Renaissance des NFL-Laufspiels?

Der Kollege Adrian Franke hat in seiner gestrigen echt guten NFL-Spieltagskolumne über die schematischen Entwicklungen in NFL-Defenses geschrieben und einen interessanten Gedanken zu einem möglichen Trend Richtung immer mehr Two-High und soften Boxen für Offenses gefasst: Vor allem tiefes Passspiel wird dadurch verstärkt und auch immer besser weggenommen, Laufspiel könnte eine Renaissance erleben.

Es ist ein Trend, über den Seth Galina und Deionte Lee im „two high“ Podcast von PFF seit Wochen referieren. Galina hat dort schon vor einiger Zeit das Ende der „Spread Ära“ ausgerufen und verweist immer wieder darauf, dass moderne Defenses wissen wie man das Passspiel mit vielen Receivern am Feld verteidigt.

Pass und Lauf erleben immer zu einem gewissen Grad eine zyklische Entwicklung – aber an das „theoretische Optimum“, das Nash-Gleichgewicht im Football, an dem Lauf und Pass die gleiche Effizienz erzielen (ich habe etliche Male darüber geschrieben), haben wir uns über die Jahre nie wirklich angenähert.

Je mehr Pass, desto besser Pass.

Je mehr Passing-Plays in den letzten 15 Jahren gecallt wurden, desto effizienter (!) wurde das Passspiel. Ich glaube zwar nicht, dass wir den Satz in diese Richtung lesen dürfen – denn die Kausalität liegt fast sicher umgekehrt – je besser der Pass, desto mehr Pass. Aber prinzipiell ändert das erstmal nichts daran, dass wir eigentlich erwarten würden, dass Passing-Offenses irgendwann ihren Vorteil verlieren, wenn sie zu eindimensional werden.

Schließlich suchen NFL-Coaches seit Äonen verzweifelt nach „Balance“. Dass diese nicht 50/50 ist, sondern auch in Early-Downs eher 70/30 oder 80/20, darüber habe ich oft geschrieben. Aber diese „Balance“ hat die NFL interessanterweise nie annähernd erreicht – im Gegenteil.

NFL-Coaches haben über die letzten 15 Jahre wohl einfach immer besser verstanden, alle Vorteile des Passspiels auszuschlachten:

  • Die Regelvorteile z.B. durch die Illegal-Contact Regel zur Saison 2004
  • Die Spread/Air-Raid Konzepte, die noch Mitte der 2000er in NFL-Kreisen als Hippie-Offense verspottet wurden, aber durch die Patriots 2007 und dann schrittweise durch Coaches wie Andy Reid in der NFL Einzug hielten und die altbackenen Base-Defenses komplett überrumpelten
  • Mehr Aggressivität im Play-Calling
  • Mobilere Quarterbacks und den Einbau von RPO und Scramble-Konzepten
  • Ausschlachtung von Play-Action als vollständiges Konzept der Offense (Play Action ist ein gigantischer Treiber des Pass-Erfolgs)

In den letzten Jahren sind dann auch immer bessere Quarterbacks in die NFL gekommen. Nachdem zwischen 2006 und ca. 2016 eine erstaunliche Dürreperiode an jungen NFL-Quarterbacks herrschte (und Passspiel trotzdem ständig an Effizienz gewann), kommen spätestens seit dem Draft 2017 regelmäßig richtig gute junge QB-Talente aus dem College-Bereich hoch, die seit Kindestagen nichts anderes machen als am perfekten Wurf zu feilen.

Wahrscheinlich sind durch die zahlreichen Passfeuerwerke am College auch immer mehr starke Receiver in die NFL gekommen – und durch das intelligentere Playcalling wissen Coaches heute, schwache Pass-Blocker besser zu kaschieren.

Laufspiel: Trend is still not your friend

Adrians Ausführungen zum negativen Trend des Laufspiels nach der Implementierung von immer mehr Cover-3 Defense ab 2012 oder 2013 kann man belegen, wenn wir auf die Entwicklung der Effizienz von Lauf und Passspiel seit 2006 (immer in den ersten 12 Wochen, um Vergleichbarkeit mit 2021 zu haben) blicken:

Die Mitte des vergangenen Jahrzehnts war eine richtig finstere Periode für das Rushing Game, von dem es sich in den letzten Jahren nur langsam erholt hat. Ich weiß aber nicht, ob wir aus den Zahlen schon einen „positiven“ Trend ausgerechnet in 2021 ablesen können.

Es ist sogar weniger effizient als letztes Jahr zum gleichen Zeitpunkt.

Vielleicht ist das aber auch einfach erklärbar: So real die Offense-Explosion der letzten Jahre war – das Corona-Jahr 2020 war nochmal ein annähernd historischer Ausreißer nach oben – mit leisen, weil spärlich besetzten Stadien, einer mit wenigen Ausnahmen von QB-Verletzungen verschonten Saison und einer sehr großzügigen Auslegung von Offensive „Holding“.

Das Laufspiel folgt in den letzten 3-5 Jahren fast 1:1 dem Trend des Passspiels – eine interessante Kurve, die auch dafür spricht, dass Defenses eine bewusste Entscheidung treffen: Mit wie vielen Mann stelle ich die Box zu? Wie viele Gaps kontrolliere ich – alle, oder wie bei Brandon Staley ein halbes bis eins weniger?

Vielleicht ist der Blick auf EPA/Play noch gar nicht genug. Vielleicht ist er auszuweiten auf Success-Rate oder den Split von Early-Down vs. Late-Down. Aber allein aus der Gesamtheit von EPA/Play ist ein allgemeiner allzu positiver Trend in Richtung „Neugeburt des Laufspiels“ noch nicht ablesbar.

Ansonsten?

Was an der Grafik übrigens noch auffällt:

  1. Wie deutlich die Offenses sich verbessert haben. Gemesen am heutigen EPA/Play Standard haben Offenses noch vor zehn Jahren negative EPA/Play erzielt!
  2. Wie deutlich der Gap zwischen Pass und Lauf auseinander gegangen ist, obwohl das Passspiel immer häufiger gecallt wurde. Vor 15 Jahren hatten wir einen Gap von etwa 0.1 EPA/Play zwischen Pass und Lauf – aber zwischenzeitlich war er fast doppelt so groß.
  3. Die Kurven in Pass und Lauf hängen in den letzten Jahren doch stärker zusammen als gedacht. Ich weiß nicht ob das an immer stärker verschachtelten Package-Plays (z.B. RPOs) liegt, oder an den unendlich vielen Options.

In Summe ist es bezeichnend, dass wir in einem Jahr mit so viel schlechtem Quarterback-Play wie 2021 und in einem Jahr mit immer stärkerem Fokus auf Passing-Defense mit Two High und hohen Nickel/Dime-Packages noch immer einen viel größeren Effizienz-Gap zwischen Pass und Lauf haben als vor 15 Jahren.

Passing-Game bleibt ganz klar der Treiber. Renaissance des Laufspiels passiert aktuell höchstens im Kleinen. Ich glaube nicht, dass Laufspiel in absehbarer Zeit auch nur annähernd an die Effizienz des Passspiels heranreichen wird – egal, wie offen Defenses die Boxen gestalten möchten. Dafür ist Run-Defense ganz einfach „zu einfach“, und dafür sind die ungenutzten Potenziale des Passing-Games zu groß.

Was ich aber schon glaube: Dass Offensive-Playcaller in der Tendenz schlauer werden, wann Laufspiel angesagt ist und wann nicht: Weniger in Early Downs oder langen 2nd Downs, dafür mehr in kurzen 3rd und 4th Downs.

5 Kommentare zu “Renaissance des NFL-Laufspiels?

  1. Dein letzter Satz ist ja geil:
    Das hab ich seit Maden 98 schon so gemacht bei 2nd Long nicht zu laufen und bei 3rd Short nicht zu werfen

  2. Eher nein. Der Runnnigback bleibt grosso modo das unwichtigste Rad am Wagen.

    1. Offensive Aufstellung + Defensive Box
    2. Qualität der Offensive Line
    3. Runningback / Mobilität des Quarterbacks

  3. Pingback: NFL Sonntagsvorschauer 2021 – Woche 13 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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