Vor dem Champions-League-Finale 2020: Bayern vs. PSG

Paar Worte noch zum heutigen Champions-League-Finale.

Bayern vs. PSG ist aus fußballerischer Sicht eine reizvolle Auseinandersetzung. Überhaupt ist das ganze Finalturnier in Lissabon spektakulär. Es wird volle Pulle gespielt, kaum Zurückhaltung, nur wenig Taktieren.

Bayern und PSG sind die beiden offensivstärksten Teams des Jahres. Es ist gut, dass solche Mannschaften im Endspiel stehen! Natürlich lässt sich die Ansetzung auch trüben, wenn man mal den Blick über den Spielfeldrand hinaus gleiten lässt. Das gilt nicht nur für das abgefuckte System im Spitzenfußball, sondern auch für die beiden Mannschaften speziell.

Vor dem Halbfinale PSG vs. Leipzig hat Richie Sadlier im irischen TV brillanten Kontext gegeben:

Ich habe persönlich mit dem Konstrukt Leipzig recht wenige Probleme, aber das mag auch an meinem US-Sport-Hintergrund liegen. Es ist mir wurst ob Red Bull oder Borussia Dortmund spielt; mit „Vereinen“ haben beide Einheiten nicht viel zu tun. Im Gegenteil: Das Modell Leipzig ist in gewissem Sinne „ehrlicher“ als das Vereins-/Fußball-gehört-den-einfachen-Leuten-Gedaddel. Fußball ist Big-Business – mit all seinen Problemen.

PSG ist auf der Skala allerdings ein paar Eskalationsstufen weiter. PSG ist, obwohl erst 1970 gegründet, einer der faszinierendsten Fußballclubs in Europa. Ich gebe zu, ich habe nie so richtig verstanden, was an dem Club so geil ist und warum es gerade in Paris einen solchen strammen Support für einen eigentlich so jungen Club ohne jahrhundertelange Tradition gibt. Bis Simon Kuper (Co-Autor von „Soccernomics“) vor wenigen Tagen in der Financial Times diesen großartigen Artikel über den PSG und seine Bedeutung für Paris schrieb:

Simon Kuper on the rise of PSG: The football club once symbolised a divided city. But with Qatari millions — and a shot at Champions League glory — all that has changed

Der PSG ist 1970 aus einer Fusion aus mehreren gescheiterten Pariser Vereinen hervorgegangen. Er hatte schon immer das Ziel, zum ersten Mal eine Art „übergreifenden“ Verein für diesen Moloch Paris zu stellen – diese schillernde französische Hauptstadt, deren überwältigende Bevölkerungs-Mehrheit in den wenig schillernden Vorstädten haust, verabscheut von der französischen Elite. Paris war historisch nie eine Fußballstadt – im Gegenteil: Fußball wurde dort eher als Proletensport abgetan. Und so hatte der PSG mit seiner wüsten Hooligan-Szene auch immer das Image eines Proletenvereins – aber diese Fans standen hinter dem Club, ihrem Club, stramm wie eine Eins. Er symbolisierte die Vorstädte!

Enter die Kataris, die um 2010 herum begannen, Millionen und Abermillionen in den Club zu stecken um ihn zu einer europäischen Großmacht heranzuzüchten. Die ganzen Deals um Sarkozy, Platini und Entourage herum haben natürlich alle ihre Geschmäckle, aber sie haben neben krasser PSG-Dominanz in der französischen Liga vor allem eines bewirkt: Der Club ist heute gesellschaftsübergreifend in Paris akzeptiert.

PSG, Paris St. Germain, ist nicht mehr bloß Vorstadtclub. Heute rangiert der Schriftzug „Paris“ nebst Eiffelturm im Logo ganz weit oben, das kleine „Saint Germain“ ist nur noch Verzierung. Das Hooligan-Problem ist gelöst. PSG steht für Paris. Steht für Frankreich. Unterstützt sowohl von Schickeria als auch von den Suburbs.

So famos PSG Fußball spielt – Sadlier spricht es oben an: Der Verein ist so gut wie katarisches Staatseigentum, und die Probleme mit Katar sind hinreichend bekannt. Ändern lassen tut sich natürlich sowieso nix (außer einfach nicht mehr einschalten, aber wer macht das schon?) und auch andere Spitzenvereine wie Barca oder der FC Bayern haben ihre Verquickungen mit den Middle-East-Regimen, doch für meine persönliche innige Verachtung reicht es trotzdem.

FC Bayern? Ich weiß, die Gegner stehen Schlange und warten nur darauf, jedes Wort vom Kalle in der Luft zu zerreißen, aber einmal die ganze Ausgangslage im Spitzenfußball berücksichtigt, halte ich die Bayern für den bestgeführten Topverein in Europa. Die Kovac-Anstellung war natürlich Murks, aber das Kapitel ist Gott sei Dank passé.

So nebenbei möchte ich beim Thema Bayern auf das wirklich interessante Buch „Gerd Müller – oder wie das große Geld in den Fußball kam“ von Hans Woller verweisen. Ich habe es während Corona gelesen. Es ist erstens einmal eine bedrückende Geschichte über Gerd Müller. Zweitens aber ist es auch eine ziemlich aufschlussreiche Story über die Verstrickungen von Sport und Politik, wie die CSU den FC Bayern als Marketingmittel aufgebaut hat und sicherstellte, dass Vereinsikonen wie Beckenbauer, Müller, Sepp Maier oder Katsche Schwarzenbeck so lange wie möglich in München blieben.

Sport war schon immer Politik. Sport ist auch seit über 50 Jahren Wirtschaft. Bayern ist Bayern. Leipzig verleiht Flügel. PSG ist Katar. Mein größtes Problem habe ich mit PSG. Ich sags mal so: In meiner persönlichen „Nahrungskette“ steht traditionell der AC Milan ganz unten. Ich bin mir aber nicht mehr sicher, wem ich beim Duell PSG gegen Milan die Daumen drücken würde. Oder gegen wen ich sie drücke…

Zum Sportlichen

Beide Teams sind offensivgewaltig, und trauen sich auch, und das macht diese Ansetzung zur besten CL-Finalansetzung seit dem deutschen Endspiel 2013. Endlich kein Barcelona/Real-Madrid/Juve-Gewichse mehr – die beiden Teams spielen Fußball!

Bayern ist so offensiv wie ich sie noch nie gesehen habe. Das Pressing ist absoluter Hammer, aber genau darin liegt auch eine ganz große Gefahr: Die Abwehrreihe steht so hoch, dass sie von den Supersprintern wie Neymar/Mbappe ohne weiteres überlaufen werden kann, wenn das Pressing den PSG-Spielaufbau nicht unterbinden kann bzw. das Bayern-Mittelfeld wie in den ersten Minuten Semifinale gegen Lyon die Bälle verschenkt.

Thiago/Goretzka wirken nicht immer sattelfest und für meinen Geschmack auch erstaunlich uneingespielt. Sie stehen sich immer wieder auf den Füßen. Im Halbfinale war Thiago zudem unkonzentriert; auch die Abstimmung mit Kimmich passte nicht immer. Auf der linken Seite ist Davies zwar extrem schnell, aber defensiv zu oft noch ungestüm.

Beginnen die Bayern wie gegen Lyon, führt der PSG nach 15 Minuten mit 2:0. Mindestens. Und dann wird die Partie zu einem Brett.

Hansi Flick könnte die Abwehr einen Tick tiefer stehen lassen um die Gefahr vom Überlaufen etwas zu mindern – aber dann müsste der Stabilität wegen auch das ganze Pressing tiefer stehen. Ich glaube eher nicht daran. Ich bin aber gespannt ob wir ein neues Pärchen in der Mittelfeld-Zentrale sehen werden; Thiago ist super, aber er hatte zuletzt einfach zu viele Aussetzer.

Beim PSG ist auch zu schauen, wer in der Mittelfeldzentrale spielt. Ist Verratti fit genug, wird er spielen. Die italienischen Gazzetten haben sich diese Saison überschlagen ob Verrattis Qualität; er soll eine „Europa-Team des Jahres“-würdige Saison gespielt haben. So gut Paredes in den bisherigen KO-Spielen war: Verratti wäre fast sicher ein Upgrade. Bayern müsste den PSG zwingen, das Spiel von Verratti weg auf die Außenverteidiger zu verlagern. Kehrer und Bernat wirken lange nicht so stabil.

So krass es bei 8:2 gegen Barca und 3:0 im Halbfinale klingt: Bayern hat mich nicht vollends überzeugt. In beiden Spielen hat man im Mittelfeld zu viele Bälle verloren bzw. stand dann hinten entsprechend zu oft blank – und gegen Barca war die Chancenverwertung bizarrerweise eher mau; Barca hatte schlicht null Gegenwehr gegen das Bayern-Pressing und ist deswegen untergegangen, aber dem PSG wird das nicht passieren. Und der PSG hat den besser funktionierenden, schnelleren Angriff um dann die Bayern-Defense aufzuwirbeln.

Ich weiß, ein Finale ist immer so eine Sache und riskiert, sehr taktisch zu werden. Aber diese Partie hat ausnahmsweise mal alle Ingredienzien um ein offener Schlagabtausch zu werden, weil beide vor allem nach vorne spielen können und keine Verwalter sind. Bayern ist das bessere Team, PSG hat die besseren Stürmer. Unterbinden die Bayern zu viele schnelle Gegenstöße über Mbappe und können sie Neymar einigermaßen kontrollieren, haben sie eine sehr gute Chance auf das Triple. Wenn nicht, fürchte ich einen ähnlichen Hühnerhaufen wie anfangs gegen Lyon – nur, dass PSG die Chancen eben reinmachen wird.

25 Kommentare zu “Vor dem Champions-League-Finale 2020: Bayern vs. PSG

  1. Bevor ich weiter im Nebel stocher 😉 folgt meine Meinung.

    Ich werde mir das Champions League Finale zum ersten Mal (freiwillig) seit 10+ Jahren nicht geben, da mir das Spiel für meinen Wohnort an einem Sonntag zu spät angesetzt ist (22 Uhr) und mir die Bilder der Siegesfeier der Menschen auf den Straßen in Paris/München an Aufregung schon reichen wird.

    Ich halte es für einen Fehler Endspiele abzuhalten, wenn danach auf jeden Abstand und Anstand verzichtet wird.
    Neustart der Saisons gerne – Finale bei den möglichen Implikationen nein danke.

    Letztendlich hoffe ich, dass Bayern gegen PSG gewinnt: Lieber die CSU als Katar.

  2. Wenn das Konstrukt Leipzig „ehrlicher“ wäre, hießen sie Red Bull Leipzig. Im Gegenteil: in einem insgesamt unehrlichen Geschäft ist RB Leipzig der Gipfel der Unehrlichkeit.

  3. @Santiago dies liegt aber an dem DFB/an der DFL und nicht an RB Leipzig.

    In Österreich firmiert der Verein auch unter Red Bull Salzburg und international zwangsweise unter FC Salzburg.

  4. @Torki: Und deswegen ist es nicht unehrlich? Wenn man ehrlich wäre, hätte man eingesehen, dass ein Konstrukt wie Leipzig unter den Spielregeln des deutschen Profifußballs nicht möglich ist. Dass ein Konstrukt wie Salzburg im Europapokal unter den Regeln der UEFA nicht möglich ist. Stattdessen bedient man sich allerlei Winkelzüge, Hintertürchen und natürlich auch der Unehrlichkeit der Verantwortlichen von DFB/DFL, UEFA etc., die alle Augen zudrücken. Und das macht es eben zum Gipfel der Unehrlichkeit und eben nicht „ehrlicher“ als einen Verein wie Dortmund. Das ist ungefähr so wie wenn man Trump als „ehrlicher“ bezeichnet, nur weil jeder weiß, dass er lügt.

  5. @Santiago ich habe lieber ein Red Bull Salzburg als ein FC Bayern München gesponsert von VW, Katar, der Allianz, Lufthansa, Adidas, SAP, DHL, Paulaner, Tipico (!), Siemens und weiteren Firmen.

    Sport ist Business und dagegen können wir uns nicht wehren. Wir sind letztendlich nur Konsumenten eines Produkts und das muss auch nicht schlechtes sein. Aber wenn ich nur die Wahl zwischen Cola und Pepsi habe, trinke ich lieber Wasser oder gar nichts.

  6. Gibt es eigentlich italienische Vereine die der gepflegte Südtiroler gut findet?
    Atalanta hat dieses Jahr doch jedes Herz erwärmt.

    Overall wird dieses Spiel sicherlich interessant. PSG hat sicherlich besser Chancen als die meisten Mannschaften aber mir fehlt so ein bisschen der glaube as Bayern die nicht auch noch durch die Wand prüglelt, wie sie das im Prinzip mit allen Mannschaften dieses Jahr getan haben. Eine große strategische Stärke der Bayern ist, selbst wenn sie mal hinten liegt ändert das ihre herangehensweise überhaupt nicht. Und Lyon ist defensiv deutlich stabiler als PSG und selbst die waren nicht wirklich stabil.

  7. Was die DFL da mit RB macht ist eh reichlich seltsam, denn aus irgendwelchen Gründen, wohl der Tradition sind Wolfsburg und Leverkusen davon ausgenommen. Bei dem einen HSV hat Kind die Macht, beim anderen Kühne. Der BVB ist eine AG, wie der FC Bayern auch. Bei 1860 hat auch ein Investor die Macht. Dann haben wir noch Hoffenheim.
    Dazu haben die meisten Vereine ihre Profiabteilung ausgegliedert. Und wer von denen kümmert sich eigentlich gut um den Nachwuchs?
    Abgesehen davon ist es ziemlich seltsam RB mit so viel Hass zuzuschütten, aber die BL ist so oder so langweiliger als ein Cricket-Match, auch wenn ich da nichts verstehe.

  8. @Santiago: Dortmund als „Verein“ zu bezeichnen ist auch gewagt. Machen wir uns nichts vor, der Vereinsstatus ist nur mehr eine leere Hülle.

    Klar RB ist next level, aber Gelaber der „Traditionsvereine“ ist auch nur mehr scheinheilig. Fußball ganz oben funktioniert heute nicht mehr so, egal wie sehr man es sich noch einreden will.

  9. Meine Befürchtung zum Spiel selbst ist, dass Äußerungen wie die Schweinsteigers („FC Bayern ist Favorit“) die Bayern in falscher Sicherheit wiegen. Sie sind brutal anfällig, weil sie superhoch stehen, das sieht selbst ein fussballtechnisch Blinder mit Krückstock wie ich.
    So ein Team vor dem Spiel in die Favoritenrolle zu pressen, das ist gefährlich. Es erinnert an Deutschland nach dem 7:2. Das anschließende Finale war auch kein Selbstläufer.
    Vor dieser Rollenverteilung und dem PSG-Personal würde mich ein frühes PSG-tor nicht wundern. Danach französischer Beton und schnelle Konter… könnte ein langer Abend werden.

  10. Selten war es schöner sich zu irren. Glückwunsch, FCB!
    „Kehrer und Bernat wirken lange nicht so stabil.“ Korsakoffs Kristallkugel ist offenbar aus der Reinigung zurück. Hut ab.

    Edit: 7:1 hätte es natürlich heissen müssen. 🙂

  11. @korsakoff: Würde mich sehr interessieren mehr über deine Beweggründe zu Sympathie/Antipathie im italienischen Fußball zu erfahren:)

  12. In französischen Medien wurde heute die Frage aufgeworfen, ob man französische Jungspieler wie Coman besser schützen müsste gegen finanzstarke ausländische Clubs. Ich glaub ich spinn. Die werfen soviele Steine im Glashaus, dass das Glashaus bereits komplett in Scherben liegt.

  13. Stimmt nicht ganz: Sie hatten ihn damals von Juve ausgeliehen für 7 Mio und dann für weitere 21 Mio fest verpflichtet. Dennoch wundere ich mich auch, wie Paris seine Jugendspieler „exportiert“ bzw. warum diese nicht als gut genug eingeschätzt werden. Mir fallen da alleine aus der Bundesliga Zagadou, Nkunku und Diaby ein.
    Ebenfalls fragwürdig: Beim PSG standen im FInale nur zwei Franzosen in der Startelf obwohl Frankreich amtierender Weltmeister ist. Bei den Bayern sind es immerhin sechs deutsche Nationalspieler gewesen und mit Süle wurde ein siebter eingewechselt.

  14. Absolut. Im Umgang mit ihren Ressourcen sind die Bayern immer stark gewesen. Nur der Hernandez-Transfer letzten Sommer sticht da negativ raus. Die Personalie hat meiner Meinung nach nur noch eine kleine Chance, falls Alaba wechselt was ich nicht hoffe.

  15. Nur aus Interesse gefragt, nicht weil ich mich angegriffen fühle, bin Bayern-Fan: Woher die Abneigung gegenüber dem AC Milan? LG Jürgen

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