All-32: San Francisco 49ers 2020 Preview

Die San Francisco 49ers sind als amtierender NFC-Champion ein oft genannter Titelfavorit für die anstehende Saison.

Ich bin bekanntlich ein bisschen skeptisch. Und dann sehe ich im Football-Outsiders-Alamanach, dass die Niners dort im Schnitt nur 8.4 Spiele gewinnen sollen. Ein Grund dafür: Ihr Sprung von 2018 auf 2019 war so krass, dass Regression fast folgen muss.

  • Bilanz 2019: 13-3
  • Pythagorean: 12.0 Siege (#3)
  • Close Games: 5-3
  • Offense EPA/Play: +0.08 (#5)
  • Defense EPA/Play: -0.13 (#2)
  • Turnovers: +4
  • Adjusted Games Lost: #27

Es gibt bei den 49ers natürlich einige Gründe daran zu glauben, dass sie oben dabei bleiben:

  • Stabiler 13-3 Record, einzige Niederlage mit mehr als einem Score war die Superbowl, in der man bis kurz vor Schluss noch mit 10 Punkten führte.
  • Starker Pythagorean, wenig Abhängigkeit von Turnovers.
  • Offense ist wichtiger als Defense, und in der Offense hat man in Kyle Shanahan einen der exquisitesten Play-Caller

Aber auf der anderen Seite gibt es doch größere Fragezeichen auf Wide Receiver und im Defensive Backfield. Gerade die Leistungsexplosion der Defense 2019 war suspekt. Auch die Offense zündete erst unter bestimmten, jetzt nicht mehr so einfach replizierbaren Bedingungen.

Ich habe schon im Juni detaillierter auf die 49ers geblickt. Hier noch einmal etwas genauer nur auf 2020 bezogen.

Offense

Shanahan ist einer derjenigen Play-Caller, die wirklich „über den Spielern“ stehen. Er brachte bislang auf all seinen Stationen merkliche Verbesserungen – in Houston, Washington, Cleveland, Atlanta, San Francisco, teilweise mit spielerisch eher biederen Quarterbacks.

Sein Offensiv-System wird ständig angepasst und adaptiert und war in seiner Form von 2019 das bislang raffinierteste.

Ein paar der wichtigsten Elemente noch einmal zur Wiederholung:

  • Wide Zone Offense als Basis, viel 21-Personnel, aber mittlerweile auch viel Power-Running
  • Hohe Play-Action Quoten und viel Pre-Snap Motion
  • Viele kurze Pässe mit hohen und ungewöhnlich stabilen Yards-after-Catch Werten; tief geworfen wird eher selten und nur, wenn die Spieler dort wirklich offen sind

Der dritte Punkt ist aus Projection-Sicht der spannendste, denn normalerweise sind Yards-nach-dem-Catch-Zahlen recht volatil. Es ist „nachhaltiger“, tiefere Pässe zu werfen als sich auf Yards nach dem Catch zu verlassen. Bei Shanny ist das anders.

QB Jimmy Garoppolo ist kein Weltklasse-QB, aber funktional genug für diese Offense. Seine Linebacker-INTs über die Mitte sind zwar patentiert, aber sie sind eher „Episoden“, kurze negative Ausreißer.

Jimmy-G begeht davon ab nicht viele Fehler. Natürlich produziert er auch keine weltbewegenden Highlights. Er ist im Prinzip ein exzellenter „Game-Manager“, der exakt das ausführt was die Offense von ihm verlangt – mit ein paar kleinen „Extras“ wie z.B. die Mobilität für den einen oder anderen Scramble und ein bisschen 2nd-reaction Potenzial.

Das reicht – meistens. Jimmy-G ist schon sechs Jahre in der NFL, hat aber erstaunlicherweise durch Backup-Jobs und Verletzungen erst 26 Spiele als Starter bestritten (16 davon 2019); 2019 war seine erste volle Saison, und er war dabei sehr brauchbar:

  • #13 PFF Clean-Pocket Grade
  • #7 bei Negative-Play-Rate
  • +1.7% CPOE

Klar, wenn er den einen tiefen Superbowl-4th-Quarter-Pass getroffen hätte oder den einen offenen Receiver gesehen hätte… Aber man kann nicht alles haben. Leider war es am Ende mit entscheidend für die Niederlage in der Superbowl.

Ganz leicht ihn zu bewerten ist sowieso nicht, weil er so verbandelt mit dem System Shanahan ist. Wenn er mal ein wenig davon entkoppelt arbeiten müsste, wären wir noch schlauer. Aber gemessen an dem was von ihm verlangt wird und wie er das umsetzt, muss Shanahan ihn eigentlich heiß lieben.

Offensive Line ist okay; der Einkauf von LT Trent Williams verhindert, dass man nach dem Rücktritt von Joe Staley auf Left Tackle ein gewisses Niveau unterschreitet. Williams hatte übrigens einige seiner besten Jahre einst in Washington unter Shanahan.

Das große Fragezeichen betrifft das Arsenal an Skill-Players.

TE George Kittle ist exzellent – auch wenn er kein Peak-Gronkowski-Kaliber ist, so passt er doch wie Arsch auf Eimer zu dem, was die Niners machen wollen.

Doch auf Receiver gehen den 49ers schön langsam die Waffen aus.

  • WR Emmanuel Sanders, letztes Jahr noch ein so wichtiger Mid-Season Einkauf, spielt 2020 in New Orleans.
  • Der letztes Jahr als Rookie richtig starke WR Deebo Samuel ist mit einer nicht zu unterschätzenden Verletzung erstmal ein Fragezeichen. Er könnte zwar schon zum Saisonstart aktiviert werden, aber was wissen wir jetzt schon über seinen Fitnesszustand?
  • Rookie-WR Brandon Aiyuk (1st Round) ist auch schon auf IR und fällt wochenlang aus.

So gut Shanahan auch ist: Seine Offense war auch letztes Jahr erst dann wirklich „First Class“ als mit Sanders ein zweiter Wideout für Breite im Spiel geholt war. Ein Kendrick Bourne ist eher eine valide #3.

So ganz klar ist nach den Abgängen und Verletzungen erstmal nicht, woher diese Breite jetzt kommen soll – es sei denn, Leute wie Jalen Hurd, Dante Pettis, Taylor oder der 7th-Round-Rookie Jauan Jennings bringen plötzlich das, was sie bislang unter Verschluss gehalten haben.

Defense

Noch gefährlicher ist die Entwicklung der Defense. Die war 2019 quasi aus dem Nichts plötzlich ein paar Wochen lang total dominant. Pass-Rush war nach dem Einkauf von Nick Bosa und Dee Ford ein Grund dafür – aber viel wichtiger war, dass die PFF Coverage-Grade von abgeschlagen #32 in 2018 auf #2 in 2019 hochschnellte!

Das schreit nach Regression! Regression hatten wir übrigens schon während der Saison:

  • 1. Saisonhälfte bis Woche 9: -0.29 EPA/Play, #2
  • 2. Saisonhälfte bis Woche 17: -0.02 EPA/Play, #17

Solche Splits sind natürlich immer gefährlich und simplifiziert, doch a) trifft sich das ganze sehr gut mit Ben Baldwins damaliger Prognose von Anfang November und b) zeigt es, dass Defense generell eher instabil ist und c) zeigt es, dass die Niners-Defense durchaus verwundbar war.

PFF rankte die 49ers-Defense vor ein paar Tagen verblüffenderweise als #1 der NFL. Da kann ich hinten und vorne nicht mitgehen. In beiden Zonen – Front Seven und Secondary – gibt es zahlreiche Fragezeichen.

„Vorne“ hat man den konstant sehr starken DT DeForest Buckner verkauft und Arik Armstead, der in seinem „Money-Year“ doch noch den Durchbruch schaffte, die Verlängerung gegeben. An Stelle von Buckner läuft nun DT Javon Kinlaw auf – ein talentierter pass-Rusher, aber eben auch ein Rookie. Immerhin kann Kinlaw einigermaßen behutsam eingebaut werden.

Bosa kann fast nicht besser werden als 2019 und Ford hängt der Ruf nach ein one year wonder (2018 war er bei den Chiefs superb) zu sein.

„Hinten“ haben wir noch mehr Fragezeichen: CB Richard Sherman ist 32. Kann er noch einmal so ein starkes All-Pro würdiges Jahr wie 2019 spielen? (das es grob brauchen wird, will die Defense wieder in den Top-5 klassiert sein)

Wer wird der CB2? Witherspoon hatte gerade in den Playoffs eklatante Aussetzer, Moseley ist auch nicht immer stabil. Wenn man darauf wetten will, dass der immer noch angestellte Jason Verrett mal mehr als 30 Snaps lang gesund bleibt, dann nur so viel dazu: Gestern wieder Leistenverletzung bei Verrett.

Und wir sind noch nicht fertig: FS Jimmy Ward hatte ähnlich wie Armstead seinen späten Durchbruch. Kann man ihm „vertrauen“ den Level zu halten?

Denn eins muss uns klar sein: Viele Rückschritte kann der ganze Defensiv-Verbund nicht auffangen. Personell wurde nix geupgradet – und der gleiche Secondary-Corps, der 2019 die #2 der NFL war, war 2018 noch die #32 gewesen. Was sollen wir also erwarten: #2? #32? #16??? Es ist einfach alles offen.

So großartig sich die Pressure-Zahlen lesen: Nach Pass-Rush-Win-Rate waren die Niners als #14 nur im Mittelfeld klassiert, d.h. sie haben weniger „schnelle Pressure“ fabriziert als der Common-Sense annehmen würde. Der Pass-Rush hat vom Zusammenspiel mit der Deckung profiziert. Was passiert jetzt, sollte nun diese Deckung nach dem krassen Leistungssprung wieder einen Schritt zurück machen?

Ausblick

Das ganze klingt nun vielleicht etwas sehr negativ, aber wir vergleichen es ja mit einem Team, das zuletzt im Kern ein würdiges 13-3 Team (oder zumindest 12-4 Team) war und nur knapp das Endspiel verlor.

Einiges an den 49ers ist gebaut um zu bleiben: Der Head Coach als Offensivgenie, der Pass-Rush, Quarterback Garoppolo als verlängerter Arm des Headcoaches.

Doch es gibt eben auch Grund zur Skepsis: Yards after Catch sind eigentlich instabil. Wie gut sind die Wide Receiver um das ganze Potenzial der Offense wirklich zu entfalten? Wie gut ist die Secondary als wahrer Trigger der Defense?

Dass die 49ers um die Playoffs mitspielen, sollte auch in der schwierigen NFC West ein „given“ sein. Upside-Potenzial ist die Superbowl, aber die Seahawks haben in der eigenen Division den besseren Quarterback und die bessere Secondary (und vielleicht gerade nach der Josh-Gordon-Verpflichtung auch die besseren Receiver; sie müssen sie nur nutzen) – und wenn die Niners ihre Offense mit schwächeren Receivern nicht wieder so in die Gänge bekommen wie letztes Jahr, kann das schnell runter auf 9-7 gehen und zu einem Kampf um die Wildcard-Plätze werden.

3 Kommentare zu “All-32: San Francisco 49ers 2020 Preview

  1. Danke für den Artikel. Ich hoffe, dass du mit deiner Skepsis nicht ganz richtig liegst, aber du zählst natürlich genau die kritischen Punkte auf. Grade was die Secondary angeht, bin ich auch etwas ängstlich. Es kann gut gehen, kann aber auch schief gehen.
    Übrigens: Brandon Aiyuk ist nicht auf IR. Der hat nur „mild hamstring“ und soll vermutlich sogar in Woche 1 zur Verfügung stehen. Dafür ist Jalen Hurd mit einem Kreuzbandriss auf IR und raus für diese Saison.

  2. Pingback: Furchtlose NFL-Vorschau 2020/21: Die Titelfavoriten | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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