Draft-Review: Die Cincinnati Bengals 2021 legen nach

Letztes Jahr schrieb ich an dieser Stelle darüber, dass der Draft der Cincinnati Bengals „paradox“ gewesen sei. Ein Jahr später legt Cincinnati nach.

Meine Argumentation vor einem Jahr war: Cincinnatis taufrischer #1 Overall QB Joe Burrow sei am College ein eher durchschnittlicher Mitteldistanzwerfer in Richtung beider Seitenlinien gewesen – und gerade dazu habe WR Tee Higgins mit seinem Profil als reiner Route-Runner entlang der Seitenlinien nicht so wirklich 100%ig gepasst.

Joe Burrow und Tee Higgins

Ein Jahr später können wir konstatieren: Burrow war als Rookie einer der präziseren Werfer in der Mitteldistanz outside the hashes, während vor allem sein tiefer Ball als Rookie litt. Es könnte an der schwachen Offense Line gelegen haben. Es könnte auch ein Produkt der geringen Einsatzzeit für Burrow gewesen sein (nach 10 Spielen wurde er mit zerfetzten Bändern im Knie ins Krankenhaus eingeliefert).

Aber es lag eher nicht an Higgins. Der spielte eine starke Rookie-Saison. Higgins war in den Partien, in denen er gemeinsam mit Burrow am Feld stand, einer der besten Rookie-Receiver:

  • #5 nach PFF Receiving Grade
  • 1.8 Yards/Route, ebenso #5
  • aDOT von 14.6 Yards pro Target

Higgins hat geliefert. Jetzt bekommt Higgins einen neuen, brandgefährlichen Partner als WR1: Ja’Marr Chase. Burrows Go-To-Guy am College während der unvergleichlichen LSU-Rekordsaison 2019/20.

Chase Greatness

Burrow und Chase lieferten vor eineinhalb Jahren die Show schlechthin im College Football an, die sensationellste Passing-Offense, die ich in 15 Jahren bis jetzt gesehen habe: 16% Deep-Ball-Quote, Fuß auf dem Gaspedal bis zur allerletzten Minute des letzten Endspiels, und eine Latte an phänomenalen Big-Plays.

Chase fing allein 1780 Yards und 20 Touchdowns von Burrow und war der dominanteste Receiver in einer Offense, in der auch noch Justin Jefferson (hatte einen fantastischen NFL-Einstand als Rookie) oder Terrace Marshall (2nd Rounder 2021) aufliefen. Chase dominierte dort als 19-jähriger.

Chase hatte über 3.5 Yards/Route, und das, obwohl sein Route- und Target-Profil durch ziemlich wenige Plays über die üblicherweise effizientere Spielfeldmitte gepimpt wurde:

Da haben wir es übrigens wieder: Receiver, die draußen an der Seitenlinie für havoc sorgen, gepaart mit Burrows vermeintlicher, in seiner Rookiesaison aber nicht ersichtlichen „Problemzone“ über 7-15 Yards outside.

Jetzt sind Burrow und Chase wieder vereint. Über Chases NFL-Aussichten sind sich die meisten Auguren trotz der mit 6‘1 für einen WR1 etwas geringer Körpergröße einig: Er wird sich durchsetzen. Garantie ist das natürlich noch keine. Aber der bullige Chase ist nicht bloß ein extrem physischer Bolzen. Er ist auch gewieft. Chase kann sich auf engstem Raum Platz verschaffen und er ist beweglicher als die meisten denken würden.

Die Bengals komplettieren mit ihm einen Receiver-Corps, der sich entzückend liest: Chase und Higgins als echte Outside-Receiver (beide haben am College 80% und mehr außen gespielt), der nicht zu unterschätzende Tyler Boyd als echter Slot-Receiver (hat in den letzten Jahren 70% und mehr im Slot gespielt und gilt als einer der 30 besten Receiver der NFL). Mit etwas Rochade könnten die Bengals in ihrer Offense bald zwei oder drei der besten Receiver in der NFL übers Feld laufen sehen.

Das allein war mit Burrows Eier für den tiefen Ball die Chase-Einberufung an #5 anstelle eines Offensive Tackles wie Penei Sewell wert.

Natürlich hätte es auch Argumente für Sewell gegeben. Cincinnati hatte in den letzten drei, vier Jahren eine der schwächsten Offensive Lines in der NFL und war zuletzt fast immer unter den Offenses mit den höchsten Pressure-Quoten platziert. Ich will gar nicht so weit gehen und Burrows Freak-Verletzung der schwachen Pass-Protection zuschreiben, aber: Obwohl nur acht Quarterbacks mehr Pässe in weniger als 2.5 Sekunden loswurden (Burrow 57% der Pässe in maximal 2.5 Sekunden), kassierten satte 18 QBs eine niedrigere Pressure-Rate.

Die Bengals gingen aber den „Analytics-Weg“: Strebe nach Elite auf Receiver und sei mit Durchschnitt in der Offensive Line zufrieden.

Offense Line in Runde 2

Sie trieben dieses Credo sogar auf die Spitze, als sie in Runde zwei an Platz 38 einen Downtrade mit den Patriots einfädelten und für den Verkauf von acht Spots rund 16% Mehrwert generierten!

Die Bengals drafteten an #46 in OL Jackson Carman einen nicht unumstrittenen Prospect. Man kann argumentieren, dass die Bengals Pech hatten, weil genau zwischen ihrem ursprünglichen Pick und ihrem neu akquirierten ein kleiner O-Line-Run einsetzte (Teven Jenkins an #39, Liam Eichenberg an #42, Walker Little an #45), doch dass die Wahl auf den Tackle/Guard Zwitter Carman anstatt auf eindeutige Tackle-Prospects wie Samuel Cosmi oder Dillon Radunz fiel, war etwas überraschend.

Man kann argumentieren, dass die Bengals in LT Jonah Williams und C Trey Hopkins immerhin zwei solide bis gute Starter haben – und dass der in der Free Agency geholte RT Riley Reiff und Carman zwei weitere Spots dieser einst so unzuverlässigen Line verbessern können. Es wäre auf jeden Fall ein Gewinn. Doch wenn Carman in drei Jahren nur ein Guard und kein Tackle wird, wäre das eine kleine Enttäuschung.

Aber immerhin: Cincinnati staubte die Picks #122 und #139 für die acht Spots ab. Und den Pick #139 investierten sie in D’Ante Smith. Einen weiteren Offensive Tackle. Sie haben also den insgesamt richtigen Plan verfolgt…

Der Plan ist auch in der Defense zu sehen

…auch in der Defense. Dort hat man drei Mid-Rounder reingepulvert: Die Edge-Rusher Ossai und Cam Sample sowie DT Tyler Shelvin. Gerade Ossai ist ein extrem reizvoller Pick für diese Defense, die ansonsten so viele Base-Defense-Ends hat wie kaum eine andere Mannschaft und in Carl Lawson einen der besten Passrush-Athleten in Free Agency verloren hat.

Die vielen 5-techs im Kader (auch Sample ist so einer) haben nämlich ein Problem: Man kann sie kaum einsetzen um für Verwirrung zu sorgen. Keine schnell in Coverage droppenden D-Liner. Ossai hat das drauf – wie auch der letztjährige Linebacker Davis-Gaither. So schwer es ist, von Bengals-DefCoord Lou Anarumo viel zu halten, so sehr hat er jetzt das Personal beisammen, nach dem er selbst gerufen hat.

Gesamteindruck

Das ist übrigens die ganze Bengals-Klasse von 2021:

RdPickPos.NameCollegePublicBoard
15WR Ja’Marr ChaseLSU4
246OT Jackson CarmanClemson73
369EDGE Joseph OssaiTexas42
4111EDGE Cameron SampleTulane131
4122DI Tyler ShelvinLSU106
4139D’Ante SmithEast Carolina126
5149Evan McPhersonFloridaN/A
6190Trey HillGeorgia200
6202RB Chris EvansMichigan193
7235EDGE Wyatt HubertKansas State251

Ich habe diesem Draft die Note = B gegeben, und hätten sie nicht in Runde 5 eine der Kardinalssünden begangen und einen Pick in einen Kicker investiert, so wäre ich geneigt gewesen, ein A springen zu lassen.

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