Carolina Panthers in der Sezierstunde

Freak-Saison für die Carolina Panthers, die sich mit 7-8-1 Siegen für die Playoffs qualifizierten und dort sogar nach einem Sieg über die quarterbacklosen Arizona Cardinals für die zweite Runde qualifizieren konnte – wo in Seattle allerdings Schluss war. Letztlich verlief die Saison also in etwa wie erwartet für Carolina: Ein Jahr nach dem Riverboat-Ron Jahr 2013 und nach entscheidenden Verlusten im Kader krebste man als Durchschnittstrupp durch die Liga.

Die Offseason wurde mit der gleichen Seelenruhe angegangen, mit der man schon die letzten Jahre bestritt. Große Einkaufstouren sind nicht drin, weil man noch immer gehandicappt ist von den vielen nutzlosen Millionenverträgen, die das alte Front-Office im Sommer 2011 ausschüttete. Der Sparkurs beinhaltete im Gegensatz dazu eher die Trennung von teurem Alteisen – nur dass du für dessen Verschrottung normalerweise noch Kohle bekommst. Auch im Trainerstab wurden keine nennenswerten Änderungen vorgenommen.

Offense

Größter Move der Offseason war die Vertragsverlängerung für QB Cameron Newton, der wie erwartet Anfang Juni seinen neuen Kontrakt unterzeichnen durfte – ein Vertrag, der Newton in die oberste Klasse der NFL-Quarterbacks hievt und auch hinsichtlich „Boden bereiten“ für die nächste QB-Generation um Luck und Wilson als einer der wichtigsten Verträge der letzten Jahre gilt. Genauer ins Detail ist längst Jason Fitzgerald von Over the Cap gegangen, der den Newton-Deal analysiert und im Vergleich zu anderen Spitzen-QBs einzuordnen versucht [1][2].

Newton ist fast seit seiner Einberufung 2011 als Top-Pick und spätestens seit dem Abgang von Franchise-Legende WR Steve Smith vor eineinhalb Jahren der Alleinunterhalter der Panthers-Offense. Seine rohen Zahlen sind nicht mehr so spektakulär wie zu Beginn seiner NFL-Karriere, da Carolina unter dem neuen OffCoord Mike Shula deutlich konservativer spielt – siehe die Effizienz-Stats als Werfer:

Cameron Newton - Effizienz Stats

Cameron Newton – Effizienz Stats

Aber die „Cam-Option“ Offense macht aus vorhandenen Mitteln doch Zufriedenstellendes. Denn es ist nicht so, dass Carolina die potentesten Waffen abseits ihres Quarterbacks hätte.

Die Offensive Line zum Beispiel ist seit Jahren ein komplettes Torso und wurde auch in dieser Offseason stiefmütterlich behandelt. Wo man die Innenseite um C Kalil und RG Turner noch gerade durchgehen lässt, schreien beide Tackle-Positionen zum Himmel: Links wurden Michael Oher und Jonathan Martin einkauft, rechts wird vermutlich Mike Remmers auflaufen. Remmers wurde 2012 nicht gedraftet und tourte hernach durch die Liga. Die Panthers sind in seinem vierten Jahr sein sechstes Team.

Newton ist ein 1,96m Brocken mit fast 110 kg robust genug um mehr Tackles aufzunehmen als ein Robert Griffin, aber schon letztes Jahr humpelte der Mann am Ende der Saison mehr schlecht als recht über das Spielfeld. Oher und Martin sind vermutlich die beiden bekanntesten Offensive Tackles in den Vereinigten Staaten (Oher dank Blind Side, Martin als Opfer von Mobbing), aber das hat keine sportlichen Gründen, denn beide taugen allen Auguren nach nicht einmal für Liga-Mittelmaß.

Auf der WR-Position wurde immerhin zaghaft in Devin Funchess ein Mann in der 2ten Runde gedraftet. Funchess passt recht gut ins Bild bei den Panthers. Ich habe mal gelesen, dass Newtons größte Schwäche als Werfer seine Tendenz zum Überwerfen von Receivern ist – Überwerfen im Sinne von „zu hoch“. Funchess ist 1.94m groß, der letztes Jahr in der 1ten Runde geholte WR Kelvin Benjamin misst gar 1.97m.

Benjamin fuhr als Rookie auch gar nicht schlecht, obwohl man ihn als zu unreifen Spieler angekündigt hatte. Benjamin war mit 162 Anspielen der zentrale Punkte der Pass-Offense, und er machte immerhin 84 Catches für 1116yds und 11 TD draus. Man muss bedenken, dass Benjamin häufig tief angespielt wurde (31% der Fälle), und das als einzige nennenswerte Receiver-Waffe.

Carolinas Nummer 2 war zuletzt TE Greg Olsen (134 Anspiele, 91 Catches). Olsen ist ein mehr als solider Mann, aber wenn du nur einen WR und einen TE hast und dahinter gar nichts, kannst du von einer Offense auch nur Bedingtes erwarten.

Funchess gilt als Zwitterwesen zwischen Receiver und Tight End. Es sind sich lange nicht alle einig, ob er überhaupt das Zeug für die NFL hat, aber wenn sie diesen Mann in den Slot stellen und fünf „Jump Balls“ pro Spiel zu ihm werfen, ist der Move schon ein Fortschritt zum Status Quo. Das Rest der WR-Crew wir vom alten Jerrico Cotchery, Pharao Brown und Ted Ginn jr. komplettiert.

Im Backfield entledigte man sich des zu teuren Oldie-RBs DeAngelo Williams. Die vage Hoffnung, dass RB Jonathan Stewart mal heil durch eine Saison kommt, treibt die Hoffnungen der Panthers. Stewart ist mit seiner Wucht einer meiner Lieblings-Backs im Laufspiel – aber er ist selten fit, und als Ballempfänger keine Waffe. Tja, und viel zu hoffen brauchst du bei Stewarts Knochen nicht…

Defense

Hauptgrund, weswegen die Panthers nicht mehr Ressourcen in die Offense stecken konnten: GM Gettleman draftete in Runde 1 an #25 den LB Shaq Thompson – ein Move, der sämtliche Beobachter vom Hocker riss. Nicht, dass Thompson nicht ein entzückendes Prospect wäre – der Mann gilt als superber Athlet – aber Carolina mit seinem Monster-Duo auf Linebacker – Luke Kuechly und Thomas Davis – braucht keinen weiteren 1st-Rounder. Zumindest nicht kurzfristig.

Aber sagen wir nicht alle ständig, die klugen Teams draften eher best player available und vermeiden die glasklaren Need-Picks soweit es geht? Haben wir uns angeschaut, dass Davis mit 32 Lenze vermutlich nimmer weit vom Karriereende entfernt ist? Insofern ist der Thompson-Pick einer mit mittelfristigem Fokus, und vielleicht gar keine so schlechte Idee: Dieser Mann gilt als zu schleifender Rohdiamant, und wenn er langsam neben einem Kuechly oder Davis eingelernt werden kann, dürfte die Position in Carolina auf Jahre eine Stärke bleiben.

Überhaupt: Die ganze Front-Seven in Carolina ist eine Wucht: DE Charles Johnson, DT Star Lotulelei, DT/NT Kawann Short – allein dieses Trio sorgt für phantastischen Donner und würgte letztes Jahr 61% der Run-Plays für negative EPA beim Gegner ab (#8 der Liga).

DE Greg Hardy wurde aus bekannten Gründen ziehen gelassen – mit Hardy wäre das die furchteinflößendste Defensive Line in der NFL trotz Miami Dolphins. Aber den Frauenschläger Hardy wollte in Charlotte keine Sau mehr sehen, insofern ein Move, den selbst die testosterongeschwängertsten Hardcore-Fans begrüßten.

Auch hier kann man obiges Thema fortsetzen: Carolina draftet unter Gettleman nicht nach kurzfristigem Need. DE Kony Ealy wurde letztes Jahr in der 2ten Runde geholt (auch damals mied man Offensive Tackle wie die Pest), und obwohl Ealy als Rookie nicht gut ausgesehen haben soll, könnte er Schritt für Schritt eine größere Rolle übernehmen und mittelfristig Arschloch Hardy ersetzen.

Weniger Katastrophe als befürchtet war 2014 die Secondary. Entweder DefCoord Sean McDermott oder Ron Rivera sind Genies, oder sie stolperten in CB Norman und Rookie-CB Benwikere über heimliche Stars, oder beides. Fakt ist: Carolina hatte mit 6.0 NY/A die neuntbeste Pass-Defense trotz eines heftigen Schedules und einem namenlosen Defensive Backfield.

Sogar die Safetys um SS Harper und FS Tre Boston waren weniger Katastrophe als angenommen. In CB Peanut Tillman kaufte man sich aus Chicago nun noch einen Altmeister ein, der im besten Fall noch ein gescheites Jahr im Saft hat – im schlimmsten Fall ist Tillman als Rotationsspieler und Mentor zu gebrauchen. Insofern dürfte die Defense im Vergleich zu 2014 nicht allzu weit abfallen.

Ausblick

Carolina zeigt erstaunlich viel Vertrauen in seinen Franchise-QB Newton, dem man offensichtlich zutraut, um die potenziell riesige Sollbruchstelle Offensive Line herum zu operieren. Newton wird auch künftig nicht weniger Last tragen als die letzten Jahre, und auch wenn er von vielen Analytikern wegen seines manchmal unsauberen Spiels oft auf die Fresse bekommt: Seine Qualitäten sind in der NFL ganz rar geworden.

Ich habe Newton, den Schönspieler am College, gehasst wie die Pest, aber in der NFL hat er mich überzeugt. Dieser Mann ist der legitime Nachfolger von Steve McNair, dem härtesten Brocken, den die NFL auf Quarterback in den letzten zwei Jahrzehnten herausgebracht hat.

Bleibt die Defense halbwegs ohne Verletzungsausfälle, kommt ein Ealy auf die Beine und erweist sich ein Benwikere nicht als komplettes One-Year Wonder, hat die Panthers-Defense auch in der anstehenden Saison Potenzial, eine der vier, fünf besten zu bleiben. Der Rest hängt an der Ein-Mann Show im Angriff.

Die Konkurrenz in der NFC South wird härter sein als letztes Jahr, aber auch wenn Saints, Falcons und auch Buccs zulegen: Carolina wird sich nicht völlig verstecken müssen. Ich erwarte ein enges Rennen.

6 thoughts on “Carolina Panthers in der Sezierstunde

  1. Ich bin eigentlich ganz zu Freiden, was GM Gettleman da macht. Es ist ja wahrlich keine leichte Aufgabe. Denn immerhin konnte die Mannschaft vom letzten Jahr zusammmen gehalten werden – keine Signifikanten Abgänge; und die mannschaft war am Ende richtig ordentlich. Gettleman hält seinen starken Kern zusammen (Kuechly, Newton, dazu noch Vertragsverlängerungen für LB Davis und TE Olsen) und weil das Kleingeld knapp ist werden Ansonsten mal spieler geholt in der Hoffnung, dass einige herausstechen und die Erwartungen übersteigen => so bei den Tackles…
    Das kann natürlich auch total schiefgehen, wenn keine der Risikokandidaten einschlägt… aber immerhin lesen sich die Position Battles auf LB WR und OT deutlich besser als letztes Jahr.
    Dass die Mannschaft nicht wie vergangene Offseason komplett überholt wurde ist sicherlich auch von Vorteil.

    Über die Defense muss nicht viel gesagt werden. Auch für mich war CB Benewikery und CB Norman überraschend, aber die Erhalten ja auch bei FO und PFF viel Lob. Einzig die Safety Position bereitet mir Kopfschmerzen; – und ein wenig die DEs;

    In der Offense bin ich mal gespannt wie das WR-Chorps am Ende aussieht. Traum des GMs sind glaube ich Benjamin 6.5 Funchess 6.4 und Hill 6.4; aber ob letzterer die Kurve kriegt….
    Auf jeden Fall ist der plan klar erkennbar den Gegner per Größe in Bedrägnis zu bringen und Missmatches zu schaffen. Auch ist das für das Runblocking mit den schweren Kalibern sicher nicht doof.
    Es wird sich halt zeigen müssen, wie stark die 1st und 2nd round picks wirklich sind.

    Es dürfte klar sein, dass ich die Panthers in den Playoffs sehe. Denn ich glaube nicht, dass es bei allen drei RIvalen klick macht. Der ein oder andere wird auch diese Saison noch größere Probleme haben – und dann spielt man natürlich noch gegen die AFC South…. Wenn es aber für mehr reichen soll, muss es aber wirklich glücklich zugehen. => die neuen müssen super einschlagen. RB Steward darf sich nicht verletzen (Siehe: letzte Saison komplettes RB-Choprs kaputt; musste sogar nachverpfliechtet werden) und die alten brauchen nochmal eine Top Season.
    Auf der Pressekonferenz machten Gm Gettleman und HC Rivera Deutlich, dass in den nächsten zwei Jahren der Super Bowl das Ziel ist. Mal sehen, ob es klappt. dann wird es auf jeden Fall erstmal wieder schwieriger, denn TE Olsen, DE Johnsen und LB Davis – 3 große Leistungsträger, werden nicht mehr allzu lange auf höchstem Niveau spielen können.

  2. „Ich habe Newton, den Schönspieler am College, gehasst wie die Pest, aber in der NFL hat er mich überzeugt. “

    Kann mich dem nur anschliessen.

  3. Pingback: Die furchtlose NFL-Vorschau 2015/16 | Das Niemandsland | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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