Lagen. Für Thrill war also auch ohne Erfolg gesorgt. Wenn Mahomes das Spiel als Lehre nimmt und als Erkenntnis, dass auch ihm der Erfolg nicht von allein zufliegt, dann werden die Chiefs aus dem Debakel gestärkt hervorgehen.

Leftwich

Ich hab es schon gestern geschrieben: Die Tampa-Offense hat in der Superbowl drei wesentlichsten Kritikpunkte der Regular Season behoben:

  • Tampa warf in der ersten Halbzeit in 20 von 32 Early Downs. Die schnelle Aggressivität zahlte sich mit 3 TD-Drives aus.
  • 43% Play-Action-Rate (13 von 30). Die Buccs hatten in der Regular Season extrem wenige Play-Action-Fakes. Ein Punkt, auf dem ich immer wieder rumgeritten bin.
  • Harte, aggressive 4th Down Calls. Gegen die Packers schon spielte man ein 4th Down kurz vor der Pause aus und wurde mit Deep-TD belohnt. Gegen die Chiefs ging man auf 4th&Goal anstatt „take the points“. Es war nicht erfolgreich, aber einer der Benefits solcher Calls: Es ist wahrscheinlich, dass der Ball im Misserfolgsfall schnell zurückkommen wird. Tat er in dem Fall: Paar Minuten später hatte Tampa den Defense-Stop und Offense-TD.

In der Superbowl also die krassen Tendency-Breaker – für Bowles, aber v.a. auch für Leftwich. Ein Gang nach Canossa ist trotzdem nicht notwendig. Leftwich hat letztlich genau das Geforderte gemacht. Spät – aber doch. Es hat den Buccs den Superbowl-Sieg gebracht.

Ich bin schon gespannt, wie sich Tampas Offense in der nächsten Saison entwickelt. Die Blaupause war lange da – sie ist gerade noch rechtzeitig umgesetzt worden.

Tom Brady und Co.

Die Buccs sind eine komische Franchise. 44 Jahre Bestehen. Zirka 40 Jahre waren sie irrelevant. Aber mitten drin gab es zwei Runs ins NFC Championship Game – und zwei Superbowl-Runs. Beide waren extrem markant:

  • 2002/03 mit der berühmten „Tampa 2“ Defense, die NFL-Verteidigungsarbeit auf Jahre prägte. Ich bin gerade beim Buch „Anchor Points“ von Cody Alexander über Entwicklung von Defenses – eine der bisherigen Erkenntnisse: Tampa 2 Prinzipien werden gerade allerorts wieder recycelt und neu interpretiert in Defenses eingebaut.
  • 2020/21 mit Brady als 43-jährigem Superbowl-Opa und einer faszinierenden Coaching-Performance in den Playoffs.

War Brady auch Tampa-Coach? Gehen wir mit Bruce Arians, dann war dem so. So oder so – und da möchte ich auch an die „Mentalitätsdebatte“ in den Kommentaren des gestrigen Eintrags anschließen: Brady als Quarterback im Team ist für den Glauben in der Mannschaft 100%ig gut.

Ich glaube daran. Ich denke, Tom Brady motiviert Leute. Er gibt Leuten Zuversicht. Allein sein Standing als lebende, ja noch spielende NFL-Legende ist hilfreich. Das alles hätte natürlich nix genutzt, wenn Brady nicht mehr werfen kann. Doch er konnte noch. Er ist körperlich noch voll da – wie extrem sein Alter ist, muss ich nicht mehr weiter ausführen.


Brady ist auch „Elite-Recruiter“: Gronk aus dem Ruhestand reaktiviert, Antonio Brown ins Team geholt. Wie gut man den Brown-Move findet, kann jeder selbst beurteilen. Sportlich ist er als dritter Receiver auf jeden Fall ein Gewinn – und mit Brady als Mentor gab es auch kein Aufzicken.

Bradys Einfluss auf das Team ist messbar. Die Buccs waren mit relativ ähnlichem Personal 2020/21 ein deutlich besseres Team als 2019/20 – in allen Phasen des Spiels. Brady hat über die Saison mehr gemacht als Turnovers verhindert. Er hat zahlreiche Big Plays kreiert und das Team auch in den Phasen, als es suboptimal gecoacht und noch in der Findungsphase war, immer wieder rausgerissen.

A bissl Glück ist natürlich auch dabei: Bradys Defenses haben in den letzten beiden Superbowls 3 und 9 Punkte zugelassen – und das nicht gegen irgendwelche Offenses, sondern gegen die Prototypen für die Zukunft: Rams 2018/19 und Chiefs 2020/21.


Noch ein Trolljob Bradys: Sein Vertrag für 2020 ist mit allen Prämien für den Gewinn des Titels auf… 28.3 Millionen US-Dollar angewachsen. 28.3. Wer an Zufälle glaubt, hebe die Hand.

Die Einschaltquoten waren übrigens überraschend: In Boston hatte die Superbowl höheres Nielsen-Rating als im Superbowl-Markt Tampa. (Übrigens auch ein höheres Rating als während der letzten Patriots-Superbowl). New England liebt „seinen“ Brady also nach wie vor.

17 Kommentare zu “Noch ein paar Gedanken im Nachgang an Super Bowl LV

  1. Ob die tiefen Dropbacks wirklich Mahomes schützen sollten? das hat er schon immer gemacht. Geoff Schwartz hat das schon erwähnt. Diese tiefen Dropbacks machen es den Pass Rushern deutlich einfacher an ihn ranzukommen aufgrund der größeren Winkel. Er macht seiner Oline das Leben oft selbst schwer.

    Überhaupt wirkten die Chiefs im Super Bowl arrogant auf mich. Das zog sich durch das ganze Team. Offense, Defense, Coaching Staff. Es wurde sich nicht angepasst, es wurde nicht gekämpft, die Defense hat sich zu viele Strafen eingefangen.

  2. Man sollte vielleicht auch nicht unerwähnt lassen, dass die Bucs ihre Playoff-Spiele – mit Ausnahme des SuperBowls – sämtlich auswärts bestritten und dabei überwiegend dominiert haben. Und das ist für ein Team aus Florida auf offenem Feld im Januar in Wisconsin gewiß kein leichtes Unterfangen, auch wenn das Wetter dort in diesem Jahr ’nicht so schlimm‘ war …

  3. @Matze92: Ja, das ist was dran – PFFs Ben Stockwell hat das in dem extrem ausführlichen Thread schon beschrieben:

    Die Definition von PBWR ist wahrscheinlich nicht die idealste, weil sie genau durch solche tiefen Drops die PBWR „retten“, während es den Druck an den Flanken erhöht.

    Ich denke, Mahomes hat über die Jahre so manche Schwäche der Chiefs-OL kaschiert. Mit 4 Backups wars nicht mehr zu retten. Gut möglich, dass es allein mit Fisher und etwas mehr Glück in den Clutch-Situationen sehr viel knapper gewesen wäre.

  4. Zum Thema Play Action:

    Bucs haben den Run das ganze Jahr etabliert nur für den einen Moment.

  5. Na ja die Ratings gehen schon seit langem nach unten, außerdem dieser Superbowl war sehr langweilig plus corona das wird nächstes Mal besser. Wenn Brady gegen Lamar Jackson spielen 😀😀

  6. „350kg-Bomber DT Vita Vea“? Der sieht viel leichter aus. 🙂
    Die Analyse-tweets von Schwartz und Bowen sind interessant. Schade, dass man das nicht live sehen kann, weil das TV-bild von der Seite nicht so übersichtlich und natürlich nicht tief genug ist. Wäre spannend, wenn ein Sender Top-analysten hinsetzen und ein Spiel in All-22 zeigen würde.

  7. Zu „A bissl Glück“ hatte Tampa auch: Ich finde, dass deren Lauf in den Playoffs eben auch genau gepasst hat.

    Gegen WFT: warmgespielt.
    Gegen NO: das eindeutig schlechteste Spiel. Aber der Gegner war noch schlechter.
    Gegen GB: Gut gespielt, etwas Matchglück (Rodgers-INT vor der Pause, Fumble direkt nach der Pause, 3x 3&out nach eigenen INTs) und einfach jeden Fehler des Gegners ausgenutzt.
    SB LV: überragend eingestellt und perfekt auf den Platz gebracht.

    Ich mag die Bucs und Brady nicht sonderlich, aber mit zwei Tagen Abstand nötigt mir der Rückblick auf diesen Lauf mächtig Respekt ab.

  8. Folgende Nachricht passt hier nur bedingt rein, da derjenige sehr sehr oft knapp am Super Bowhl dran war, aber immer denkwürdig scheiterte. Marty Schottenheimer, Ex Headcoach der Browns, Chiefs, Chargers und Redskins ist gestorben. Einer der erfolgreichsten NFL Trainer überhaupt und ich habe ihn immer gerne zugehört. Sein große Anzahl von Siegen in der NFL kommt nicht von ungefähr auch wenn ihm immer das „Marty Ball“ und die knappen Playoffniederlagen nachhängen werden. RIP Marty Schottenheimer
    Im Netz finden sich bestimmt viele Videoszenen mit ihm für die, die ihn nicht mehr kannten.

  9. @Arni: Wobei ich mit dem Glück v.a. die Brady-Sicht gemeint habe. Dessen Defenses haben in den Playoffs und Super Bowl einfach auch oft im richtigen Moment exzellent performt.

  10. @korsakoff: Ja, natürlich – war von mir ja auch nicht nur auf die Bucs bezogen. Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass für einen solchen Lauf eben alles klicken muss – bei Brady und beim ganzen Team. Hätte Tom Brady a bissl mehr oder weniger Glück gehabt, würden wir vielleicht nicht vom Helmet Catch reden oder Seattle wäre von der 1 gelaufen oder oder oder… 😀

  11. Ist schon klar, die Patriots SB hätten fast alle in beide Richtungen ausgehen können, Gewinnen und Verlieren liegt eben knapp beisammen, aber ist schon auffällig wie gut die Pats Defense in einigen Clutch Momenten gehalten hat, auch gegen die GSOT Rams 2001.

    Bucs WR waren auch von Mahomes impressed:

  12. Den Brady-Vertrag finde ich extrem krass. Geringes Grundgehalt mit 43 –> geschenkt. Aber das er so läppische Boni für einen SB-Gewinn mit 43 (!!!!) bekommt, zeigt extreme Sieg-Orientierung und langfristiges Denken. Sein EXTREM billiger Vertrag ermöglicht breiten, guten Kader und ermöglicht ihm selbst langfristig Garantie auf FETTESTE Werbeverträge.

  13. Pingback: Greg Cosell über Superbowl 2021: Flotte Füße bei Mahomes, schwere Beine bei Tampa Bay | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  14. Wie entscheidend fandest du die Rückkehr von Vita Vea im NFC Championship Game und der Superbowl?

    Hab letztens eine Analyse gesehen, die in ihm einen der entscheidenden Faktoren sah.

    Sinngemäß: Packers und KC OLs waren angeschlagen und Veas Rückkehr war der Breaking Point, da er bei nahezu jedem Snap mindestens gedoubled werden musste (1-on-1 hatte keiner der OLer eine Chance gegen ihn) und somit Suh, Barrett und JPP jeweils 1-vs-1 Duelle bekamen.

    Barretts und JPPs Stats würden auch dafür sprechen (8 bzw. 6 Sacks in 6 Spielen mit Vea, aber nur 5 bzw. 4.5 Sacks in 12 Spielen, in denen er verletzt war).

  15. Logisch hat Vea geholfen. Er ist ein viel besserer Passrusher als man lange Zeit angenommen hatte. Aber er hat nicht so viel geholfen wie die ganzen Ausfälle bei den Chiefs geschadet haben.

    Buccs-DL war 4/4 Starter in Hochform. Chiefs-OL war 1/5 Starter in Auflösung. Paar verpasste Plays von Mahomes und paar Drops obendrauf, und das war’s dann.

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