Super Bowl 2018: Die Aufwärmphase

[23h55] Die Sympathien in Amerika sind klar verteilt:

[23h03] Zum Stadion, in dem heute gespielt wird: US Bank Stadium, fertiggestellt 2016 und in seiner Form den spitzigen Eiszacken nachgeahmt, die sich Winter für Winter im Fluss zwischen den Twin Cities bilden. Das US Bank Stadium ist ein Dome, auch wenn die Vikings-Franchise es genau andersrum gewollt hatte: Entweder Freiluftstadion oder verschließbares Dach. Erstere Option wurde gekippt, weil der Staat kein öffentliches Geld für eine solche Arena bereitstellen wollte, die im Winter nicht für andere Events als Football genutzt werden kann. Letztere Option scheiterte am zu teuren Kostenvoranschlag.

Also Dome – Kostenpunkt inklusive angrenzender Gebäudesanierungen: 1.1 Mrd. US-Dollar. Diese Preise erstaunen immer wieder, aber man muss um die mafiösen Vergabeumstände bei Baustellenaufträgen in den USA wissen, wo Dutzende nutzlose Gewerkschafts“arbeiter“ für Kaffeeklatsch in der Bar am gegenüberliegenden Straßenrand mitgezahlt werden.

800px-US_Bank_Stadium_-_West_Facade

Besonderheit ist die spitzige Form mit dem sehr schiefen Dach. Das ist kein Zufall: Man orientierte sich hier an alter nordischer Bauweise. Schiefe Dächer = abrutschender Schnee. Und so ist eine Stärke des Stadions die Schneeräumung, die relativ reibungslos von dannen geht: Dachform, 50 Fuß tiefe Dachrinnen, die einen Jahrhundertsturm abzudecken imstande sind.

Eine andere Stärke: Der Wasser- und Energieverbrauch. Die Arena verbraucht dank neuartiger Messsysteme 21,5 Millionen Liter Wasser (oder 40% weniger) weniger als der alte Metrodome. Dank der relativ neuen ETFE (für Kenner: Ethylen-Tetrafluorethylen) Technologie produziert die Arena ausreichend Energie, um den Eigenbedarf zu 100% zu decken. Dazu pflastern fast 4000 m² Grünfläche das Stadioninnere.

Eine Besonderheit ist die relative Nähe der Tribüne zum Spielfeld: Die Seitenlinie ist nur 12m vom Feld entfernt – kein NFL-Stadion ist näher am Geschehen. Das gepaart mit den hohen Tribünen sorgt für relativ lautes Ambiente: 120 Dezibel wurden bereits gemessen.

In Summe gilt das Stadion als gelungenes Werk. Die große Kritik sind die verspiegelten Gläser an der Außenfassade, durch die Heerscharen an Vögeln zu Tode kommen. Aktuell diskutiert man über eine 10 Mio. teure Renovierung: Matt beschichtete Gläser anstelle der aktuellen.

Eagles und Analytics

[22h45] Nicht nur die Patriots sind Experten in Advanced-Analytics. Auch in Philadelphia hat man in dieser Saison umgedacht und baut auf die Macht der Zahlen – mit ein Grund, weswegen Doug Pederson so aggressiv in 4th Downs coacht:

Hall of Fame Klasse 2018

[22h40] Neben den NFL-Awards wird am Tag vor der Superbowl stets auch die Hall-of-Fame Klasse bekannt gegeben. Die Klasse von 2018 umfasst interessanterweise u.a. 2 Linebackers und 2 Wide Receiver:

  • LB Ray Lewis. Lewis war eine Ikone der Baltimore Ravens, für die er von 1996 bis 2012 spielte und neben 2 Superbowl-Siegen auch 2 Defense-MVPs, einen Superbowl-MVP und 13 Pro Bowl-Einladungen bekam. Lewis gilt in vielen Kreisen als bester Inside-Linebacker aller Zeiten. Er war auch berühmt für seine selbst-darstellenden, „inspirativen“ Der große schwarze Fleck auf Lewis‘ Weste: Seine unzureichend geklärte Rolle in einem Mordfall in den Tagen vor der Superbowl 2000 in Atlanta. Strafrechtlich gab es keine Verurteilung, aber Lewis zahlte den Hinterbliebenen der Opfer außergerichtlich Millionen.
  • LB Brian Urlacher. Urlacher war eine Linebacker-Legende bei den Bears (2000-2012). Er hatte das Pech, gleichzeitig mit Lewis in der NFL zu spielen, aber auch er war lange Jahre ein Superstar, u.a. mit dem Defense-MVP Titel 2005. Urlacher war auch bekannt für sein bizarres Tattoo in einer Zeit, in der noch nicht jeder NFL-Spieler an beiden Armen zerstochen war.
  • WR Randy Moss. Moss war der prägende Wide Receiver meiner NFL-Zeit. Er ist die #2 in vielen wesentlichen Statistiken hinter dem uneinholbaren Jerry Rice und war in den 2000ern unangetastet der Maßstab auf seiner Position. Neben seiner freakischen Erscheinung (fast 2m groß, Beine so dürr wie eine Gazelle) und seinem gewaltigen Speed war Moss auch fangsicher. Er galt als extrem spielintelligent, hatte aber nicht immer Lust auf Football „(I play when I want to play“). In Minnesota und Oakland wurde er deshalb vom Hof gejagt, aber in New England wurde er mit seiner 23-TD Saison 2007 zur Legende. Ich schrieb schon zu seinem ersten Rücktritt 2011 eine kleine Hommage an Moss (er kehrte 2012 nochmal zurück und spielte mit den 49ers in der Superbowl).
  • WR Terrell Owens. Wie Moss Wide Receiver und in einigen Statistiken mit Moss fast gleichauf. Während Moss ein nicht zu stoppendes Downfield-Thread und Touchdown-Maschine in der Redzone war, kam Owens (Kosename „T.O.“) eher wie ein Tight End mit Speed eines Wide Receivers daher. Owens wartete nun schon einige Zeit auf seine Wahl in die Hall of Fame. Schuld daran war sein egozentrischer Charakter: Im Vergleich zu den Flauseln von T.O. war Randy Moss ein Chorknabe par excellence. Owens zerstritt sich im Laufe seiner Karriere mit Coaches, Offiziellen und Teamkollegen in San Francisco, Philadelphia (direkt im Anschluss an die Superbowl gegen New England!), Dallas und Cincinnati. Einige sagen sogar: Er machte seine Offenses schlechter.
  • FS Brian Dawkins: Eagles-Legende. Dawkins war der gefürchteste Hitter in meinen ersten Jahren in der NFL. War neunmal in der Pro Bowl und 4x All-Pro. Er ging später nach Denver, aber einen Superbowl-Ring holte er leider nie.
  • Senior-Gewählte: Jerry Kramer und Robert Brazile.
  • Contributor: Bobby Beatheart

Ich verstehe nicht, warum die NFL nicht irgendwann Don Coryell, den Erfinder der stilprägenden „Air Coryell Offense“ in die Hall of Fame wählt. Bei den Spielern war OG Steve Hutchinson, der Mann um den es beim „Trade des Jahrzehnts“ ging, der bekannteste nicht Gewählte.

Ausrichterstadt

[22h20] Damit zum Ausrichtungsort der Super Bowl 52: Minneapolis, Teil der „Twin Cities“ (neben dem weniger bekannten St. Paul, der eigentlichen Hauptstadt des Bundesstaates Minnesota). Minneapolis ist die bekanntere der beiden Schwesterstädte, deren Metropolregion den Bundesstaat Minnesota dominiert und mit über 300.000 Einwohnern in der Kernstadt auch die größte im Staat.

Ich war noch nie dort, aber man erzählt mir, dass sich Minneapolis und St. Paul durchaus im Erscheinungsbild stark unterscheiden. St. Paul ist eher die Stadt mit vielen kleineren Straßen, gebaut überwiegend im viktorianischen Stil mit vielen zierlichen kleinen Häusern, während Minneapolis die typischen, breiten amerikanischen Straßen mit monströser Skyline aufbietet. Daher galt St. Paul stets als letzte Bastion des Ostens, Minneapolis als erste moderne US-Stadt im Westen.

Das Verhältnis der beiden Städte war lange von starker Rivalität geprägt, was sich heute z.B. im Sport darin noch äußerst, dass sämtliche großen Franchises den Namen des Bundesstaates, nicht den einer der beiden Städte, tragen um alle zu befriedigen: Minnesota Vikings (NFL), Minnesota Timberwolves (NBA), Minnesota Twins (sic!) und Minnesota United FC – alle in Minneapolis daheim. Und Minnesota Wild aus der NHL, deren Halle in St. Paul steht.

2011 bestand die ernsthafte Chance, dass die Vikings nach St. Paul übersiedeln würden – ich schrieb damals darüber in „Wikingers Schrecken: Das Volk muckt auf“. Letztlich blieben die Vikings in Minneapolis. Das neue Stadion wurde direkt auf dem Grund des alten Metrodomes gebaut.

Patriots und Advanced-Stats

[22h04] Halbe Stunde Podcast geht sich noch aus: NBC-Boston hat sich im Vorfeld der Superbowl auf die Suche gemacht, warum die Patriots fast immer wie eine Klette im Spiel hängen und sich fast nie abschießen lassen. Brian Burke, bei uns schon lange bekannte #1 unter den NFL-Mathleten, ist auch dabei. Er sagt: Für alle andere 31 Mannschaften macht das Efficiency-Ranking einen guten Job, aber die Patriots sind der krasse Ausreißer.

Klammer auf: Einer der ersten Artikel von Burke direkt nach Spygate 2007 (und einer der Artikel, der mich einst zu den Advanced-Stats brachte) war seine Studie zu Belichick und dem Fakt, dass er konstant die Sieg-Erwartung seiner Mannschaften schlägt. Burke nutzte seine Studie damals zur Frage: Ist das Beweis, dass Belichick ein Cheater ist? Heute, über zehn Jahre später, sagt Burke: Belichick schlägt seine Siegerwartung noch immer um runde 2 Spiele pro Jahr. Zwei Spiele. Bei nur 16 insgesamt. „Clutch“ ist schwer zu definieren und über 32 Mannschaften nicht zu greifen. Außer in New England.

Hier kann man reinhören (Burke kommt erst am Ende):

[21h55] Robert Mays vom Ringer ist im Stadion. Er sieht bereits die erwartete Eagles Fan-Armada anrollen und prophezeit Heimspielatmosphäre für grün.

[21h50] Todesfall in der NFL: Colts-LB Edwin Jackson wurde heute von einem Besoffenen auf der Autobahn überfahren. Jackson war 2017 auf IR, aber 2016 spielte er 695 Snaps in Defense und Special Teams, also fast 47% der möglichen Snaps.

NFL-Awards 2017/18

[21h44] Letzte Nacht wurden die NFL-Awards 2017/18 vergeben:

  • MVP: QB Tom Brady/Patriots. Brady zum dritten Mal nach 2007 und 2010. Eine Ironie an der MVP-Wahl: Seit Kurt Warner 1999 hat kein NFL MVP mehr die Superbowl gewonnen.
  • Offensivspieler des Jahres: RB Todd Gurley/Rams. ESPN verweist in seiner Analyse der EPA (expected points added) darauf, dass Gurley noch nichtmal in den Top-3 der wertvollsten Runningbacks der Saison war.
  • Defensivspieler des Jahres: DT Aaron Donald/Rams. Donald setzte sich mit 23:17 Stimmen gegen den Defense Liner der Jaguars, Calais Campbell, durch. Donald gilt seit Jahren als effizientester Defensive Tackle in der NFL, kam aber nie an J.J. Watt und Konsorten vorbei. Er ist der erste DT seit Warren Sapp 1999, der den Award gewinnt.
  • Coach des Jahres: Sean McVay/Rams. McVay verdiente sich den Titel durch seine Arbeit mit der Rams-Offense, die er von #32 hoch in die Top-10 führte. Auffällig dabei, wie er QB Goff bog, indem er ihm bei den Audible-Calls half. Ich hätte trotzdem einen anderen Coach gewählt: Doug Pederson (Belichick außer Konkurrenz).
  • Coordinator des Jahres: Pat Shurmur/Vikings für seine Arbeit mit Case Keenum. Täuscht es, oder bekommen die Titelträger dieses Awards jedes Jahr einen Headcoach-Posten?
  • Offense-Rookie des Jahres: RB/WR Alvin Kamara/Saints. Eine klare Sache für Kamara und gegen RB Kareem Hunt, der die Rushing-Krone gewann. Wobei: Deshaun Watsons Einsatz 2017 war zwar kurz, aber so sensationell, dass ich Argumente für eine Wahl Watsons verstanden hätte.
  • Defense-Rookie des Jahres: CB Marshon Lattimore/Saints. Die Rams gewannen OPOY/DPOY und den Coach-Titel, die Saints beide Rookie-Awards. Testament für einen großartigen Draft.
  • Comebacker des Jahres: WR Keenan Allen/Chargers.
  • Walter Payton Mann des Jahres: J.J. Watt für seine 37-Mio. Dollar Spendenaktion im Umkreis von Houston in der Hurrikansaison. Wenn Watt keine MVP-Awards holt, dann eben Most-Valuable NFL-Mensch. Eine gute Alternative wäre Kaepernick gewesen.

[21h28] In Minneapolis ist es heute bitterkalt: -17°C Außentemperatur um 14h Ortszeit. Wir sehen im folgenden Schnappschuss: Das Wetter ist schön. Trotzdem angenehm für alle Beteiligten, dass heute in einem Dome gespielt wird.

[21h17] Drei Stunden und ein paar Zerquetschte bis Kickoff. Lass uns mal in die Aufwärmphase gehen. Neben den diversen Artikeln zur Einstimmung auf diesem Blog verweise ich noch auf zwei Links extern:

 

11 Kommentare zu “Super Bowl 2018: Die Aufwärmphase

  1. „Ich hätte trotzdem einen anderen Coach gewählt: Doug Pederson (Belichick außer Konkurrenz).“
    Mehr muss man über das Lebenswerk von Belichick wohl nicht mehr sagen, hoffen wir, dass wir uns noch lange an seiner Arbeit erfreuen können

  2. das Stadion ist geil, wäre gerne dort live dabei um zu vergleichen wie die Stimmung zwischen fussball Stadion und Football Stadion ist.

  3. LOL Dakota… haben die Angst, dass ein Superbowl Win mit Foles der Legacy von Homeboy Wentz schadet?

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