Das System New England: Do Your Job

In den letzten Jahren hat es sich er kleinen Tradition entwickelt, die Superbowl-Teilnehmer in der Woche vor dem großen Spiel einleitend vorzustellen. Nun will es der Teufel so, dass sich die New England Patriots zum Superbowl-Dauergast entwickelt haben und zum dritten Mal seit Bloggründung im NFL-Finale stehen. Es wird langsam langweilig. Deshalb möchte ich auf die Patriots-Einträge aus den letzten Jahren verweisen:

Die Patriots sind ohne jeden Zweifel die Modellfranchise in der gegenwärtigen NFL. Das beginnt natürlich mit Owner Robert Kraft, einem einstigen Fan, der die marode Franchise einst mit einigen kaufmännischen Tricks übernommen hat und sie zum Premium-Produkt im American Football hochgestylt hat.

Das hat natürlich viel mit QB Tom Brady zu tun, jenem Quarterback aus der sechsten Runde des NFL-Drafts, der die mit hoher Wahrscheinlichkeit beste NFL-Karriere eines Quarterbacks aller hingelegt hat und auch mit 39 Jahren noch auf phänomenalem Level spielt.

Aber ich halte Belichick weiterhin für die Schlüsselfigur. Belichick ist nicht bloß der Head Coach. Er ist Herz und Seele der Patriots-Organisation. Im Anschluss an die unglaubliche Superbowl vor zwei Jahren gegen Seattle hat das NFL Network eine dreiviertelstündige Dokumentation über Belichick und das Innenleben der New England Patriots veröffentlicht, die Belichicks Credo als Titel trägt: Do Your Job.

Ihr kann man einige wertvolle Informationen entnehmen, die über den Football hinaus nützlich sein können, was Kultur und Unternehmensführung anbelangt.


#1 Das Ziel vor Augen – Belichick beginnt und endet mit einem Credo, das er in besagter Doku in einem Nebensatz erwähnt: Players win it, Coaches lose it. Die Aufgabe des Trainerstabs ist es, die Spieler in eine Situation zu bringen, in der sie das Spiel gewinnen können. Das klingt äußerst banal, aber er richtet sein ganzes Schaffen auf diese Maxime aus. Und er kommuniziert es so: Belichicks erster und einziger Satz im Siegerinterview unter Konfettiregen ist Dank und Verweis an Spieler, Coach-Assistenten und Owner.

Belichick hat sein Ziel vor Augen. Das Ziel ist Wettbewerbsfähigkeit. Er weiß, was er will. Und er weiß, wie er sein Ziel erreichen will. Er weiß, welchen Weg er verfolgen muss. Do Your Job ist das Schlagwort: Jeder Spieler muss genau das umsetzen, was von ihm verlangt wird. Des Coaches Aufgabe ist es, die Rahmenbedingungen zu schaffen. „Rahmenbedingungen“ wie: Intensives Coaching der Basics als Tagesgeschäft. Zurechtlegen der Gameday-Strategie auf Wochenbasis.

Belichick ist die Ausführungsqualität der Spieler am wichtigsten. Perfekte Ausführung gewinnt dir allein nicht jedes Spiel, aber es gibt dir langfristig die beste Chance. Er würde einen minutiös einstudierten Gameplan in Minutenschnelle in die Tonne kloppen, wenn er fehlschlägt. Er würde einen Spieler, der sich nicht an die Anweisungen hält, noch im laufenden Spiel auf die Straße setzen.


#2 Vision und Kommunikation – Belichick mag in der Öffentlichkeit als komischer Kauz gelten, aber seine Assistenten sprechen mit leuchtenden Augen über ihm. Ich denke nicht, dass er als Griesgram durch den Laden läuft. Ich denke eher, dass sein Wesen in der Öffentlichkeit mit Authentizität zu tun hat. Ihm ist nicht wichtig, als größer Unterhalter durch die Weltgeschichte zu laufen. Seine Titel überstrahlen seine Person. Belichick ist wichtiger zu bleiben wie er ist. Und wenn ihn dumme Fragen stören, so be it. Kriegste halt einen gelangweilten Rüffler.

Ich denke sogar, dass Belichick intern ein fassungslos guter Stratege und Kommunikator ist. Jeder in der Organisation scheint seine Vision zu kennen. „Do Your Job“ ist Strategie und Marketing zugleich. Belichick scheint kein Problem zu haben, Aufgaben zu delegieren, weil er sich einen Mitarbeiterstab angelacht hat, dem er blind vertraut.


#3 Leistungsträger werden belohnt, nicht Namen – Belichick ist gewiss ein Maniac, ein Footballverrückter. Aber er hat sein Geschäft von der Pieke auf gelernt und vermutlich schon in jungen Jahren unzählige Stunden in langen Nächten über Tapes gesessen und Dinge gesehen, die seinem Head Coach entgangen sind. Vielleicht wurden diese Vorschläge nie angenommen. Belichick, der Head Coach, macht diesen Fehler nicht.

Es gibt einen sehr spannenden Artikel bei Mass Live über die Vorstellungsgespräche und die Art und Weise, wie Belichick seine Nachwuchstrainer einstellt und nach vorne treibt: Den 20/20 Weg. 20 Stunden am Tag für 20 Mille im Jahr. Belichick nimmt nur PhD-Kandidaten mit dem Willen für Zusatzschichten in sein Reich auf. Wer bereit ist, für quasi lau Überstunden ohne Ende zu schieben um sich in die Footballmaterie einzufräsen, ist willkommen. Wer nicht bereit ist, tschüss lieber heute als morgen.

McDaniels oder Matt Patricia gehören zu seinen Lieblingsschülern. Sie stehen synonym für den Belichick-Weg: Promote von innen. Wer gut ist, kommt nach oben. Keine Not für Anstellungen von außen, denn die Eigenbauprodukte kennen am besten den Weg. Um den Bogen zurückzuspannen: An eigene Sprösslinge zu delegieren, ist einfacher als jedes Jahr einen neuen Offensive Coordinator zu schulen.

Und auch das gehört zum System New England: Meritokratie. Nicht bloß werden gute Coaches befördert. Gute Spieler werden belohnt. Keine andere Mannschaft arbeitet so stark mit Gehaltsanpassungen für eigene Spieler wie die Patriots. Wer Leistung bringt, kriegt eine Gehaltsanpassung – auch ungefragt. Es ist keine Free-Agent Kohle, aber dafür bleibst du in einem System mit alljährlicher Chance auf Titel und viele Siege.


#4 Kommunikation nach oben – Die Beziehung zwischen Headcoach und Owner wird in der NFL gerne unterschätzt. Nicht so in New England. Bob Kraft mag als Gute-Laune Onkel über den Weg laufen, aber Kraft weiß sehr genau, was er in seinem Head Coach/General Manager sehen möchte, und Kraft hat in den 90ern den „anderen“ Modell-Coach der laufenden NFL, Pete Carroll, ohne Umstände gefeuert, weil es nicht gepasst hat.

Belichick scheint ein exzellentes Verhältnis zu Kraft zu besitzen. Natürlich sorgen Siege und Titel für Jobsicherheit, aber auf der anderen Seite gibt Belichick seinem Chef genau die Qualitäten, die dieser sehen will, und umgekehrt lässt der Chef den Headcoach operieren ohne ihm tagtäglich dazwischenzufunken. Sag dies mal Jerry Jones oder dem FC Bayern.


#5 Risikomanagement – Ein sehr wenig diskutierter Punkt beim Phänomen Belichick ist seine Handlungsschnelligkeit in kritischen Situationen. Wird es brenzlig, agiert er sofort und schiebt keine Probleme auf die lange Bank. Das trifft zu für Situationen im laufenden Spiel, wie zum Beispiel die Auswechslung von CB Kyle Arrington in der Superbowl gegen Seattle, als Arrington verbrannt und unsicher wurde – Belichick wechselte den völlig unerfahrenen Cornerback-Grünschnabel Butler an Arringtons Stelle ein.

Das trifft aber auch zu für laufende Adjustments im Spiel. Oder für die Trennung von Superstars kurz nach ihrem Zenit – Seymour, Law, Vinatieri, Welker, Moss, auch Revis, Collins oder Chandler Jones – sie alle wurden ohne mit der Wimper zu zucken abgeschoben, als das Preis/Leistungsverhältnis in die falsche Richtung zu kippen drohte. Das trifft auch zu für den schnellen Rauswurf von Aaron Hernandez kurz nach Aufkommen der ersten Mordanschuldigungen, aber noch vor einer offiziellen Anklage.


Ich denke, diese fünf Punkte summieren sich ganz gut auf den gemeinsamen Nenner „Kultur“. Die Patriots haben in den letzten 15 Jahren ein ganz spezielles Klima entwickelt, eine ganz spezielle Kultur. Das Team steht über allem, und es wird von ganz oben herab gelebt und kommuniziert. Die Selbstdarsteller werden eliminiert, die Mannschaftsdiener belohnt.

Owner und Head Coach haben ein stabiles Klima geschaffen, das den großen Rahmen – Do Your Job – bietet um im Kleinen einen permanenten Change-Prozess zu durchlaufen. Der stete Wandel macht aus den Patriots eine adaptive Maschine, die niemals ausrechenbar wird.

Doch das funktioniert nur unter den gegebenen Rahmenbedingungen. Das funktioniert nur, wenn der Kopf weiß, wovon er spricht und wohin er will. Das funktioniert nur, wenn er seinen Prinzipien treu bleibt – in diesem Fall sind es die Prinzipien Streben nach Perfektion, Teamwork, Wille zum Wandel, Promotion von innen und Handlungsschnelligkeit in kritischen Momenten.


New England wurde im Deflation Gate im Anschluss an den letzten Superbowl-Gewinn ohne erdrückende Indizien mit dem Verlust eines 1st Round Draftpicks und einem Saisonviertel Sperre für Superstar-QB Brady bestraft. New England verkaufte in der laufenden Saison seinen anerkannt bestveranlagten Abwehrspieler. New England verlor seinen besten Offensivspieler Gronkowski mit Verletzung für den Rest der Saison.

Trotzdem stehen die Patriots zum siebten Mal in 16 Jahren unter Bill Belichick in der Super Bowl. Testament genug für den wohl größten Coach der Geschichte.

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7 Kommentare zu “Das System New England: Do Your Job

  1. Zum Thema GRIESGRAM:
    Ich habe erst kürzlich die beiden „a Football life“ folgen zu bellichik gesehen. Und es war für mich auffällig, wie zufrieden, wie glücklich er wirkte mit dem, was er tat….

  2. Belichicks Einstellung lächerliche Fragen nicht zu beantworten, kann ich nachvollziehen. Eine unglückliche Schlagzeile bringt Unruhe ins Team und einen Nachteil für das nächste Matchup. Ich wundere mich vielmehr, warum andere Coaches das nicht wie BB handhaben.
    Off-topic: John Lynch (Safety und TV-„Analyst“) wird für sechs Jahre GM der 49ers??? „Boom or Bust“ würde ich sagen. Mutig.

  3. Was vielleicht noch zu erwähnen wäre: Die „Erhardt-Perkins“ Offense der Patriots. Echt Genial..
    Und wenn ich mich recht erinnere, war Bill Belichicks Vater Scout.

  4. „Erhardt-Perkins“ Offense ist, finde ich, der falsche Begriff. Schließlich ist es ja nur eine Art und Wiese Plays zu callen. Und die ist im College weit verbreitet…
    So etwas macht es einfacher – ist aber nicht Spielentscheident..

    Steve Belichicks Buch kann man recht günstig erwerben – war maßgeblich für seine Zeit.

    vieleicht ganz Interessant:
    https://d7zgbk06ve7c.cloudfront.net/assets/89051/berd3qz107xkdsckh51e/Super%20Bowl%20LI%20Offense%20Scouting%20Report%20(1).pdf

  5. Pingback: Vorschau Super Bowl LI: New Englands Offense vs Atlantas Defense | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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