All-32: Philadelphia Eagles 2021 Vorschau

Die Eagles befinden sich ein Jahr nach dem Sturzflug im Umbruch.

Vor drei Jahren schauten die Eagles wie eine angehenden Dynasty aus. Jetzt hat man die Rosskur versucht – Headcoach raus, Quarterback raus, Defensive Coordinator raus. Es gab viele Gründe für die krasse Implosion der letzten Saison: Verletzungen, stagnierendes Coaching, ein überschätzter und in sich zusammenfallender Quarterback, zu viele Entscheider auf wesentlichen Positionen.

Auch wenn Doug Pedersons Entlassung im Winter überraschend war: Mit ein paar Monaten Abstand ist klar, dass Pederson im Machtkampf gegen die vereinten Kräfte von Owner Jeff Lurie und GM Howie Roseman keine Chance hatte.

Roseman ist ein GM, dessen Entscheidungen der letzten Jahre vielfach schlecht aussehen. Roseman ist seinen Ruf als Genie erstmal los, aber versteckt hinter den auffällig vielen missglückten Draftpicks (die bekanntlich oft schlicht dem Pech geschuldet sind) hat Roseman immer noch einige smarte Angewohnheiten wie compensation draftpick Game usw., die mich noch an ihn glauben lassen.

Roseman hatte zuletzt 2018 einen brauchbaren Draft. Von 2019 kam absolut gar nichts und 2020 sieht auch eher mau aus. Dafür kriegt er mit etwas Glück gleich drei 1st Rounder 2022.

Schwieriger ist da, an den neuen Headcoach zu glauben: Nick Sirianni. Bis jetzt wirkt der wie ein verschreckter Abklatsch von Frank Reich.

  • Bilanz 2020: 4-11-1
  • Pythagorean: 5.8 Siege (#26)
  • Close Games: 3-5-1
  • Offense EPA/Play: -0.06 (#29)
  • Defense EPA/Play: +0.03 (#11)
  • Turnovers: -10
  • Fumble Luck: 64% (#2)
  • Adjusted Games Lost: #30 (OFF #32, DEF #12)

So enttäuschend die Eagles 2020 waren, so könnte die Mannschaft doch noch immer gut genug sein, um die ganz hohen Picks in 2021 zu verpassen.

Offense

Das Triumvirat der Eagles-QBs lautet: Jalen Hurts, Joe Flacco, Gardner Minshew. Ich hatte Hurts schon Anfang Juni unter dem Mikroskop und frage mich seither, ob wir bei Hurts über einen NFL-Quarterback schreiben:

In short: Hurts war in den vier Spielen als Rookie kein echter NFL-QB. Er bewegte sich prinzipiell in allen Facetten des Spiels am äußeren Ende der Skalen.

Hurts war one read. Er mied die Spielfeldmitte und die Mitteldistanz. Er war nicht NFL-tauglich aus sauberer Pocket, nahm keine Checkdowns, wenn der Spielzug kollabierte, aber rettete sich mit seiner Mobilität, wenn um ihn herum Chaos ausbrach. Hurts war selbst gemessen an den langen Pässen sehr unpräzise und hielt den Ball so lange wie keine NFL-Offense-Line blocken kann.

In aller Kürze: Hurts war als Rookie nicht mehr als ein „Athlet“.

Flacco kannst du vielleicht kurz als Hurts-Backup bringen, aber es macht keinen Sinn, mit ihm noch länger Zeit zu verlieren.

Den Minshew-Trade habe ich nicht ganz verstanden. Die Eagles zahlten zwar letzte Woche nur einen 6th Rounder für Minshew, aber es ist verkauftes Draftkapital für einen QB mit relativ hohem „Floor“, aber geringer Upside. Die Eagles sollten 2021 eigentlich bestrebt sein, das Gegenteil davon zu finden.

Immerhin: Minshew ist ein recht präziser QB, und fände in Philly bessere Bedingungen vor als in Jacksonville. Sollte Hurts schnell floppen oder sich verletzen, wird Minshew vor Flacco der Ersatz sein. Als Kultfigur dürfte er auch einen guten Stand beim üblicherweise schwierigen Publikum in Philly haben.


Die O-Line ist auf drei Positionen theoretisch stark besetzt: C Jason Kelce (trotz seiner 34 Lenzen), RG Brandon Brooks und RT Lane Johnson. Bleiben sie fit, kann sich der Kassenpatient nicht beschweren.

Die Probleme sind an der linken Flanke zu finden. Als Left Tackle sollte eigentlich der bis jetzt gefloppte 2019er 1st Rounder Andre Dillard starten, doch wie es aussieht, werden die Eagles den Platz wohl an ex-Rugby-Spieler Jordan Mailata vergeben, der im Training einfach besser war.

Dillard ist wohl nicht gut genug und auf Left Guard geschoben zu werden, wo mit Isaac Seumalo und Rookie Landon Dickerson zwei logischere Optionen bereitstehen. Alle drei sind aber keine sicheren Tüten.


Der Receiving-Corps ist etwas kritisch, aber mit Jungspunden wie Jalen Reagor und Rookie Devonta Smith gibt es blutjunge Toptalente. Reagor war als Rookie ein Bust (keine 400 Yards), aber im Verbund mit dem fantastischen Heisman-Trophy-Winner Smith würde ich ihn noch nicht abschreiben.

Smith ist extrem dünn für einen NFL-Receiver, aber theoretisch ist er ein erstklassiger Route-Runner, der sich vom Verteidiger lösen und auf allen drei Levels (tief, mittellang, kurz) gewinnen kann. Ich sehe bei Reagor und Smith durchaus Potenzial für ein längeres Passspiel.

Dallas Goedert ist ein solider Tight End, Miles Sanders ein okayer Pass-Catcher als Runningback. In den Tiefen haben sich Jungs wie Sprinter Quez Watkins, possession receiver Greg Ward (aDOT von 8 Yards) oder der bis jetzt gefloppte J.J. Arcega-Whiteside offenbar ausreichend profiliert, dass die Iggles WR Travis Fulgham in den Practice-Squad versetzt haben.

Zumindest für mich kam das überraschend, denn Fulgham war echt okay. Ob bei seiner Degradierung sein Status als UDFA negativ mit reingespielt hat?

Also: Speed wäre da, aber hat Hurts die Konstanz als Werfer? Hat Minshew den Arm für exzellent getimte Würfe 15 Yards downfield? Hat Sirianni das Gefühl als Play-Caller?

Defense

Die Defense ist für Philly traditionell vorne stark besetzt, aber das Linebacker-Corps ist Harakiri und in der Secondary fehlt die Tiefe. Das ist im Prinzip seit dem Superbowl-Triumph ein Thema.

Das DT-Duo Cox/Hargrave ist eines der besten in der NFL, aber ohne Malik Jackson gibt es weniger Tiefe als zuletzt. An den Flanken hat man trotz des Abgangs von Vinny Curry zwar noch Optionen, aber keine so sicheren Tüten: Ryan Kerrigan ist mit 34 zwar alt, aber ein bisschen Routine bringt er bestimmt noch rein.

EDGE Brandon Graham ist mit 33 nicht jünger. Der Pressure-Meister, der in seiner ganzen NFL-Karriere viel zu wenige Sacks gemacht hat (Conversion-Rate von weniger als 12%), sollte eigentlich längst schon durch die Jungspunde wie Derek Barnett oder Josh Sweat ersetzt sein. Aber weil die beiden sich nicht recht entfalten wollen, bleibt Graham wohl im Stamm. Ich habe Zweifel, ob die Eagles ihr #8 Ranking in Passrush-Win-Rate upgraden können.

Auf Linebacker wurden die Eagles über die letzten Jahre regelmäßig an die Wand gespielt, und ich sehe nicht, wie es diesmal viel besser werden soll.


In der Secondary verliert man in Nikell Robey-Coleman den Slot-CB und in Jalen Mills einen All-Around-DB, aber man hat in FS Anthony Harris immerhin einen spannenden Safety aus Minnesota geholt. Harris gilt als PFF-Liebling. Er hat nur einen enttäuschenden Einjahresvertrag über 6 Mio bekommen.

CB1 bleibt Darius Slay, der 2020 als falsch eingesetzt galt. Die ganze Corner-Depth dahinter ist nach allen Erfahrungen der letzten Jahre ihren Namen nicht wert.

Ausblick

Ich war drei Jahre lang bei den Iggles viel zu großer Optimist.

Nach dem großen Bruch von 2020 ist von dem Team vorerst wohl nicht mehr allzu viel zu erwarten. Möglicherweise wäre ein kompletter Absturz mit der Möglichkeit, einen neuen Quarterback zu draften, sogar die bessere Option als der sanfte Umbruch.

Aber da könnte das in der Offense schlummernde Potenzial dazwischengrätschen. Wenn die jungen Receiver-Granaten ihrem Draftstatus gerecht werden, die O-Line gesund bleibt, und einer der QBs passabel spielt, dann bist du in Philly schnell von #29 in EPA/Play ins untere Mittelfeld hochgeschossen.

Letztlich definiert sich die Eagles-Saison von 2021 aber über das, was auf der Quarterback-Position abgeht. Im Idealfall schlägt Hurts voll ein und man kann mit ihm in die Zukunft gehen.

Aber auch wenn Hurts komplett abstinkt (das ist wahrscheinlicher), wäre das nicht das Ende der Welt, weil es die Chance auf den Neustart gibt.

Der Worst Case lautet so: Jalen Hurts ist gut, aber nicht gut genug, um ein verlässliches Urteil über seine Qualitäten zu verfassen. Oder Gardner Minshew kommt rein und führt die Eagles zu 9-8. Dann schreiben wir in einem Jahr erneut über die QB-Frage.

5 Kommentare zu “All-32: Philadelphia Eagles 2021 Vorschau

  1. Ich überlege gerade, wie Gardner Minshew die Eagles zu 9 Siegen führen könnte, wenn die Defense tatsächlich nur einen einzigen brauchbaren CB und keine LBs hat?

    Der historische Giants-rekord liegt bei 72 Punkten, die in einem Spiel kassiert wurden. Drei TDs pro Quarter sind nicht so undenkbar, wenn man keine Secondary hat und gegen Chiefs, Buccs und Chargers ran muss…

  2. @ Dizzy: Wir spielen seit drei Jahren ohne nennenswerte Secondary. Das geht schon irgendwie 😉 Ansonsten gut auf den Punkt gebracht. Leider.

  3. @Uli: Oh mann, das ist hart. Wobei die Patriots ja immer wieder bewiesen haben, dass „next man up“ durchaus gute Spieler zu Tage fördern kann.
    Und wenn es doch eine komplett vermurkste Eagles-Saison wird, springt zumindest ein hoher Pick dabei raus. (sofern sie den First Round Pick nicht weggeben, das wäre dann wirklich der Supergau…)

  4. Momentan nicht. Da haben sie noch den eigenen und den der Fins. Und bekommen ggf. noch einen der Colts für Wentz (je nach Spielzeit von ihm). Also von den Picks her sind sie nächstes Jahr gar nicht so schlecht aufgestellt.

  5. Pingback: Es geht los! Heute beginnt die NFL-Saison 2021/22 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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