Und es sprach Albert Haynesworth

Albert Haynesworth hat im Player’s Tribune einen Artikel an sein 14-jähriges fiktives Selbst geschrieben, in dem er seine Karriere reüssiert und so manche seiner Entscheidungen hinterfragt. Für Neulinge im Footballbereich: Albert Haynesworth war vor sieben, acht Jahren der dominante Defensive Tackle in der NFL, quasi der Vorgänger von Suh oder McCoy. Er unterschrieb hernach einen Multimillionenvertrag in Washington und verlor fast über Nacht seine Lust am Spiel. Seither gilt Haynesworth als Paradebeispiel für den geldgeilen Free Agent.

Das verlinkte Essay liest sich angesichts der längeren Saga um Haynesworths Zeit in Washington und später New England nicht völlig vollständig, aber das Thema klammern wir mal aus. Dazu kann man gewiss spaßige Reaktionen in den einschlägigen US-Foren nachlesen. Prinzipiell finde ich zwei Dinge an dem Essay bemerkenswert.


#1 – und das Thema hatten wir schon einmal bei Cameron Wake: Im Football machen Kleinigkeiten die Welt aus. Als Makrokosmos sind die Spielsysteme in der NFL ein Einheitsbrei allererster Güte. Den Geschmack macht weniger die Art von Getreide, sondern die Dosierung vom Salz an verschiedenen Stellen. Du kannst die Aufstellungen verwenden, die dir lieb sind, 3-4, 4-3, 2-4-5, 4-2-5 oder 8-1-2, die Musik spielt sich in den Details ab.

Die Latte an Beispielen von Profis, die in einer Mannschaft die Weltmeister waren, und in anderen die Gurken, ist ellenlang. Genauso explodieren oft Athleten nach einem Wechsel in ein neues Team, mit neuen Assignments, und plötzlich wundert sich der Headcoach, was er da für einen Rohdiamanten im Kader hat.

Haynesworth, in Tennessee sowas wie der Vorgänger McCoys als echter 3-technique, sollte in Washington offenbar einen reinen Nose Tackle mit Double-Teams abgeben, eine Rolle, für die er nicht gemacht war. Ob Haynesworth tatsächlich keinen Passrush ausüben sollte wie sein Essay behauptet, oder ob er sich den „Nap Play“ schönredet, sei jedem selbst überlassen zu entscheiden, doch Fakt ist, dass oft Kleinigkeiten über die Welt entscheiden.

Du kannst mich ins Controlling setzen oder in die Buchhaltung. Für den Außenstehenden bist du immer dasselbe – ein Verwalter. Doch das stimmt nicht. Haynesworth behauptet, das neue Assignment hätte ihm seine Motivation genommen. Ob es stimmt oder nicht, sei dahingestellt. Fakt ist: Haynesworth wurde schon rein technisch seiner größten Stärke beraubt.


#2 – und das Thema war bei mir noch nie auf dem Radar: Haynesworth behauptet, sein Ausraster gegen Andre Gurode habe ihm geholfen. Er habe ihm ein Image verpasst, das ihn von der Masse unterscheidet. Plötzlich sei er mit anderen Augen gesehen worden, als das Monster, vor dem alle schon qua Erscheinung Respekt haben. Haynesworth spricht es nicht direkt aus, aber es liest sich, als hätte es ihm Millionen in den späteren Verhandlungen gebracht. Remember: Der Tritt war 2006, bevor Haynesworth zu Albert Haynesworth, dem All-Pro, wurde.

Im Prinzip ist die Situation vergleichbar mit Ndamukong Suh, der in diesem Frühjahr einen Mega-Vertrag in Miami unterschrieb. Suh ist realistisch betrachtet auf einer Ebene mit McCoy aus Tampa und Geno Atkins aus Cincinnati einzustufen, was die Qualität auf Defensive Tackle (immer Makro-Position) angeht. Doch Suh hat nach diversen Vorfällen ein Image, das ihn von seinen engsten Mitstreitern um die Krone „des besten“ abhebt. Er ist gemeiner, wuchtiger, böser.

Im Prinzip ist es eine leise Anklage an die Hype-Maschinerie, die aus isolierten, oftmals für die reine Qualität eines Spielers, Momenten viel mehr macht als sie Einfluss auf das Tagesgeschehen hat. Haynesworth wurde durch den Tritt kein besserer Spieler, er wurde bloß mehr gefürchtet. Er wurde ein Name, eine Marke. Er verdiente damit Millionen.


Haynesworth ist keine unumstrittene Figur in der NFL-Welt. Ein Urteil abzugeben fällt schwer, zumal transatlantisch über eine Situation, die man nicht gut kennt. Trotzdem schadet es nicht, auch einmal die Sichtweise des Spielers zu hinterfragen, und den ungewöhnlichen Werdegang eines einst großen Spielers zu durchleuchten.

2 thoughts on “Und es sprach Albert Haynesworth

  1. Interessant ist ja, dass Albert statistisch in Washington immernoch sehr gut spielte.
    2009 hatte er die drittbeste Pass Rush-Productivity aller DT/NT und war bei PFF auch insgesamt der drittbeste DT/NT der Liga, obwohl er nur 574 Snaps spielte.
    Selbst 2010 war er, mit gerade mal 169(!!) Snaps, noch auf Platz 15 aller DT/NT.

    Also seine Leistung war sicher nicht so schlecht bei den Skins.

  2. Die Hype Maschine NFL geht auch mir ehrlich gesagt zu weit. Wie du schon am Beispiel Suh deutlich gemacht hast, werden Spieler, die besser zu vermarkten sind, einfach soweit gehypt, dass sie am Ende von den meisten Laien als klar besser wie ihre Konkurrenten betrachtet werden, obwohl sich diese rein sportlich auf Augenhöhe befinden. Kann man ja bei Luck (den man schon häufig als besten oder zweitbesten QB wiederfindet, obwohl er die letzten beiden Saisons rein statistisch schlechter als z.B. Romo oder Roethlisberger war, von Rodgers gar nicht erst zu sprechen) nachfragen. Weitere Paradebeispiele sind Wilson (ebenfalls häufig als Top 5 QB genannt) oder Odell Beckham Jr. (der zwar, falls er das Niveau von letzter Saison hält, wirklich eine Granate ist, aber sich schon die eingefleischtesten Giants Fans über dessen Omnipräsenz in den Medien ärgern und er eben nur eine dreiviertel Saison gespielt hat).

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