Tampa 2 Defense: Damals und Heute

Vor der Superbowl hat Alexander Brink in einem Gasteintrag auf die Grundprinzipien der Match Coverage geblickt. Heute folgt eine Analyse der „Tampa 2“-Defense, einer von Tony Dungy bei den Tampa Bay Buccaneers entwickelten Spezialversion von Cover-2, die um das Jahr 2000 herum die NFL revolutioniert hat.

Mittlerweile gilt die Reinform der Tampa 2 als überholt, doch wie Cody Alexander in seinem neuen Buch „Anchor Points“ schreibt: Sie lebt neu interpretiert in zahlreichen Defense-Formationen weiter.

Ich übergebe damit das Wort an Alexander Brink.


Da Lovie Smith nun als Defensive Coordinator der Texans wieder in der NFL zurück ist, ist es ein guter Zeitpunkt um einmal auf die berühmte Tampa Two Defense zurück zu blicken mit der sein seinen Wirken bisher eng verbunden ist. Wie funktioniert sie? Wo liegen die Stärken? Warum ist sie in Reinform trotzdem ausgestorben?

Cover 2

Tampa Two ist weitestgehend eine ganz klassische Cover 2 Zonenverteidigung. Der Vorteil gegenüber einer Cover 3 besteht darin, dass der Bereich Curl to Flat (vom Spielfeldrand bis mehr oder weniger zum Offensive Tackle) von zwei Defense-Spielern verteidigt wird. Das ist sinnvoll bei Short Yardage Downs und generell ganz hilfreich bei zwei Receivern auf einer Seite.

Die Cornerbacks übernehmen dabei die Flat, was dazu führt, dass sie sehr gut in der Lage sind alle kurzen Routen vom Wideout zu verteidigen. Auch tiefere Comeback-Routes können dadurch ganz passabel abgedeckt werden, weil es für den Cornerback relativ einfach ist in die Flugbahn zu kommen. (Diese tiefen Comebacks sind nach wie vor eine der Benchmarks für QB Prospects, weil es ein effektiver Wurf gegen Man-Coverage, aber auch Cover 3 ist).

Die Outside Linebacker verteidigen den Bereich der Curl und müssen auch nach innen (Hook) arbeiten, weil dort, im flachen Bereich, kein Verteidiger ist – dazu gleich.

Diese Struktur macht es der Defense sehr leicht zwei flache Routen zu verteidigen, gerade im Vergleich mit Cover 3 Konzepten wird dies deutlich. Bei einer Out Route des Slot steht der CB von Anfang an im Wurf, das hatten wir schon bei Palms. Es besteht hier keine Gefahr, dass der Receiver seinen Bewacher verlädt und/oder abhängt und frei in die Flat kommt; da kann er noch so schnell laufen, der Igel ist immer schon da.

Bei einer Hitch, also der kurzen Comeback des Wide Receivers, steht der Cornerback auch schon von Beginn an richtig, bei Cover 3 muss der Outside LB erst den Weg von der Feldmitte zur Flat zurücklegen, denn der Cornerback verteidigt tief.

Und so sieht das Beschriebene schematisch in Cover-2 und Cover-3 aus:

Cover 2 – Deep Conflict
Cover 2 gegen die Comeback-Route
Cover 3 gegen die Comeback-Route
Cover 2 gegen Slant und Flat
Cover 3 gegen Slant und Flat

Wichtig ist, dass obwohl wir hier einiges an Flexibilität haben, wir am Ende eben keine Match Coverage spielen, sondern voll der klassischen Zone Idee verfallen sind. So gehen die Cornerbacks eben nicht bei tiefen Routen mit, sondern bleiben flach, was uns zu den Safetys führt.

Auf Bildern mit eingezeichneten Zonen sieht es immer so aus, als ob die Safetys in Cover 2 jeweils Hälfte des Feldes verteidigen, aber das halte ich für irreführend. Die Hauptaufgabe des Safetys besteht darin, dass er die tiefe Route des Wide Receivers decken muss und um dafür in die richtige Position zu kommen, muss er schnell genug nach außen kommen und tiefe gewinnen. 

Die Safetys müssen die Spielfeldmitte vernachlässigen. Und genau an diesem Punkt setzt die Tampa Two ein.

Tampa 2 – Stärken und Schwächen

Anstatt tief in der Mitte ein Loch in der Coverage zu haben, wird das Loch nach vorne in die Middle/Hook verschoben, wo der Schaden längst nicht so groß ist. Dazu droppt der Mike Linebacker tief in die Mitte und spielt als sogenannter „Robber“ oder „Rat“ quasi als ein Safety auf intermediate Level, wobei er unter Umständen auch wirklich tief verteidigen muss.

Tampa 2 Scheme

Hierin besteht dann eigentlich auch das Problem der Tampa Two. Es gibt kaum Linebacker, die in der Lage sind diese Tiefe wirklich effektiv zu verteidigen. Derrick Brooks hat in der Originalversion der Bucs-Defense eine Hall of Fame Karriere als Robber hingelegt. Auch Luke Kuechly konnte es beispielsweise.

Es erfordert einiges an Coverage-Fähigkeiten und nicht zuletzt an Geschwindigkeit um einen Receiver bis tief ins Feld zu verteidigen. Hinzu kommt, dass der Linebacker nicht wirklich in einer guten Startposition für dieses Rennen zur Feldmitte steht und er darüber hinaus elementar wichtig für die Laufverteidigung ist.

Er muss also erst einmal einen Run/Pass Read machen und kann nicht einfach nach hinten abhauen.  Wir haben heutzutage längst nicht mehr so klare Run- und Passing-Downs wie noch vor 20 Jahren. Star-Receiver werden inzwischen gerne auch im Slot eingesetzt. Playaction greift hier an, ebenso wie es auch RPOs tun können.

In kurz: Der Linebacker hat zu viele Aufgaben und ist zu anfällig, als dass die Coverage heutzutage noch funktioniert. Hinzu kommt, dass Tampa Two bei allen Stärken eben auch noch nie wirklich gut gegen tiefe Angriffe gewappnet war.

Air Raid Konzepte schaffen es auch ohne all die oben genannten kleinen Cheat-Codes den Linebacker in einen High Low Konflikt zu bringen, sobald die Safetys erst einmal außen gebunden werden.

Tampa 2 gegen Go und Post Routes
Tampa 2 gegen Post und In Route

Der Geist der Tampa 2 lebt weiter

Ganz tot ist Tampa Two wie angedeutet aber dann doch noch nicht. Hybrid Defender wie ein Isaiah Simmons könnten hier durchaus in die Bresche springen.  In der Big-12 haben sich Coverages mit drei Safetys etabliert, die die Idee der Tampa Two weitertragen. Hier übernimmt ein zusätzlicher Safety die Spielfeldmitte. Möglich wird dies, weil statt einer 4er Line eine 3er Line gespielt wird, so dass statt eines Linebackers, der im Konflikt zwischen Run und Pass gefangen ist, die Aufgaben auf zwei Spieler aufgeteilt werden.

Nun gibt es einen Linebacker, der priorisiert den Run verteidigt, während sich der Safety auf die Coverage-Aufgaben konzentrieren kann. Hinzu kommen idealerweise Match-Prinzipien, die es erschweren, dass ein High-Low Konflikt entsteht.

Tampa 2 Defense modern interpretiert: „Match Tampa“

Es wird sicher spannend, zu sehen, wie das mit Lovie Smith in Houston weitergeht. Ich bin da ehrlich gesagt wenig optimistisch. Das Katastrophenpotential ist enorm (wie ich hoffentlich aufzeigen konnte), aber wenn er wirklich moderne Entwicklungen verfolgt hat und nächstes Jahr eine moderne Variation der Tampa Two in die NFL Einzug finden würde, dann wären die Texans auf einmal wieder super spannend, zumindest wenn es um Defense-Schemes geht.

9 Kommentare zu “Tampa 2 Defense: Damals und Heute

  1. Danke, toller Artikel zur Tampa 2!

    Kann man es so zusammenfassen: Linebacker können nicht gut genug covern?

  2. Danke, toller Eintrag. Frage an den Autor: Ist die Tampa-2 so wie sie beschrieben wurde, nicht eher eine 3 deep Coverage mit dem Robber als halbem S?

    Und sind die neuen Coverages in der Big 12 dann nicht auch mehr 3 deep als 2 deep mit dem dritten Safety?

  3. Ich frage mich ja generell, wie lange es die Position des Linebackers noch in der Art geben wird. Klar, für bestimmte Situationen bestimmt, aber in der Standardformation?
    Sind Safetys wirklich so viel schlechter in der Run Defense?
    Zumindest Dime wird früher oder später zum absoluten Standard denke ich (gilt ja für manche fast schon heute…)

  4. @thompson: Es stimmt natürlich schon auch, daß heutige LB anders gebaut sind als früher. Wenn man nur mal einen Jerod Mayo oder Ted Bruschi mit einem Deion Jones vergleicht sind das Welten.

    Bruschi war 6.1 247 mit 4.68 40
    Mayo war 6.1 250 mit 4.56 40
    Jones ist 6.1 222 mit 4.38 40

    Sie werden alle kleiner und schneller, ich glaube Jones geht schon sowas wie als 1/2 S durch.

  5. Klar, die Position hat sich schon deutlich verändert. Heutige LBs gingen früher locker als S durch.
    So Spieler wie Deion Jones und Isiah Simmons werden wohl die Zukunft sein, dennoch gibt es immer noch ziemlich viele LBs die doch noch in eine etwas andere Kategorie fallen und nicht wirklich gut covern können (und trotzdem Stammspieler sind).

    Gibt es für diese Saison schon Zahlen für die ligaweite Verwendung der verschiedenen Packages (Base, Nickel, Dime, …)?

  6. Thema Linebacker:
    Es liegt nicht nur am Fähigkeitenset der Spieler- Kinebacker sind schematisch mit zu vielen Aufgaben belastet, die oft im Konflikt zu einander stehen und genau da greift moderne Offense an.

    Thema Cover 3:
    Mal zwei Allgemeinplätze vorweg:
    Diese Schemata sind immer nur Versuch die Realität abzubilden- da geht immer was verloren.
    Moderne Defense versucht die Schwachstellen der verschiedenen Coverages auszubügeln, logischerweise verschwimmen damit mehr und mehr die Grenzen.

    Grundsätzlich ist es nicht ganz verkehrt in Richtug Cover 3 zu denken, im Detail kommt es aber sehr darauf an, welche Techniken denn genau gespielt werden. Bei den meisten Versionen von Cover 3 spielt der ach mehr oder weniger Man coverage gegen die tiefe route, dass funktioniert schon etwas anders als aus Cover 2, wo der Safety versucht over the top zu bleiben; andersherum in der Mitte: der Robber spielt eher man während der safety aus Cover 3 meist over the top bleibt.

  7. Linebacker sind halt irgendwie in jeden Spielzug die armen Säcke. Darf nicht bei Kontank mit einem OLiner in Staub zerfallen, muss aber aber zumindest in die nähe der Athletik eines RBs kommen. Und das ist nur Laufdefense. Dazu kommt blitzen, teilweise Man Coverage gegen TEs und Zone Coverage dann auch mal gegen echte Reciever.

    Und gleichzeitig hat die Offense die Wahl wie sie attackiert, d.h. in irigendwas wirlich schlecht zu sein ist ein größeres Probleme als eine großartige Stärke dich weiter bringt.

  8. Pingback: Deep Dive: Houston Texans – Panthers Cutback

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