New England Patriots Mailbag, Teil 2: Offense

Zweiter Teil des Patriots-Mailbags mit Alexander Herrmann – heute mit den zentralen Fragen zur Offense in New England: Die Rolle von OffCoord Josh McDaniels, die Zeit post-Gronkowski und die kleinen Helden in Foxboro – und die große Sollbruchstelle.

Wer es noch nicht gelesen hat: Teil 1 mit dem allgemeinen Blick auf die Unternehmenskultur sowie Belichick und Brady gab es am letzten Mittwoch.


#4 Edelman oder Wes Welker?

Herrmann: Puh. Ähh….Mittlerweile eher Edelman. Aber den Ausschlag gibt die längere Zeit. Und auch die ganz großen Momente. Bei Welker war es der Ball durch die offenen Hände in Super Bowl XLII, bei Edelman der crazy catch in Super Bowl LI.

Für mich persönlich aber ist das Edelman-Game das Divisional Playoff Game 2014 gegen Baltimore. Mit 14-28 hinten im dritten Viertel fängt Edelman einen Ball nach dem anderen kurz links gegen den völlig hilflosen UDFA Rashaan Melvin. Es war ein ganz krasser Fall von: wir attackieren deine Schwachstelle, bist du etwas dagegen tust, Kreativität ist uns egal, in dieser krassen Eintönigkeit war es schon damals kaum zu glauben.

Und zwischen den vielen gefangenen Bällen in der zweiten Halbzeit wirft Ex-College-Quarterback Edelman dann endlich, endlich mal einen Paß in seiner NFL-Karriere – und es ist ein 51-Yard-Touchdown in den Playoffs um aus dem Loch rauszukommen! Diese zweite Halbzeit ist eine der schönsten Erinnerungen als Pats-Fan überhaupt und Edelman war ganz groß mit dabei.


#5 Ich sehe seit vielen Jahren, dass die Patriots-Offense in verschiedensten Umwelten funktioniert und dass das Erhard/Perkins-System mit seinen kurzen Play-Calls und das unendliche Wissen von Tom Brady dafür von entscheidender Bedeutung sind. Doch was ist die exakte Rolle von Josh McDaniels? Was ist so großartig in der Patriots-Offense wegen McDaniels?

Herrmann: Ich glaube, Josh McDaniels ist einer der am meisten unterschätzten Coaches in der NFL. Wäre er ein guter Head Coach? Keine Ahnung. Ist er der beste Offensive Coordinator der NFL? Wenn diese konstanten Anpassungen und Veränderungen von ihm kommen: dann ja.

Man weiß ja bei den Patriots immer nicht, wer welchen Anteil woran hat. Man neigt dazu, Belichick den größten Anteil zu geben. Aber wahrscheinlich hat McDaniels – und auch die anderen Coaches – einen größeren Anteil, als man denkt. Es ist wohl eher die “Unternehmenskultur”, die dafür sorgt, daß die guten Ideen, die Bellys Staff hat, umgesetzt werden, und die schlechten Ideen eben nicht. Es braucht dann aber ein “offenes” Mastermind, das gut und schlecht unterscheiden kann. Dabei hilft die Erfahrung und die Klugheit, aber notwendig ist die Offenheit im Denken.

Der große Diplomat Richard Holbrooke hat zu seinem jungen Staff immer gesagt: the smartest man in the room is not always right. Er muß nur erkennen können, wer “right” ist.

Es scheint bei den Patriots ein sehr produktives “Idea Lab” zu geben, wie man in modernen Unternehmen wohl sagen würde. Und McDaniels ist dabei einer der wichtigsten Ideenproduzenten.

Was man in Dokumentationen wie Do Your Job sehen kann, ist, daß McDaniels einen sehr großen Anteil hat und auch immer in die Zukunft schaut ohne die Vergangenheit zu vergessen. Also: was haben wir bisher gemacht, was kennt unser Gegner, was hat funktioniert und was ist schiefgegangen. Er scheint da wirklich sehr offen und nach vorne blickend zu sein. Was heute funktioniert, müssen wir jetzt schon anpassen, damit es in der Zukunft auch noch funktionieren wird. Sehr smart, sehr wenig Ego, immer offen für Neues.

Das Seltsame an McDaniels ist sein Ausflug als Head Coach zu den Broncos. Denn dort war er anscheinend das Gegenteil: dickköpfig und rechthaberisch.

Ich glaube ja, daß man Menschen – unter anderem – auf dieser Skala einteilen kann: Erkenntnisinteresse auf der einen Seite, Rechthabeinteresse auf der anderen. Bei den Broncos war er weit rechts, auf der “Rechthabenseite”, bei den Patriots ist er sehr weit links: ich will wissen, wie es besser sein könnte und wie wir da hinkommen. In dem Umfeld mit Belichick funktioniert McDaniels hervorragend; ohne ein Mastermind über ihm war das zumindest in Denver nicht so. Das was er jetzt macht ist jedenfalls ganz, ganz großer Sport, den man nicht überschätzen kann.

Anderer Punkt noch: Ganz, ganz wichtig ist in der Offense und bei den Coaches generell, wie gut sie ihre Spieler für die jeweiligen Systeme trainieren. Es wird meistens nur über System, Strategie, Taktik und Spielzüge geredet – aber kaum darüber, wie gut die Coaches dabei sind, diese ihnen Spielern beizubringen. Legende Dante Scarnecchia, RBs-Coach Ivan Fears, WR-Coach Chad Shea (jetzt als OC in Miami) sind die Wasserträger, ohne die ein McDaniels lange nicht so viel verschiedenes umsetzen könnte.


#6 Inwiefern wird der Rücktritt von TE Rob Gronkowski Auswirkungen auf die Offense der Patriots in 2019 haben, nachdem Gronkowski zumindest bis zu den Playoffs nicht mehr die Urgewalt alter Tage stellte?

Herrmann: “We don’t know the answer to that question”, wie Greg Cosell immer sagt. Mehr Running Backs? N’Keal Harry in einer Rolle wie Cordarelle Patterson letztes Jahr? Noch mehr Play-Action? Ich freue mich einfach drauf, was es als Antwort darauf an Neuem geben wird. Und ich bin Dir auch sehr denkbar, daß Du nicht nach unserem Left Tackle gefragt hast, der ein größeres Problem werden könnte.

#7 Wie das?

Herrmann: Es gibt noch keinen Starter auf LT, nur mehrere Optionen, die alle Fragezeichen haben! 2018 1st-rd pick Isaiah Wynn hat noch nie NFL Spiel gespielt und kommt jetzt von einem Achillessehnenriß zurück; andere Option ist Left Guard Joe Thuney, der auf Tackle versucht wird; und dann gibt es noch Dan Skipper, der aus irgendeinem Practice Squad kam. Im Trainings Camp werden jetzt die verschiedenen Optionen ausprobiert und auch wird munter spekuliert über Trades wie zum Beispiel Trent Williams.


#8 Kann Rookie-WR N’Keal Harry mit seiner imposanten Statur sowas wie den „Mini-Gronkowski“ geben, oder wird seine Rolle ein komplett andere sein?

Herrmann: Harry hat mich im ersten Pre-Season-Game mehr an Brandon LaFell, Malcolm Mitchell und Josh Gordon 2018 erinnert: der bullige Typ an der Seitenline, der nur Comeback-Routen läuft und Back-Shoulder-Catches macht. Er kann nicht viel, aber das wenige können wir effizient nutzen.

Er könnte auch eine Rolle spielen wie Marques Colsten. Die lange Bahnschranke in der Mitte mit sehr kräftigen Händen. Wahrscheinlich ist es insgesamt für die Pats-Offense die langweilige Antwort: viele kleine Lösungen. Es wird auch mal Harry die Seam Route laufen, auch der 2 Meter lange Matt LaCosse, und auch Opa Ben Watson wird hier und da LB-Grünschnäbel vernaschen.

Ich wäre am Ende schon froh, wenn Harry in seinem ersten Jahr die Gordon-Rolle spielen kann (Comebacks & Back Shoulder Catches), eventuell etwas Patterson-artiges mit seinem dicken Körper aus Jet Sweeps heraus; und wenn er dann noch eine Spur drüber ist, beispielsweise Post Routes, mit Go-Routes an der Seitenlinie tief oder auch mal die Seam Route mit langen Armen, dann ist Patriots Country vollends zufrieden.


#9 Was wird aus Josh Gordon?

Josh Gordon wurde jetzt doch überraschend schnell wieder zugelassen für den Spielbetrieb. Aufgrund seiner jahrelangen Historie sehe ich ihn aber eher als Wild Card, ähnlich wie Demaryious Thomas nach seinem Achillessehnenriß: die Erwartungen sind bei Null, wenn sie reinkommen in die Mannschaft und etwas beitragen können ist das ein schönes Plus, aber geplant wird so, daß man sie nicht benötigt.


#10 Hilf mir noch mal beim NFL Draft 2018: Was hat Belichick geritten, RB Sony Michel in der 1. Runde zu ziehen? Was bietet Michel, das man nicht auch von einer billigeren Alternative bekommen hätte?

Herrmann: Tja. Ein Running Back in der 1. Runde im Jahre Zweitausendachtzehn nach Christus – von Belichick! Wenn man den Football-Blick aus dem Jahre 2008 nimmt, dann könnte man bestimmt seine Offense um ihn herum bauen, er ist wirklich so gut. Aber 2018? Wo man – also zumindest als fortschrittlicher Footballmensch  – den laufenden Running Back sehr weit unten in der Prioritätenliste hat. Schwierig.

Eins könnte sein: best player available. Von der Warte Effizienz her würde ich in der ersten Runde nur noch Cornerbacks, Offensive Tackles und Pass Rusher draften (und QBs natürlich); und vielleicht noch absolute Ausnahmetalente wie Bobby Wagner oder (anscheinend) Quentin Nelson.

Dazu kommt ja noch, daß Belichick dieses Jahr einen Wide Receiver in der ersten Runde gedraftet hat – einen WR! First Time Ever in Runde Eins. Wide Receiver stehen ja für mich nicht viel höher als Running Backs.

Einer meiner ersten großen Augenöffner für die “Moderne NFL”, die “effizienzgetriebene”, kosteneffektive Roster Allocation war CHFF, coldhardfootballfacts.com, von denen ich mich habe überzeugen lassen, daß Paßspiel lebt:

  1. Vom Quarterback
  2. Dem “System”
  3. Der Protection

Die Wide Receivers dürfen keine Backsteine als Hände haben, aber viel mehr  braucht es nicht. Es gibt seltene Ausnahmen wie Calvin Johnson, Julio Jones, Antonio Brown oder Nuke Hopkins, aber alle anderen Wide Receiver werden “gemacht” und kreieren nichts Großes selbst.

Wenn kein CB-OT-EDGE da ist, der es wert ist, dann ist vielleicht beim “best player available” die Position egal am Ende der ersten Runde. Die 5th-year-option ist in den Augen Belichicks vielleicht wichtiger als wir denken.


#11 RB James White: „System-Runningback“ oder wertvollster Runningback der NFL?

Herrmann: Das hat viel mit der Frage nach Josh McDaniels und der Offense zu tun. James White wird in die Patriots Hall of Fame kommen. Er ist im Fan-Standing kein Kevin Faulk, aber allein seine Leistung im Super Bowl gegen die Falcons reicht aus, um aus jedem Patriots-Fan ein “Oh Yeah! I will never forget him” rauszuholen.

Aber auf diesem Level bleibt er auch stehen: auf einer Stufe mit Kevin Faulk und ein bißchen über Danny Woodhead, der Whites Position erst mit geschaffen hat, und Shane Vereen, der ohne Verletzungen da auch hätte hinkommen können.

Dieser “Pass Catching Running Back” als “Space Player” erfüllt eine enorm wichtige Funktion in der Patriots-Offense, aber diese Funktion ist relativ eng – und verhältnismäßig viele Running Backs können, was White kann. Alvin Kamara könnte das auch; Tarik Cohen bestimmt auch; Washington hat einen mit Chris Thompson, der auch super passen würde; Atlantas Devonta Freeman könnte es vielleicht noch besser; die Flipperkugel Darren Sproles hat Belly/Brady/McDaniels vielleicht erst aus der Ferne bewiesen, daß man diesen Spielertypen noch exzessiver nutzen kann (Sproles hatte 2011 unter Sean Payton 111 Targets!).

Also ganz klar: System-Runningback. Wohlgleich ein sehr guter! Er wird in die Patriots-Geschichte eingehen als einer der “kleinen Stars”: Matt Slater, Duron Harmon (hoch angesehen in unseren Kreisen), Kicker Gostkowski, Logan Mankins, Pat Chung: Spieler, die lange dabei waren und immer wichtig waren, den “Patriots Way” verkörpert haben wie wenig andere – aber nie erste Reihe waren wie Gronk, Edelman, Devin McCourty oder dereinst Stephon Gilmore (er wird eine Legende wie Ty Law, wenn er so weiter macht).

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3 Kommentare zu “New England Patriots Mailbag, Teil 2: Offense

  1. Sehr cooler Artikel!

    Zu McDaniels: vielleicht ist OC einfach das Optimum für seine Persönlichkeit und sein Skillset. Es gibt genügend Leute, die extrem gut sind in dem was sie machen und mit mehr Verantwortung dann einfach nicht umgehen können und nach Beförderungen abstinken. Aus Pats-Sicht soll es mir Recht sein, denn da jetzt für Brady noch einen neuen Koordinator zu finden wäre schon ziemlich schwierig glaub ich.

  2. Pingback: New England Patriots Mailbag, Teil 3: Defense | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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