Dampfwalze in einer schwarzen Stadt – Die Atlanta Falcons haben ihren Frieden gefunden

Die Atlanta Falcons sind keine traditionell erfolgreiche Mannschaft in der National Football League. Sie haben sich erst zum zweiten Mal für eine Super Bowl qualifiziert und noch nie den großen Titel gewonnen. Protokoll einer wechselhaften Geschichte.


Die Geschichte der Atlanta Falcons, wie wir sie heute kennen, beginnt im April 2001, als das damalige Front Office einen Trade mit den San Diego Chargers initiiert um sich mit dem Top-Overall Draftpick die Rechte an QB Michael Vick zu sichern. Michael Vick kommt als Ansage in die NFL: Der erste Quarterback als schnellster Spieler am Footballfeld, gesegnet mit einer Granate von Wurfarm. Er schickt sich an, die NFL zu revolutionieren.

Und Michael Vick ist schwarz.

Atlanta ist die Hauptstadt von Georgia und gilt in manchen Kreisen als heimliche Hauptstadt des US-Südens, des Bible-Belts. Atlanta ist nicht bloß die Heimat von Coca-Cola, sondern gilt in den USA auch als Mekka der Schwarzen, die einzige Stadt mit einer überwiegend schwarzen Mittelschicht (61% der Stadt zu jener Zeit schwarz). Und Michael Vick als Trigger einer Football-Euphorie, wie es die Stadt noch nie gesehen hatte.

So habe ich die Atlanta Falcons kennengelernt: Mittelklassemannschaft mit einem einzigartigen, unvergleichlichen Quarterback vornedran. In der Footballkonsole Madden waren die Falcons das Team der Stunde. Vick und ich scorten im Tandem 85 Touchdowns, gingen 14-2 und gewannen die Superbowl, und wir waren nicht zu stoppen. Wir waren unschlagbar.

Die Sache hatte einen Haken: In der Realität waren die Falcons zu schlagen. Vick war je nach Augenmaß gut bis sehr gut, aber er war nicht die erträumte Revolution. Trotzdem waren die Falcons ein stets aufregend anzuschauendes Team. Und sie hoben sich vom Rest der NFL ab: Hälfte des Stadions weiß, andere Hälfte schwarz. Und immer volle Ränge. Ein genialer Schachzug.

Owner Arthur Blank, der das Team 2002 gekauft hatte, setzte in seinen ersten Jahren voll auf die Karte Vick und machte die Falcons zu einem hochgehypten Team, das 2004/05 sogar das NFC-Finale erreichte, jedoch knapp verlor. Im Anschluss versank das Team im Mittelmaß, verpasste zweimal die Playoffs, spielte aber stets vor ausverkauftem Haus.

Dann kam das Jahr 2007.

Im Frühjahr 2007 kamen erste Gerüchte um einen von Michael Vick finanzierten illegalen Hundekampfring auf, die sich recht schnell bewahrheiteten und schließlich schon im August zur schnellen Trennung der Atlanta Falcons von ihrem ikonischen Quarterback führten.

Ohne ihre Galionsfigur brachen die Falcons komplett ein, spielten eine grottenschlechte verlorene Saison, die im Dezember im hinterrücks eingefädelten Abgang des neuen Headcoaches Bobby Petrino gipfelte, als Petrino sich einen Tag nach einer Bekenner-Pressekonferenz zu Blank und den Falcons veranschiedete und den Cheftrainerposten in Arkansas antrat.

Blank fühlte sich verraten und verarscht.

Atlanta fühlte sich verraten und verarscht – und sich von Blank um seinen Star-Quarterback betrogen.

Noch heute existieren Meinungen, dass Blank sich zu schnell von Vick getrennt habe. Vick sei schuldig gewesen – keine Frage, aber Blank habe Vick zu schnell fallen gelassen. Es brauchte viele Jahre um den Riss zwischen den Atlanta Falcons und ihrer Kernanhängerschaft zu kitten.

Ab in die Zukunft I

Anbruch 2008 und Auftritt des neuen sportlichen Führungsduos, Mike Smith und Thomas Dimitroff.

Smith kam als Allerweltsfigur nach Atlanta, als ehemaliger Defensive Coordinator der Jacksonville Jaguars ohne markige Sprüche, dafür mit Anpackermentalität. Dimitroff, der neue General Manager, galt als der smarte Typ von nebenan, stets top gestylt mit modischer Brille, gekommen aus dem Hause New England und eingelernt von Bill Belichick. Es war die Zeit, in der Belichick-Schüler die NFL fluteten als gäbe es keine anderen Menschen mit Footballsachverstand mehr.

Der erste große Move der neuen sportlichen Leiter war der endgültige Bruch mit der Vergangenheit: Sie zogen im NFL Draft 2008 den Quarterback von Boston College, Matt Ryan, an #3. Ryan galt als intelligenter Typ, als sehr feiner Quarterback, aber nicht mit der Aura eines Peyton Manning oder Brett Favre. Eher der Typ Rivers: Stark, vielleicht sehr stark, aber reißt dich net vom Hocker.

Und Matt Ryan war weiß.

Die Trennung zwischen schwarz und weiß ist kein Zufall, denn obwohl es mit dem Trio Smith/Dimitroff/Ryan quasi von Tag 1 an aufwärts ging, blieben in Atlanta plötzlich die Zuschauer aus. Die Falcons schafften im ersten Jahr, 2008, eine 11-5 Bilanz und qualifizierten sich sensationell ein Jahr nach dem tiefsten möglichen Tiefpunkt für die Playoffs, und hatten trotzdem Probleme, ihren Dome zu füllen.

Atlanta war nicht mehr Michael Vick Experience, sondern plötzlich „nur“ mehr eines von vielen guten Teams. Konventionell eben.

2010 schafften die Atlanta Falcons eine statistisch auf äußerst wackeligen Füßen stehende 13-3 Bilanz und wurden im ersten Playoffspiel von den Green Bay Packers zuhause brutal abgeschossen. Ein Jahr später waren die Falcons schon wieder in den Playoffs – wieder ein Desaster, diesmal eine Klatsche bei den Giants, in der die Offense ohne Punkte blieb.

Zeit für den nächsten Paradigmenwechsel in der Cocacolastadt. Zeit für Thomas Dimitroff, den Move zu machen, der seine NFL-Karriere nachhaltig prägen sollte – im Guten wie im Schlechten. Dimitroff prügelte im NFL Draft gegen den Rat der Statistiker und gegen den Rat seines Freundes und Mentors Belichick den Monster-Trade mit den Cleveland Browns durch, der Atlanta von der #27 Position im Draft hoch hievte auf #6 um sich das phänomenale Wide-Receiver Talent von Alabama zu sichern: Julio Jones.

Der Move war einer, der auch auf dem hiesigen Blog für gewöhnlich mit kritischen Kommentaren begleitet würde: Zwei 1st Rounder, ein 2nd Rounder und zwei 4th Rounder für Jones. Ein Move der Marke „geht er gut, bist du Genius. Geht er schief, bist du arbeitslos“.

Dimitroff riskierte mit diesem Trade Kopf und Kragen, aber er verfolgte auch ein klares Ziel: Atlanta sollte über Offense kommen, und mit dem fantastischen Offense-Quartett bestehend aus QB Ryan, WR Jones, WR Roddy White und TE Tony Gonzalez schafften die Falcons 2012 wie schon zwei Jahre zuvor eine 13-3 Bilanz nebst #1-Seed in der NFC. Und diesmal war es ein valides 13-3, nicht geschönt durch Dutzende knappe Freaksiege. Diesmal war es das Jahr.

Atlanta besiegte im Viertelfinale die massiv aufstrebenden Seattle Seahakws 30-28 in einem der besten Playoffspiele, die ich bislang gesehen habe. Atlanta spielte im Semifinale die nicht minder massiv aufstrebenden San Francisco 49ers eine Halbzeit lang an die Wand, führte schon 17-0 und ließ seine ganze Offense durch White, Jones und Gonzalez laufen, die 26 der 30 Completions von Matt Ryan fingen.

Am Ende verloren sie trotzdem wieder und verpassten die Super Bowl. Und noch immer hatten Atlanta und seine Falcons keinen Frieden geschlossen. Can’t win a playoff game verschob sich bloß zu can’t win the big one.

Die nächsten beiden Jahre gestalteten sich schwierig. Untergraben von einer zerfallenden Defense verpassten die Falcons jeweils die Playoffs. Die Schuld schob man Dimitroff in die Schuhe, dessen schief gegangener Trade die Breite im Kader ausgehöhlt habe. Die Geschichte läuft immer so: Geht dein Move auf, bist du der King. Geht er nicht auf, bist du der Sündenbock.

In Dimitroffs Fall war er irgendwie beides, denn a) Jones lieferte fantastische Leistungen ab und ist quasi seit seinem ersten Spiel einer der besten Offensivspieler der NFL und b) Atlantas Kader war in den Jahren nach 2012 wirklich dünn besetzt und von überragenden Vorstellungen seiner wenigen Leistungsträger abhängig.

Ab in die Zukunft II

Anfang 2015 zog Blank den Stecker, feuerte Mike Smith und installierte den Defensive Coordinator der Seattle Seahawks, Dan Quinn, als dessen Nachfolger. Quinn bekam nicht bloß die Kontrolle über den Trainerstab, sondern auch die Kontrolle über das Personal zugesprochen – eine Watschn für Dimitroff, der zwar seinen Job behalten durfte, aber in der Öffentlichkeit als angezählt und seiner Kompetenzen beraubt galt.

In Wirklichkeit dürfte sich Seltenes zugetragen haben: Quinn hatte klare Vorstellungen über die Zusammenstellung seines Kaders und Dimitroff arbeitete exzellent mit dem neuen Typen, den alle über den grünen Klee loben, zusammen. Quinn hatte eine Vorstellung, die dem ehemaliger New Englander Dimitroff fremd gewesen sein dürfte: Quinn wollte extrem schnelle Spieler für ein 1-Gap System. Dimitroff und sein Scouting-Kollege Scott Pioli, auch so ein einstiger Belichick-Schüler, waren klassischerweise physische 2-Gap Verfechter.

Aber Dimitroff stellte sein Ego zurück und kollaborierte mit dem neuen Chefcoach. Die Falcons drafteten in den letzten beiden Jahren unter anderem DE Vic Beasley, LB DeVondre Campbell, LB/FS Deion Jones, CB Jalen Collins und FS Keanu Neal – allesamt sehr quicke, schnelle Spieler mit Hard-Hitter Mentalität. Nicht alle Moves zahlten sich sofort aus und noch immer ist Atlantas Defense deutlich unterdurchschnittlich, aber du siehst einen klaren Plan. Und du siehst, dass Front Office und Trainerstab zusammenarbeiten.

Das ist nicht selbstverständlich in einer Welt voller Egos, schon gar nicht, wenn der eigentliche GM öffentlich demontiert wird. Doch just jener GM Dimitroff scheint heute stärker denn je, weil er sich gefügt hat anstelle zu intrigieren. Das ist Dimitroffs großer Verdienst an dem großen Erfolg.

Die sehr schnelle, auf Turnoverjagd gehende Falcons-Defense ist das eine augenscheinliche an den zeitgenössischen Falcons. Der viel wesentlichere Grund für den aktuellen Erfolgslauf ist aber die Renaissance der Falcons-Offense, die im zweiten Jahr unter OffCoord Kyle Shanahan den in den USA so gefeierten „Juggernaut-Status“ erreicht hat, eine Dampfwalze von Offense, die über alles und jeden drüberfährt und eine schlicht phänomenale Saison gespielt hat.

Shanahan ist ein Coach, dem das Zone-Blocking in die Wiege gelegt wurde. Sein Vater Mike feierte damit in den 1990ern gigantische Erfolge und wurde zweimaliger Superbowl-Champion mit den Denver Broncos. Sohnemann Kyle trieb sich viele Jahre lang in den Teams von Daddy Mike herum, wo er unter anderem die weltbewegende Rookiesaison von Robert Griffin III 2012 in Washington mit ermöglichte.

2014 ließ Kyle in Cleveland eine an den Talenten von QB Brian Hoyer richtig starke Offense spielen. 2015 war Kyle mit Atlanta 5-0 gestartet, ehe die Offense abkühlte und die Falcons doch noch die Playoffs verpassten. Doch jedem im Hause der Falcons war klar, dass die Offense Potenzial für Großartiges hatte.

Die Atlanta Falcons von 2016 spielten dann auch die vielleicht schönste Offense, die ich bislang in der NFL gesehen habe. Ästhetik ist natürlich immer eine Frage des Geschmacks, aber ich kann mich an keinen Angriff erinnern, der so austariert war wie Shanahans Atlanta 2016. New England 2007, Indianapolis 2004 oder Denver 2013 waren Passgewalten, Tennessee 2009 war ein Laufmonster. Atlanta 2016 war beides.

QB Matt Ryan spielte die Saison seines Lebens, mit über 8.2 NY/A im Passspiel, fast 5000 Yards, 38 Touchdowns und nur 7 Interceptions. WR Julio Jones mit über 1400 Yards als Trigger im Passspiel. Dahinter eine Armada mit 13 verschiedenen Touchdown-Fängern. Zwei Runningbacks mit insgesamt fast 2500 Yards und 24 Touchdowns. Atlanta mit insgesamt 540 Punkten in der Regular Season und zwei Playoff-Demonstrationen gegen Seattle (36 Punkte) und Green Bay (44 Punkte), die höher hätten ausfallen können.

So gilt 2016 auch als erstes Jahr, in dem die Falcons ihre Fanbase wieder einen konnten. Die Leute lieben Sieger, und sie lieben liebenswürdige Sieger. Atlanta ist weißer als vor 15 Jahren, aber noch immer eine schwarze Stadt – eine schwarze Stadt, die mit dem weißen QB Matt Ryan ihren Frieden gefunden hat.

Der heimische Georgia Dome war in den heurigen Playoffs so laut wie seit Vicks Zeiten nicht mehr, und spätestens seit in den letzten Minuten des Conference Finals die „M-V-P“-Schlachtrufe für Matt Ryan von den Rängen hallten, müssen Besitzer Blank und GM Dimitroff nach den harten und turbulenten Wechseljahren ihre Frieden mit der Stadt geschlossen haben.

Eine Freude, die nur noch zu toppen ist von einem Sieg im Endspiel gegen den „großen Bruder“ New England, gebaut vom Lehrmeister Dimitroffs, Bill Belichick.

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5 Kommentare zu “Dampfwalze in einer schwarzen Stadt – Die Atlanta Falcons haben ihren Frieden gefunden

  1. Gestern kam die Frage nach dem neuen niners GM auf. Im Podcast von Ninersnation, der SB-Nation-Blog der Niners, gibt (Dan Hatman, former NFL scout and director of the Scouting Academy) in den ersten 50, 60 Minuten oder so, seine Einschätzung dazu ab. Er beschreibt euch, wie selten Machtvolle GMs werden und wie zunehmend gute HC-GM-Kombis gesucht werden. Dazu geht er noch auf das Atlanta-Modell mit Dimitrov ein. Desahalb poste ich das mal hier.

  2. @korsakoff: Manueller Trackback, wie die jungen Leute früher gesagt haben.

    Das Publikum möge mir bitte folgende allgemeine Frage außer der Reihe nachsehen: Sag mal, bekommst Du das eigentlich mit, dass bei uns quasi jedes hier veröffentlichte Wort begeistert verlinkt wird (wenn auch selten von mir)?

  3. Danke für den tollen Artikel über die Falcons. Sie sind ja für gewöhnlich ein Team über das man in den Standart-Football-Medien eher weniger zu lesen bekommt. Ich denke bezeichnend dafür ist auch, dass dein Einstieg in das Thema Michael Vick ist. Zu diesem Zeitpunkt gab es die Falcons ja schon seit 35 Jahren, es interessieren sich, meiner Wahrnehmung nach, halt eher weniger Leute für sie.

    Die Falcons sind seit dem ich mich intensiver mit American Football auseinandersetze (2012) eine der angenehmeren Franchises der Liga. So wie ich sie kennen gelernt habe standen sie stets für eine tolle Offense. Vor allem zu Beginn war mit Tony Gonzales noch eine Größe da, den ich ehrlich bewunderte. Gefühlt jedes Mal wenn man auf ein Falcons Spiel geschalten hat kam eine Einblendung wie weit er noch von diesem Rekord entfernt ist oder, dass er jenen Rekord geknackt hat.

    Auf den diesjährigen Super Bowl bin ich mega gespannt. Die traditionell tolle Offense der Falcons hatte in diesem Jahr sehr viel Verletzungsglück und Kyle Shanahan holt momentan aus den Spielern das Maximum heraus. Allerdings bin ich von Shanahan noch nicht restlos überzeigt, nach dem wie ich ihn bei den Browns erlebt habe. Mal schauen wie er sich bei den 49ers machen wird.
    Dan Quinn hat anscheinend in der Defense tolle Arbeit geleistet, wenn man bedenkt wie es dort in den letzten Jahren unter Mike Smith ausgesehen hat ….

    Sorry für den langen Kommentar, ich wollte ursprünglich nur KURZ meine Meinung zu den Falcons abgeben 🙂

  4. @sternburg: „Mitbekommen“ natürlich ja, da ich noch immer regelmäßig auf AAS und AAAAS mitlese. Aktuell aufgrund Arbeitssituation nur nicht mehr täglich und vollständig.

    An der Stelle sei auch für die regelmäßigen Verweise gedankt.

  5. Pingback: Vorschau Super Bowl LI: New Englands Offense vs Atlantas Defense | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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