Establish the Review – NFL Woche 3 | Oh mein GOAT Plays, Oh mein Gott Coaching

Es war der NFL-Spieltag der Special Teams. Und es war der Spieltag der irren Late-Game-Entscheidungen einiger prominenter Headcoaches. Ein Blick zurück.

Der Kicker-GOAT

Ich habe es letzte Woche mit meinem Spott gejinxt, denn dieser dritte Spieltag war vielleicht der großartigste Special-Teams-Spieltag aller Zeiten.

Wir hatten das längste erfolgreiche NFL-Fieldgoal aller Zeiten – standesgemäß geschossen vom bester Kicker aller Zeiten, Justin Tucker, dem einzigen Kicker, der aus der grauen Masse der ansonsten austauschbaren Kicker herausragt. Es war ein 66-Yards-Kick, standesgemäß versenkt in der allerletzten Spielsekunde zum Sieg seiner Baltimore Ravens bei den Detroit Lions.

Es war ein sagenhafter Kick wie weiland 2013, als Tucker an Weihnachten ein Spiel in Detroit im Alleingang gewann – mit sechs Kicks, u.a. einem 60-Yarder in der letzten Minute zum 18-16 Sieg. Diesmal war es ein 19-17 Sieg.

Maximale Professionalität übrigens bei dem Kick vom Lions-Radiokommentator.

Längstes NFL-Play ever

Der langjährige Tucker-Konkurrent Matt Prater hatte sogar die Chance auf ein noch längeres Fieldgoal, als er zum Ende der ersten Halbzeit für Arizona in Jacksonville einen 68-Yards-Kick versuchen sollte. Der Kick war stark, aber geriet etwas zu kurz – und wurde prompt vom Ex-Lion Jamal Agnew über 109 Yards zum Touchdown returniert.

109 Yards ist das längste Play der NFL-Geschichte. Es war zwar nicht der erste 109-Yards-Spielzug, aber so richtig viele hat es noch nicht gegeben. Beim ersten ever war zirka 10-15 Jahren war ich live dabei, als Antonio Cromarties Return in Minnesota während eines laufenden Panthers-Spiels eingeblendet wurde und einer der Kommentatoren schnell mal anmerkte „ein Rekord, der niemals gebrochen werden wird“.

Es war auch der erste Kick Six seit fast 15 Jahren. Dieses Freak-Play ist eine Seltenheit, obwohl es die Offense mit schwerem Field-Goal-Blocking-Personal der returnierenden Mannschaft eigentlich eher einfach macht.

Perfekt machte den Moment natürlich, dass er stimmlich vom Wolff Fuss des US-Sports begleitet wurde. Gus Johnson kann einem manchmal mit seinem Geschrei auch auf den Senkel gehen, aber lieber Emotionsexplosion bei Johnson als eine Schlaftablette wie Thom Brennaman.

Längste Kickoff-Recovery ever?

Der dritte fette Special-Teams-Play des Tages war Washingtons irre Kickoff-Recovery von Dustin Hopkins, dessen tiefer Kickoff vom Winde verweht in des Kickers Hände zurückgeblasen wurde. So etwas habe ich in über 15 Jahren Football noch nicht gesehen:

Wir hatten noch Last-Second-Sieg-Kicks der Packers und Falcons sowie einen chip shot Overtime-Winner von Daniel Carlson für die Raiders gegen die Miami Dolphins. Und mit nur ein klein wenig Glück hätten wir noch ein weiteres Freak-Play gesehen, das Adrian Franke bei Cards-Jags ausgegraben hat:

Die Cardinals haben – nicht untypisch für die Ära Kingsbury – es verpasst, zwei völlig offene Gunner anzuspielen, weil sie zum dümmsten Zeitpunkt Geschwindigkeit aus dem Spiel genommen haben und echten Spielwitz vermissen ließen.

Danke für Nichts, Coach!

Matt Nagys Nicht-Leistung als Play-Designer und Play-Caller habe ich schon gestern analysiert.


Ich muss aber auch noch einmal Brandon Staley von den Chargers diskutieren, denn seine Performance im In-Game-Coaching bei den Chiefs war schon sehr speziell. Staley war am Anfang etwas konservativ, verzichtete auf das Ausspielen einzelner eines eher kurzen 4th Downs.

Doch Staley machte das am Spielende mit maximaler Aggressivität wieder gut. Im vierten Viertel lieferte Staley ein paar richtig krasse Calls, die zeigen aus welchem Holz er geschnitzt ist.

Staley ließ im zweiten Spielzug des Schlussviertels ein 4th&4 bei 3-Punkte-Rückstand ausspielen, bei dem der Baldwin-Bot gegen einen neutralen Gegner sogar auf Fieldgoal plädiert hätte. Wenige Plays später führten die Chargers 21-17.

Dann kickte Staley mit 137 Sekunden auf der Uhr ein kurzes 24-Yards-Fieldgoal zum 24-24 Ausgleich bei 4th&Goal, das ich gefühlt als zu konservativ eingestuft hätte. Dass der Baldwin-Bot gegen einen neutralen Gegner den Kick aber als „best play“ auswies, zeigt, dass es zumindest keine krasse Fehlentscheidung war.

Staley hatte etwas Glück, denn nach der folgenden Mahomes-Interception bekamen die Chargers bei Ausgleich noch einmal den Ball. Wir hatten ein 4th&4 an der Chiefs 30. KC kickte mit dem Wind. 48 Sekunden waren zu spielen. Der Baldwin-Bot sagte deutlich Fieldgoal. Kratzte Staley nicht – er ließ die Offense abermals am Feld!

False Start, 4th&9. Wirklich alle, inclusive Tony Romo bei CBS, waren überzeugt, dass jetzt doch der Kicker kommen musste. Aber obwohl der Baldwin-Bot nun sogar einen 7% Vorteil pro Fieldgoal und gegen Ausspielen sah, kamen erneut Justin Herbert und Co. raus. Herbert bekam die DPI. Neues 1st Down.

Aber dieser Move war noch nichtmal der verrückteste Call Staleys, denn nachdem Herbert im direkt nächsten Spielzug Mike Williams an der 4-Yards-Line bedient und somit in „choke hold“ Fieldgoal-Range gebracht hatte (und Chiefs-CB Mike Hughes den Receiver eigentlich zwingend in die Endzone hätte schubsen müssen!), ließ Staley nicht die Uhr runtertröpfeln, sondern ging aggressiv auf Touchdown.

36 Sekunden vor Schluss fing Williams den Touchdown zum 30-24. Dass der Chargers-Kicker den anschließenden PAT verschoss, legten viele Staley positiv aus – „deswegen hat er mehrmals auf den Kick verzichtet“. Aber das war schon crazy Shit.

Wenn die Gäule mit einem durchgehen

Aus analytischer Sicht müssen wir nicht lange drumherumreden: An der Stelle musst du die Uhr melken und mit auslaufender Uhr aus 22 Yards zum Sieg einschenken. Deine Siegchance ist 99-komma-x Prozent.

Staley verzichtete darauf, und ließ keinem Geringeren als PATRICK MAHOMES mehr als eine halbe Minute Zeit zum Reagieren. Klar: Die Chiefs brauchten Touchdown, ein großer Unterschied zu einem quicken Fieldgoal-Drive, und 32 Sekunden sind auch für die Allerbesten dann nur noch ein Augenzwinkern an Zeit.

Aber die Chiefs hatten immerhin noch ein Timeout – und seien wir ehrlich: Mahomes‘ letzte Hail Mary hätte selbst für den laxen Standard der NFL-Referees bei Hail Marys schon zwingend eine Defensive Pass Interference an der 4 geben müssen, so wie die Bolts die Chiefs-Receiver einfach umrissen. Das hätte mega bitter ausgehen können.

Late-Game-Win-Probability ist immer so eine Sache, aber je nach Modell hat Staley mit seinem Power-Move die Siegchance der Chiefs verfünffacht bis verzehnfacht.

Staleys Erklärung nach dem Spiel für seinen Aggro-Call macht eigentlich keinen Sinn…

…aber als jemand, der seit zehn Jahren auf diesem Blog Woche für Woche nach mehr Aggressivität im Play-Calling ruft, tue ich mir schwer, den Staley-Call völlig zu verdammen. Wenn schon falsch entschieden, dann habe ich im Zweifelsfall lieber den überdrehten Call als den immergleichen Punt oder take-the-points Mist.

Ich weiß, ich hätte geschäumt, wenn das schiefgegangen wäre, aber wenn ich untergehe, dann lieber mit wehenden Fahnen.

Und wenn wir Analytics mal außen vor lassen und uns in Coaches-Speak verheddern, dann kannst du die gigantische Vote of Confidence von Staley in seinen wirklich famosen jungen QB Herbert als Pluspunkt herausarbeiten. Da wächst etwas zusammen in L.A., vor dem die AFC vielleicht doch irgendwann erzittern wird.

Gute Basis, oben Ramsch

Staley ist einer der aktuellen Posterboys für in-Game-Management. Kyle Shanahan war das nie, und wird es nie sein. Das Sunday Night Game hat mal wieder gezeigt, warum. Nicht bloß ließ Shanahan, der Master der Offense, mehrfach kürzeste 4th Downs wegpunten, sondern beging in der Crunch-Time auch einen kapitalen Time-Management-Bock, der höchstwahrscheinlich einen überraschenden (und ehrlicherweise nicht zwingend verdienten) Comeback-Sieg über die Packers verhinderte.

Shannys noch den ganzen Tag etwas holprige Offense marschierte bei 21-27 Rückstand angeführt vom urplötzlich aufgewachten QB Jimmy Garoppolo in Richtung Endzone. Jimmy-G hatte mit exakt 71 Sekunden auf der Uhr den Pass für TE Kittle in die Redzone hinein komplettiert, war aber knapp innerhalb des Spielfelds geblieben.

Die Uhr tickte. Die 49ers hatten noch drei Timeouts.

Al Michaels und Cris Collinsworth erklärten 25 Sekunden lang aufgeregt, warum man jetzt die Uhr melken müsse. Immer wieder wurde Aaron Rodgers eingeblendet, dem man auf keinen Fall zu schnell den Ball zurückgeben dürfe.

Und dann snappte Garoppolo trotzdem mit 12 Sekunden auf der Play-Clock den Ball. Der Spielzug endete nach zwei gebrochenen Tackles des Fullbacks im Touchdown und die Niners führten mit 37 Sekunden auf der Uhr 28-27.

Wir hatten oben 32 Sekunden für einen Touchdown von Mahomes. Die Niners ließen Rodgers aber glatte 37 Sekunden für bloß ein Fieldgoal – und das ebenso aus freien Stücken! Mit 3 Timeouts, einer Führung, die per Fieldgoal verraucht und satten zwölf (!) Sekunden auf der Play-Clock war das ein übler Management-Bock Shanahans, der Rodgers just die paar notwendigen Sekunden schenkte, die er brauchte um den entscheidenden Konter auszuspielen.

Green Bay gewann 30-28.

Geistesgegenwart ist Trumpf

Klar können wir immer diskutieren über den Stress, den Coaches wie Staley oder Shanahan – oder aber auch Spieler wie Mike Hughes – in der Crunch-Time eines NFL-Spiels erleben, und wie next level es ist, situational awareness in solchen Details zu verlangen.

Aber die NFL hat in den letzten Jahren immer wieder gezeigt: Es ist möglich, solche Situationen im Griff zu haben. Es gab immer mal wieder wunderbare Momente, in denen Coaches oder Spieler entweder bewusst oder intuitiv reagierten und solche vorausdenkenden Moves vernünftig umsetzten.

Shanahan verpasste diese Chance, und deswegen werde ich manchmal den Eindruck nicht los, dass es sich bei seinen Mannschaften um Teams mit einem richtig guten Fundament handelt, aber wo im obersten Stock dann nur noch Ramschware eingebaut wurde, was dem Ganzen einen etwas unvollendeten Anstrich gibt.

4 Kommentare zu “Establish the Review – NFL Woche 3 | Oh mein GOAT Plays, Oh mein Gott Coaching

  1. Das macht es noch schlimmer

  2. Zum Thema den letzten TD mit +30 Sekunden auf der Uhr verwerten:

    Das war scheinbar ein Run-Play (aus meiner Sicht evtl. RPO), und Herbert habe zu Williams gesagt er soll für den Fade bereit sein. Den wirft er schlussendlich auch. Wenn man da läuft und dann nochmal ein Play braucht, dann ist man schon näher an der 10 Sekunden Marke und das ist für mich dann in Ordnung – das wäre dann wirklich nur noch Kickoff plus ein weiteres Play.

  3. Man muss bei Shannahan sagen, dass er extrem gut in manchen Bereichen ist. Das ist natürlich das Play-Calling, und (zusammen mit Lynch) das Zusammenstellen eines kohärenten Coaching-/Front-Offives sowie das Motivieren und Trainieren bestimmter Spielertypen + Teamchemie.

    Andererseits ist er in manchen Aspekten nur Durchschnitt bzw. Liga-Boden.
    Durchschnitt wäre für mich seine Lernfähigkeit (er passt viele Dinge an: 4th-Down-Aggressivnes Abhängig vom QB, QB-Spielertyp, Spielertypen/Sallary-Allokation auf LB, Spielertypen für sein System vs. Ein System für seine Spielertypen)

    Ebenso Durchschnitt ist insgesamt die Teamzusammenstellung (Ausnutzen günstiger ehemals verletzter Spieler, vs. riesige Verletzungsmengen im Team, Bedeutung von QB, O-Tackle, D-End vs. Missachtung der (Un-)Bedeutung von CBS vs. D-Line, gehaltsstrukturen auf bestimmten Positionen (Lb, Fb, tw. Rb)

    Und Bodensatz bei manchen Coaching-Entscheidungen (Kick/Punt/Go-for-it, run-plays in passing downs, Spieler ins doghouse verbannen, die nicht seiner Arbeitsmoral entsprechen, Draft-Value/Eval auf manchen Positionen).

    Ich habe mich als niners-fan damit abgefunden, mit dem kleinen Quäntchen Hoffnung, dass er mit nem besseren QB wieder Aggressiver wird und irgendwann vllt. doch noch lernt, dass man in dieser Liga CBs braucht. Aber Stand jetzt stimme ich deiner high-floor, verschenktes ceiling Theorie voll zu.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.