Quick Outlook zum Start des Novembers: Was wir wissen, und was noch nicht

Allerheiligen ist nicht nur Innehalten auf dem Friedhof. Es ist auch kurzes Innehalten vor der großen Saison-Schlussphase. In der NFL ist Allerheiligen so ziemlich Saison-Halbzeit. Im College Football ist es der Moment der Ruhe vor dem Sturm.

(Kein Spoiler des Donnerstagsspiels Cardinals vs. 49ers)

NFL

Die meisten sehen den Hauptsinn in der NFL-Regular Season, die 12 Playoffteilnehmer zu ermitteln. Ich sehe es seit gut zehn Jahren in Nuancen anders: Hauptziel ist es, sich ein Freilos für die erste Playoffrunde zu erspielen – also einen der beiden besten Records pro Conference zu erzielen (#1 oder #2 Seed).

Das letzte Team, das durch die Wildcard-Runde musste und in den Playoffs landete, waren 2012/13 die Ravens. Man kann natürlich argumentieren, dass von 2005 bis 2007 bzw. 2010 bis 2012 jeweils dreimal en suite ein Team den Titel holte, das durch die erste Playoffrunde musste, doch seit dem Liga-Realignment vor 17 Jahren spielte immer mindestens ein Team mit Wildcard-Freilos in der Superbowl mit – neunmal davon spielten jeweils zwei Teams mit Freilos in Runde 1 gegeneinander.

Anders: 26 der letzten 34 Finalisten mussten nur zwei Playoff-Runden überstehen. Die letzten sechs Superbowls fanden jeweils zwischen einer #1 und einer #2 der jeweiligen Conferences statt.

Wir können zur Saisonmitte 2019 schon ganz gut abschätzen, wie das Rennen heuer laufen wird. In der AFC holten die Patriots in über 92% der Simulationen mit ESPN FPI den #1 Seed, und in über 98% der Fälle (!!) einen der beiden Top-Seeds, der ein Freilos garantiert.

Das andere Freilos wird prinzipiell zwischen Chiefs (26% Chance zumindest den #2 Seed), Ravens (22%), und dem Sieger der AFC South (Texans 28% / Colts 20%) ausgespielt.

Im Prinzip kann man das so zusammenfassen: #1 Seed ist so gut wie an die Patriots vergeben, das Rennen um den wichtigen #2 Seed wird prinzipiell zwischen vier ernsthaften Contendern aus drei Divisionen ausgespielt.

In der NFC ist das Rennen um den #1 Seed enger (49ers mit 51% momentan favorisiert), aber im Rennen um die beiden Freilose gibt es aktuell nur laute Bewerber:

  1. 49ers (76% Chance auf zumindest die #2)
  2. Saints (57%)
  3. Packers (45%)

Die Vikings als das Team mit der vierthöchsten Chance fallen schon deutlich ab: Nur 14% Chance. (In der NFC East hat Dallas aktuell eine 2%ige Chance auf ein Freilos, Philly 0.6% – diese Division wird mit hoher Wahrscheinlichkeit durch die Wildcard-Runde müssen.).

Der Satz „Der Superbowl wird nicht im November ausgespielt“ ist natürlich wahr, aber mit heutigem Wissen stehen die Chancen sehr hoch, dass zwei dieser acht Teams – Patriots/Ravens/Chiefs/Colts/Texans vs. 49ers/Saints/Packers – Anfang Februar um den NFL-Titel spielen. Wie verrückt das ist?

Nun – vor nur zwei Monaten waren nur drei dieser acht Mannschaften in meiner Liste der „Titelfavoriten“. Vier weitere waren im erweiterten Titelkreis, und die 49ers hatte ich wegen zu großer Bedenken ob ihrer Defense nur als Mitläufer-Team in der Range außerhalb der Top-16 gerankt. Wie schnell die Zeit vergeht.

College Football

Im College Football sieht die Meisterschaftsfindung ein bisschen anders aus: Bekanntlich qualifizieren sich vier händisch Auserwählte aus 130 FBS-Mannschaften für die Playoffs – für alle anderen bleiben nur Bowl-Freunschaftsspiele.

Für diesen Auswahlprozess wird bereits seit zwei Monaten fleißig Ausscheidung gespielt, aber es gilt wie immer: November ist der „Monat der Wahrheit“. Hier finden die meisten Topspiele statt, hier passieren die meisten Überraschungen.

Ob man es angesichts der so häufig propagierten Vielfalt im College Football gut findet oder nicht: Das Hauptinteresse der letzten Jahren hat sich verdichtet zum Rennen um den National Title. Conferences mögen ihren Wert haben, doch eine Einladung in eine New Year’s Six Bowl ohne Playoff-Halbfinal Status wird bestenfalls noch als Trostpreis wahrgenommen.

Die Prämissen für College Football Playoffs sind verkürzt folgende:

  • Vier Teams schaffen es dorthin.
  • Ob es sich um die vier „besten“ oder vier „verdientesten“ handelt, ist von Jahr zu Jahr nicht ganz klar. In den letzten Jahren wurde ein Mischmasch auf bestem Record, bester Effizienz, bestem Schedule und Conference-Titel als Kriterium herangezogen.
  • Das genaue Ranking als #1 oder #4 interessiert kein Schwein. Einer der vier zu sein, ist das Ziel!
  • Eine Niederlage ist noch kein Beinbruch, aber zwei waren bislang immer zu viel. Es gilt also, den einen Stolperer zu viel zu vermeiden.

Es gibt noch mehrere ungeschlagene Mannschaften vor Start des Novembers, von denen einige aber noch gegeneinander spielen. Die Teams mit bereits einer Niederlage stehen bereits total mit dem Rücken zur Wand, dürfen sich wohl keine weiteren Niederlagen mehr erlauben.

Clemson (8-0) aus der Atlantic Coast Conference ist nicht das beste Team des Jahres (#5 nach SP+), doch mit einem soften Schedule eine gute Wette, ungeschlagen rauszulaufen – was mit dem Nimbus des Titelverteidigers auf jeden Fall reichen würde.

Ein zweiter Platz wird mit hoher Wahrscheinlichkeit an die Big Ten Conference gehen: Ohio State (8-0 / #1 nach SP+) als bis jetzt bestes Team der Saison und Penn State (8-0 / #7 nach SP+) sind die beiden ungeschlagenen Kandidaten. Sie spielen noch gegeneinander. Beide haben keine guten out-of Conference Siege, doch ohne nennenswerte Konkurrenz aus der Paralleldivision stehen die Chancen sehr hoch, dass nicht beide Mannschaften noch mehr als eine Pleite kassieren.

Ein dritter Platz geht mit Sicherheit an die SEC. Alabama (8-0 / #2 nach SP+) und LSU (8-0 / #3 nach SP+) sind die Topfavoriten. Sie spielen am 9. November in einem absoluten Gipfeltreff gegeneinander. Gleichzeitig spielen morgen Georgia (6-1 / #6 nach SP+) und Florida (7-1 / #13 nach SP+) gegeneinander – beide stehen aktuell bei einer Niederlage und könnten mit einem Sieg morgen plus dann im SEC-Finale noch die Playoffs schaffen. Bei so vielen starken Anwärtern stehen die Chancen damit sehr hoch, dass zumindest ein SEC-Team mit maximal einer Niederlage durchkommt.

Das Rennen um den vierten Platz ist offen. Der Verlierer aus Penn State/Ohio State, ein zweites SEC-Team und Oklahoma (7-1 / #4 nach SP+) sind die aussichtsreichsten Kandidaten. Nur relativ krasse Außenseiter sind Baylor (7-0 / qualitativ als #17 nach SP+ doch etwas abfallen und keine Reputation als Uni) und Oregon (7-1, aber in einem National-Game gegen Auburn verloren und schlecht ausgesehen).

Die wichtigste Metrik zum Verfolgen ist ESPNs SOR (Strength of Record), die die Qualität der Siegbilanz in Relation zum gespielten Schedule stellt. Bei folgenden noch ausstehenden Krachern…

Florida vs. Georgia (02.11.)
Alabama vs. LSU (09.11.)
Auburn vs. Georgia (16.11.)
Ohio State vs. Penn State (23.11.)
Auburn – Alabama (30.11.)
Michigan – Ohio State (30.11.)
Conference-Finals (06.-07.12.)

…plus den üblichen, jetzt noch nicht absehbaren Stolpersteinen (z.B. Minnesota vs. Penn State!) aus der zweiten Reihe, ist es noch zu früh, mit vollem Ernst den SOR heranzuziehen um pro oder contra Contender X zu argumentieren. Doch die Metrik gewinnt mit jeder Woche an Wert.

Fürs erste konzentrieren wir uns auf die Playoff-Wahrscheinlichkeiten, die ESPN auf Basis seines Football-Power Index, des Schedules und des erwarteten SOR errechnet um uns ein Bild zu verschaffen:

 Wir sehen hier wie in der NFL: Das Rennen nach oben ist schon stark verdichtet. Sehr krass gesagt wäre am Ende jedes Playoff-Team, das nicht aus dem Quintett Ohio State, Clemson, Alabama, LSU oder Penn State kommt, eine Überraschung (in nur einem von 10 Fällen passiert das).


Wir haben also in NFL wie im College Football schon ein sehr gutes Gesamtbild der Situation. Und doch bleibt die Spannung hoch, denn!

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Und welche Teams genau am Ende die Glücklichen sein werden, ist selbst bei „langweiligem“ Austrudeln der Saison noch stark auf der Kippe. Wir können uns also auf den November freuen.

4 Kommentare zu “Quick Outlook zum Start des Novembers: Was wir wissen, und was noch nicht

  1. Gibt es einen Tipp fürs Rugby-finale? Nach der Vorschau wird es wohl England? Größenordnung 35:10?

  2. Und das ist der Grund, warum ich keine Sportwetten platziere. Die „Three Lions“ hätten mich heute Haus und Hof gekostet. 😀

    Danke für die Rugby-einblicke! Auch ein faszinierender Sport.

  3. Pingback: Akademische Viertelstunde 2019 vor Woche 11 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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