Trainerstühlerücken 2017

Schauen wir uns auf dem Arbeitsmarkt für NFL-Headcoaches um.


Drei offene Posten sind uns aus der Regular Season bekannt: Buffalo, wo Head Coach Rex Ryan gefeuert wurde (my Take: hier), Jacksonville, das den erfolglosen Headcoach Bradley vor Weihnachten entlassen hat, und Los Angeles, wo Jeff Fisher nicht mehr „Der Ewige“ ist.

Buffalo halte ich für ein schwieriges Pflaster: Die Owner-Familie Pegula ist schwer ausrechenbar, die QB-Situation horrend und die Defense in den letzten Jahren auseinandergefallen. Zudem: Wer geht freiwillig in die AFC East, wo trotz Bradys 39 Lenzen immer noch Belichick die Konkurrenz an die Wand coacht?

Jacksonville ist ein interessanter Posten: Owner Khan gilt als geduldig. Viele Kaderpositionen sind mit jungen, hohen Draftpicks vielversprechend besetzt. Aber die Quarterback-Position ist mit Bortles ein massiver Knackpunkt.

Los Angeles halte ich entgegen dem Common-Sense für eine durchaus attraktive Stelle. Die QB-Position mag nach Goffs verheerendem NFL-Einstand ein Fragezeichen sein. Aber der Owner Kroenke ist a) steinreich und bereit, Geld auszugeben wo es gebraucht wird und b) kein Nervösling, der nach zwei schlechten Jahren die Geduld verliert.

Drei weitere Posten sind kurz nach Saisonende aufgegangen.

San Francisco 49ers

San Francisco, wo die nächste Generalsanierung versucht wird: Head Coach Chip Kelly und GM Trent Baalke runter. Kelly ist ein bissl tragische Geschichte: Gekommen als großer Innovator und in seinen ersten Jahren durchaus erfolgreich, aber dann ist Kelly schlicht in seiner Entwicklung stehengeblieben. Eine Kombination aus fehlender Entwicklung, Sturheit auf beiden Seiten sowie schlimmer Quarterback-Situationen hat zu Kellys schneller Entlassung auch in San Francisco geführt. Eine erstklassige Zusammenfassug der vier Jahre Chip Kelly in der NFL hat Seth Wickersham bei ESPN geschrieben. Hier ist nichts hinzuzufügen:

Kelly’s greatest strength as a coach is and always will be his self-confidence. He has always felt that he could plug whomever into his system and it would work. He felt he would revolutionize the NFL — even with college football and professional football being two distinctly different games; even if NFL rules and referees and his own rosters conspired against his up-tempo attack; even if he fell victim to the familiar refrains of lack of time and patience; even if, in the end, Chip Kelly turned out to not be an idea after all.

Next Up für Kelly? Er will in der NFL bleiben, während ihm viele zurück ans College raten würden. Aber Kelly hasst das Recruiting. Könnte für Chip der Kiffin/Sarkisian-Approach der richtige sein – ein bis zwei Jahre zurück auf den OffCoord-Posten um die Karriere wiederzubeleben? Für Kelly, den Belichick-Spezl ist mir vor ein paar Tagen der Patriots-Weg in den Sinn geschossen: Könnte Chip als Belichick-Assistent, möglicherweise sogar als McDaniels-Nachfolger (wenn McDaniels tatsächlich wider Erwarten Cheftrainer werden sollte) auf OffCoord, in New England anheuern?

Kelly liegt vielleicht nur temporär in Trümmern. Bei seinem ex-Arbeitgeber bin ich mir weniger sicher ob es nicht ein permanentes Problem ist. Der Abgang von GM Baalke, ist Addition durch Subtraktion. Baalke ist der Hauptverantwortliche dafür, dass San Francisco vor zwei Jahren den Erfolgscoach Harbaugh vom Hof gejagt hat. Grund: Baalke hatte sich in seinem Ego zu stark angegriffen gefühlt.

Kelly war Teil des sportlichen Problems. Baalke Teil des Management-Problems. Ich bin mir aber noch nichtmal sicher, ob es damit getan ist. Ich verorte in San Francisco bekanntlich seit zwei Jahren vor allem ein kulturelles Problem. Das beginnt ganz oben. Das beginnt bei Jed York.

Zitat York zur Entlassung von Baalke und Chip bzw. die weitergehende Schuldfrage: Ich bin der Owner, und einen Owner feuert man nicht. Eben. Yorks Hauptqualifikation: Er hat die Franchise-Erbin geheiratet. Folge: Du wirst York so schnell nicht los, solange du keine Nutten ins Front Office beförderst um die Familie zu spalten.

Und damit sind wir bei der Wurzel des Problems. Welcher halbwegs ambitionierte Headcoach-Anwärter geht freiwillig zu einem Team, das einen talentlosen Kader durchschleppen muss? Wo sich der Owner nicht bloß als völlig inkompetent erwiesen hat, sondern – noch viel schlimmer – es zustande gebracht hat, eine Dampfwalze von Mannschaft mit Starcoach innerhalb von zwei Jahren in Grund und Boden zu managen? Der drei Coaches in drei Jahren gefeuert hat – zuletzt Chip, weil er mit einem 2-14 Roster keine 13 Siege plus Superbowl gemacht hat, sondern eben nur 2 Siege?

Fazit: Bei den 49ers anzuheuern, kommt einem Karriereselbstmord gleich.

San Diego Chargers

In San Diego wurde nach vier Jahren Mike McCoy gefeuert. McCoy bleibt für mich ein Phantom. Er kam 2013 als großer Hoffnungsträger nach San Diego und belebte vom ersten Tag die Offense um QB Rivers. Rivers‘ 2013er Saison ist eine der ganz großen in meiner NFL-Zeit. Was die Chargers damals welche ästhetisch atemberaubenden Pass-Feuerwerke das Feld runtergejagt haben: Brillant! Etwas schade, dass Rivers damals von Peyton Mannings Rekordsaison mit Denver überstrahlt wurde.

Manning war es auch, der San Diego in jener Saison aus den Playoffs kickte. Das Viertelfinalspiel Denver vs San Diego ist auch heute noch rückwirkend der Wendepunkt der McCoy-Chargers, die das Spiel komplett verschliefen und gegen einen sehr schlagbaren Gegner überhaupt keine Eier bewiesen und 24-17 verloren.

Ich verzeihe McCoy bis heute nicht, wie brutal er das Broncos-Spiel damals vercoacht hat. Folgerichtig ging es danach abwärts. Geplagt von vielen Verletzungen und schwacher Defense folgten auf 2013 ein 9-7, 4-12 und 5-11. Prägend: Viele Bizarro-Niederlagen. San Diego hatte heuer eine 1-8 Bilanz in engen Spielen und fand jede Woche neue Wege, die Partien wegzuwerfen.

Ich gehe nicht einher mit der Meinung, dass die Chargers vom Spielerpersonal ein klares Playoffteam hätten sein müssen. Ich hielt das Team schon in der Preseason für zu schwach. Gemessen an (meinen) Erwartungen waren die Chargers sogar besser als angenommen. Sie verschenkten jedoch zu viele Spiele – ein Charakteristikum der McCoy-Zeit.

Damit unterscheidet sich McCoy nicht wesentlich von den Detroit Lions unter Jim Schwartz, die auch immer großes Potenzial angedeutet haben nur um zum Ende des Tages fast alle knappen Spiele zu verlieren. „Nicht genutztes Potenzial“ ist die größte Sünde, die man einem NFL-Coach nachsagen kann – und wie Amerika eben so ist, wird diese Sünde mit Entlassung bestraft.

Wer will nun für San Diego arbeiten? Seit der Schottenheimer-Entlassung 2007 nach einer 14-2 Saison ist der Owner Spanos bei mir komplett unten durch – aber trotzdem hat es Spanos geschafft, mit Norv Turner und McCoy seither zwei durchaus begehrte Nachfolger zu verpflichten. San Diego hat einige Diamanten in Offense und Defense, aber QB Rivers ist Mitte 30 und mit TE Gates geht die zweite Franchise-Ikone rasant dem Karriereende entgegen. Ich kann mir aktuell überhaupt nicht ausmalen, wer Nachfolger von Mike McCoy wird.

Denver Broncos

Freiwillig gegangen ist Denvers Gary Kubiak. Kubiak tritt aus gesundheitlichen Gründen ab. Kubiak hatte schon vor drei Jahren als Headcoach in Houston einen Schlaganfall. Kubiak galt in den 1990ern und frühen 2000ern als genialer Offensive Coordinator in Denver unter Mike Shanahan, u.a. als Verfechter der damals noch nicht gängigen „Zone Blocking“ Offense, die 1500yds-Rusher in Serienproduktion hervorbrachte und sich mitverantwortlich zeichnete dafür, dass die QB-Legende John Elway kurz vor Karriereende noch zwei Superbowls abstaubte.

Kubiak ging hernach nach Houston, wo er die am Boden liegende junge Texans-Franchise auf Vordermann brachte. Kubiak zeichnete sich in jener verantwortlich für eine Latte an bizarren In-Game Entscheidungen. Nach Kubiaks Abgang in Houston erinnerte sich Elway schließlich an seinen alten Mentor und holte Kubiak vor zwei Jahren heim nach Denver. Resultat: Der Superbowl-Ring 2016. Ein Ring, für den Kubiak so wenig Credit bekam wie nie jemals ein Coach zuvor.

Kubiaks Rücktritt wurde auch bei den Sofa-Quarterbacks ausgiebig diskutiert. Vor allem Andreas Renners Gedanken zum permanenten Stress des 24/7 (mal 365 Tage) Jobs „Footballheadcoach“ sind sehr erleuchtend. In der Tat habe ich mich schön öfter gefragt, warum selbst bei Coaches nach 20-30 Jahren mitten in dem Trubel nicht häufiger ein Burnout ans Tageslicht tritt. Wie getrieben müssen diese Leute sein? Für Kubiaks Entscheidung bleibt unter diesem Aspekt nur, Respekt zu zollen. Respekt, aus dieser Sucht ausgestiegen zu sein.

Für die Denver Broncos? Abwarten und Tee trinken. Sportlich wurde Kubiak geholt um die Offense umzubauen. Das scheiterte grandios. Dafür war die Defense der Erfolgsgarant. Auf der anderen Seite gilt Kubiak seit Jahren als menschlicher Fels, der es prächtig versteht, ein Team – Trainer wie Spieler – zu einen. Wade Phillips soll in Denver weiterhin der DefCoord bleiben, weswegen die Vermutung naheliegt, dass Kubiaks Nachfolger ein Mann mit Offense-Hintergrund werden wird.

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5 Kommentare zu “Trainerstühlerücken 2017

  1. Denise DeBartolo York, Tochter von Edward J. DeBartolo Sr. und Mutter von Jed York, ist Owner der 49’ers. Jed York ist „nur“ CEO und könnte durchaus ersetzt bzw. ihm könnte ein president of football operations vgl. John Elway vor die Nase gesetzt werden. Im rein geschäftlichen Bereich macht Jed York ja keinen so schlechten Job.

  2. San Diego hat inzwischen wieder eine recht vernünftige junge Defense mit der sich was machen lässt.
    Ein dicker Brocken ist da noch die Division die auch bockelhart aussieht sobald Denver einen brauchbaren QB gefunden hat. Da wird die Playoffquali schon echt anstrengend werden.

  3. @Riker: Ich frage mich, wer überhaupt in der Lage wäre, Herrn York jemanden vor die Nase zu setzen.
    Bleibt zu hoffen, dass die 49ers in absehbarer Zeit wieder konkurrenzfähig werden. Ist eigentlich eine spannende Division. Aber wird wohl länger dauern nachdem Harbaugh und das halbe Team damals schlagartig das sinkende Schiff verlassen haben. Da ist irgendwo (noch immer) der Wurm drin. Vermutlich ein Wurm namens York.

  4. Könnte mir vorstellen, dass LA für Harbaugh interessant wäre, wenn er in die NFL zurück wollte. Denke zwar eher, dass er mit Michigan noch lange nicht durch ist und sein Projekt beenden will, aber in LA hätte er einen geduldigen Owner, viel Potential in der Defense, könnte 2x im Jahr gg Seattle und SF spielen und dass er einen relativ limitierten QB lenken und entwickeln kann, hat er auch schon bewiesen.

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