Preview Super LIV: 49ers Offense vs Chiefs Defense

Es ist immer wieder weird, zum Super Bowl aus heiterem Himmel plötzlich so ein komisches Interconference-Game vor sich zu haben. Das letzte Interconference-Game war am 22. Dezember. Das ist sechs Wochen her! Seitdem sind AFC und NFC jeweils unter sich geblieben.

Daraus ergeben sich in den Playoffs immer wieder schöne Serien wie die Patriots-Ravens-Trilogie zwischen 2011-2014 oder eine Storyline wie Packers-Not-Setting-The-Edge versus 49ers-Running Game 2012/13/19; oder noch besser natürlich, wenn Erzfeinde in den Playoffs aufeinandertreffen wie Steelers & Ravens und 49ers & Seahawks.

Viel Reiz ziehen diese Matchups daraus, daß man sich gegenseitig so gut kennt und eine gemeinsame Geschichte hat. Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast: nämlich unsere letzten vier Spiele zu Tode analysiert. Und dann plötzlich zum Super Bowl: äh, wer sind eigentlich die anderen?

Immerhin haben die beiden Coaching Staffs zwei Wochen Zeit, sich auf einen seltenen Gegner einzustellen. Die Seite 49ers-Defense vs Chiefs-Offense hatten wir gestern. Heute der entgegengesetzte Blick. Und auch heute mal angefangen mit der Perspektive der Defense.

Touching Base

Die 49ers-Offense unter Kyle Shanahan kann man aus vielen verschiedenen Blickwinkeln charakterisieren, aber das seltene Element, das diese Offense zeitigt, sieht man auf der gegnerischen Seite: selten sieht man so viel Base-Defense wie gegen San Francisco.

Die Zeiten, in denen man sich noch Tatktikköpfe zerbrochen hat über die Frage: 4-3 oder 3-4 sind lange vorbei. Die Standardformation der modernen Verteidigung ist Nickel (fünf Defensive Backs). Mehr als 70 % der Snaps ligaweit werden mit mindesten fünf Defensive Backs gespielt. Gegen die 49ers ist das anders.

Durch die sehr häufige Einbindung des Fullbacks Kyle Juszczyk und nur wenigen Aufstellungen mit drei Wide Receivers am Feld, wird die Defense immer wieder gezwungen, mit drei Linebackers zu spielen (oder eben vier, falls 3-4-Base).

Der klassische Run Thumper à la Brandon Spikes ist lange passé in der modernen NFL. Er hat keinen Platz mehr im Roster, weil die wichtigste Eigenschaft das Covern von Paßrouten underneath ist. Ausgerechnet die Chiefs haben ironischerweise noch so ein Fossil in ihren Reihen: Reggie Ragland.

Und Mr Ragland wird der erste Verteidiger am Sonntag sein, der von Shanahan ein Fadenkreuz auf die Brust bekommt. Du mußt viel Base-D spielen, weil du sonst zu schwach gegen das Laufspiel bist. Aber gleichzeitig wird Shanahan diese Aufstellung mit viel Paßspiel attackieren, vieles davon in der Play-Action-Variante. Die 49ers haben für diese Flexibilität zwei hervorragende Spieler: Eben FB Juszczyk und Tight End George Kittle.

Vielseitige Spieler…

Kittle und Juszczyk sind so hervorragend geeignet, weil sie so vielseitig sind. Kittle ist einer der besten Run-Blocker der NFL – und ebenso einer der besten Paßfänger. Juszczyk wiederum kann einen Ragland aus dem Weg blocken wie auch eine Wheel Route laufen.

Dazu kommt dann noch WR Deebo Samuel und die Running Backs Raheem Mostert, Matt Breida und Tevin Coleman.

Samuels sieht eher aus wie ein Running Back, recht stämmig gebaut. Er wird immer wieder in Jet Sweeps und End Arounds als Ballträger eingesetzt.

Die Running Backs werden allesamt auch auf Paßrouten eingesetzt. Keiner von ihnen ist ein Alvin Kamara oder James White, aber gut genug für schmerzende Nadelstiche im Paßspiel sind sie allemal.

Vor allem, wenn du so viele verschiedene Dinge beachten mußt als Verteidiger.

…in vielseitigem Scheme

Diese Offense streßt dich kognitiv schon vor dem Snap stark mit den vielen Players in Motion und angetäuschten Jet Sweeps. Post Snap stressen sie dann noch mehr, weil Paß- und Laufspielzug in den ersten Momenten bei den 49ers exakt gleich aussehen. Und dazu kommt dann noch der Streß, von mehreren offensiven Skill Players viele verschiedene Dinge erwarten zu müssen. Während der Trend in den letzten Jahren immer mehr hin zum Spezialisten gegangen ist, kontert Shanahan diesen Trend, indem seine Spieler, vor allem Juszczyk, Kittle und Samuel so vielseitig sind.

Es ist eine sehr kluge Mischung aus alt und neu, die Verteidigungen oftmals so hilflos erscheinen läßt. Alt sind die Aufstellungen, neu ist die Play-Action-Lastigkeit und die modernen passing concepts, die Shanahan aus diesen alten Aufstellungen laufen läßt.

Es funktioniert einerseits so gut, weil es so smart designed ist; aber andererseits auch, weil Verteidigungen so etwas so selten sehen, trainieren und dagegen spielen.

YAC & Garoppollo

Ein ganz wichtiger Punkt noch: YAC. Kein Angriff der NFL hat mehr Yards After Catch gemacht als die Truppe um Kittle, Samuel und Emmanuel Sanders. Es ist auch ein Ergebnis des Stresses, sich als Verteidiger auf so viele Dinge gleichzeitig konzentrieren zu müssen, so kommt man in schlechte Positionen und der Receiver mit dem Ball in der Hand hat einen im wahrsten Sinne des Wortes “fliegenden Start”.

Hier nochmal zurück zu den Linebackers der Chiefs. Diese sind die Lieblingsziele der Niners im Paßangriff, weil sie natürlich die schlechtesten Coverage Guys sind. Die Herren Anthony Hitchens, Damien Wilson, Ben Niemann und Reggie Ragland werden am Sonntag häufig im Bild sein. Hitchens und Wilson als Allrounder, Niemann als Coverage Specialist und Ragland als Run Thumper.

In deren Zonen oder zu deren Gegenspielern wirft Garoppollo oft kurz, dem Receiver in den crossenden Lauf. Average Depth of Target ist der geringste – Yards after Catch der höchste Wert der NFL. Speed kills auch hier, aber eher durch das Scheme, dadurch, daß ein Verteidiger auf dem falschen Fuß erwischt wird, während der Receiver schon in vollem Lauf ist.

Es könnten sogar noch mehr YAC sein, wenn nicht Garoppollo immer noch zu oft eben gerade nicht genau in den Lauf wirft, sondern ein Stück zu tief oder hinter den Receiver. Auch vertraut Garoppollo seinem Playcaller manchmal so sehr, daß er einen Paß wirft, der vielleicht auf der Taktiktafel offen war, in der Realität aber unerwartet einen Verteidiger in der Wurfbahn steht. So kommt es zweimal im Spiel zu abstrusen Pässen, bei denen man sich fragt, ob der ansonsten sehr patente Franchise-QB vielleicht Tomaten auf den Augen hat.

Wildcard: Tyran Matthieu. Der Honey Badger spielt auch viel in der Mitte des Feldes und erschnuppert immer wieder instinktiv den folgendes Paß. Andersrum sind solche aggressiven, instinktgetriebenen Spieler prädestiniert dafür, von einem Shanahan mit ein, zwei Designer Plays gezielt auf die falsche Fährte gelockt zu werden.

Das alles zusammen: das stressende Scheme, die vielseitigen Spieler und der gute Quarterback ergeben zusammen eine starken Paßangriff, den sie auch nutzen, wenn sie müssen. Die 49ers sind offensiv nicht so stark, weil sie so gut laufen können. Sondern, weil sie im Run und Pass immer Lösungen finden können. Und Paß ist dabei wichtiger als Lauf, nochmal als Erinnerung

Vereinfachte Darstellung:

    • Schlechtes Paßspiel, schlechtes Laufspiel → nie Erfolg
    • Schlechtes Paßspiel, gutes Laufspiel → selten Erfolg
    • Gutes Paßspiel, schlechtes Laufspiel → regelmäßig Erfolg
    • Gutes Paßspiel, gutes Laufspiel → Boom! Magic will happen

Details zum Laufspiel findet man zum Beispiel hier und hier mit Beispielen aus dem Championship Game.

Wichtig zum Merken vor allem: es ist schon lange nicht mehr exklusiv Zone Running, sondern es sind auch sehr viele Gap Schemes dabei. (Und ungewöhnliches wie Gap Scheme Runs aus Shotgun mit RB & FB neben dem QB.)

Spagnuolo?

Die 49ers werden machen, was funktioniert. Sie werden tun, was die Defense zuläßt. Sie sind da extrem flexibel. Nach den letzten beiden lauflastigen Spielen ist vielerorts hängengeblieben, daß dieser Angriff “mit dem Lauf beginnt”. Dem ist nicht so. Es war nur in den beiden Spielen das, was aufgrund der gegnerischen Defense am besten funktioniert hat.

Je nachdem, wie aggressiv Spagnuolo gegen den Lauf spielen lassen wird, desto mehr oder weniger lauflastig wird San Fran vorgehen. Ganz interessant war das Championship Game gegen die Titans. Spagnuolo hat dort weniger vorsichtig gegen den Paß gespielt als in den beiden Wochen vorher Ravens und Patriots.

Dort haben die Chiefs vereinzelt sogar Goal-Line-Defense in der Mitte des Feldes gespielt (!), nur um Derrick Henry zu stoppen. Es ist am Ende gut gegangen – das aber vor allem, weil die eigene Offense mehr Punkte gemacht hat als Baltimore und New England zusammen. Aber diese Henry-kontrollieren-Defense hat mehr 1st Downs von Tennessee zugelassen, als Ravens und Patriots.

Es mag echt uncool sein und gegen deine Tough-Guy-Attitude gehen, aber vier Läufe über 20 Yards zulassen ist besser, als zwei Pässe für 30 Yards. Zumal das Duo Shanahan-Garoppollo dir viel häufiger Eier ins Nest legen kann als ein Ryan Tannehill. Wie smart bleibt Spagnuolo?

Game Flow

Viel wird vom Game Flow abhängen, vom Spielstand und vom Vertrauen in die eigene Defense.

Ich denke, daß Spiel wird viele unterschiedliche Phasen haben, wenn die 49ers den Ball haben. Gerade auch vor dem Hintergrund, daß sie zwei Wochen Zeit hatten, um sich vorzubereiten. Shanahan wird ein großes Playbook haben für die Phasen, in denen das Spiel eng ist, klar. Aber er wird auch Serien von aufeinander aufbauenden Plays haben, wenn er Druck verspürt, in größeren Sprüngen das Feld runtermarschieren zu müssen.

Was wir hier nicht sehen werden, ist ein Sean Mc-Vay-Brainfreeze wie im letzten Jahr: unfähig, sich anzupassen und verschiedene Ansätze zu spielen.

Am spannendsten dürfte eher andersrum sein, wie DC Spagnulo in der zweiten Halbzeit reagiert, wenn das Spiel nach Punkten knapp ist und die 49ers so erfolgreich laufen können wie gegen Vikings und Packers. Dann könnte es ein Clock-Management-Spiel werden: 49ers laufen und essen Uhr, wenn sie den Ball haben, während sie defensiv den Fokus auf das Verhindern von Big Plays legen und Andy Reid apathisch einen seiner berüchtigten 7-Minutes-Drives das Feld runterkleckern läßt.

Werden Spagnuolo und seine Verteidiger dann auf Teufel komm’ raus das Laufspiel stoppen wollen? Hier lachend ins Risiko der Play-Action-Kettensäge zu rennen, mag generell nicht das klügste sein. Aber: wenn man Patrick Mahomes hat, kann man mehr Risiken eingehen als der Durchschnitt.


Ich denke, das Spiel wird am Ende sehr stark vom “Game Flow” (oder „Game Script“; Chase Stuart schreibt viel darüber) abhängen. So lange es knapp bleibt, sehe ich hier Andy Reid im Nachteil. Aber den Vorteil haben insgesamt trotzdem die Chiefs: Patrick Mahomes kann erstens auch gegen diese starke 49ers-D zwei schnelle Touchdowns machen und so eine große Führung rausspielen; und zweitens ist Mahomes wie niemand vor ihm in der Lage, durch Zauberplays Andy Reids Schlafwagen umzuwerfen.

Ein Kommentar zu “Preview Super LIV: 49ers Offense vs Chiefs Defense

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