NFL-Franchises in der Vorstellung, #22: New England Patriots

Über lange Jahre eine graue Maus, gelten die New England Patriots seit gut einem Jahrzehnt als Modellfranchise. Grund dafür ist eine Reihe glücklicher Fügungen, aber auch bemerkenswerte Konstanz unter dem vielleicht besten Coach aller Zeiten.

Pat Patriot und Konsorten

Gegründet wurde die Patriots-Franchise als Gründungsmitglied der Start-Up Liga AFL zur Saison 1960 als Mitglied der neu aufgestellten American Football League – als Boston Patriots, in honorem der Boston Tea Party knappe zwei Jahrhunderte früher. Allein – grad viel Erfolg hatte man anfangs nicht. Tage kamen, Tage gingen, und als größten Erfolg konnte man in einer Achter-Liga eine Finalteilnahme vorweisen (das Endspiel wurde 10-51 gegen San Diego verloren). Erschwerend kam hinzu, dass man in der US-Sporthauptstadt Boston nicht einmal eine gescheite Bleibe hatte, fast jedes Jahr das Stadion wechseln musste.

Das änderte sich 1970, als man wanderte von Boston in den „Vorort“ Foxboro auswanderte (Foxboro ist gut 50km entfernt), und nannte sich fortan New England Patriots.

Das neue Foxboro Stadium wurde für einen Spottpreis hingestellt, sollte hauptsächlich Menschenmassen beherbergen – nach dem Wie fragte keiner. So galt das neue Stadion recht schnell als eine der Absteigen der Liga, in der du bis in die mittleren Reihen den Geruch von ranzigem Altfett und gelblichem Urin aushalten musstest. So war die Arena gut genug für die Siebziger, aber spätestens als die ersten moderneren Buden quer durch die Liga aufgestellt wurden, entwickelte sich das lieblos hingeknallte Stadion als Ärgernis und Bremsklotz für die wirtschaftliche Entwicklung der Franchise (Stichwort _fehlende_ Luxus-Suiten).

Auch auf dem Feld war die Franchise jahrelang weder erfolgreich noch besonders populär. Das Logo – ein grimmiger Center beim Snappen – wurde als Pat Patriot mehr verspottet als gewürdigt. Einzig in den 80ern gab es mal eine kurze Phase des Aufstiegs, als man 1985 die Super Bowl erreichte, nur um von den Chicago Bears böse, böse 46-10 niedergemacht zu werden.

In der Folge war die Franchise auch aufgrund der mangelhaften Stadion-Einnahmen so sehr am Boden, dass sie mehrfach billig den Besitzer wechselte und kurz vor dem Absprung nach St Louis stand. Einer der temporären Owner, James Orthwein, war dort zuhause und hätte die Pats um ein Haar dorthin verlegt.

Flying Elvis

Trotz Wechselabsichten installierte Orthwein 1993 neben der berühmten Head Coach-Legende Bill Parcells auch ein neues Logo (Flying Elvis) und neue Teamfarben. Mit QB Drew Bledsoe kam im Draft 1994 zudem der neue Hoffnungsträger – sieht so ein Abgänger aus?

Nope. Es war aber nicht Orthwein, der das Team letztlich in den Neuenglandstaaten hielt: Dass die Patriots in New England blieben, lag auch daran, dass sich 1994 Bob Kraft als Mehrheitseigentümer einkaufte. Es wurde klar, dass Orthwein letztlich mit seinen Methoden bloß den Marktwert der Franchise erhöhen wollte um einen höheren Preis beim Verkauf zu generieren.

Egal. Denn Kraft zahlte, und sorgte von Beginn an für einen immensen Popularitätsschub – wobei auch die sportliche Leistung maßgeblich beteiligt war. Mit Bledsoe, RB Curtis Martin (seit kurzem in der Hall of Fame) und TE Ben Coates an der Spitze war das Team ehe es sich versah respektabel aufgestellt und marschierte 1996/97 in die Superbowl XXXI durch, wo man allerdings gegen ein übermächtiges Green Bay keine Chance hatte. Trotzdem: Man war plötzlich wer. Richtig durchstarten konnte man aber erst vier Jahre später…

Die Ära Bill Belichick

Im Jänner 2000 lotste Kraft in einem umstrittenen Move den Eintages-Head Coach der Jets, Bill Belichick, nach Foxboro. Belichick hatte seinen Ruf in den 1980er Jahren als genialer Defensiv-Stratege der New York Giants begründet, Anfang der Neunziger aber in Cleveland eine eher wenig erfolgreiche Zeit als Headcoach hinter sich gebracht. Insider waren aber trotzdem von Belichick begeistert, verwiesen nicht zu Unrecht auf viele unglückliche Umstände (QB-Problem, Verletzungspech, Cleveland-Faktor), die Belichicks Durchstarten bei den Browns verhindert hatten.

Kraft war der Einkauf auch eine Menge Krach inklusive saftiger Geldstrafen wert – aber richtige Patriots gehen offenbar über Leichen (oder zumindest Regeln), was auch Belichick noch beherzigen sollte.

Manchmal braucht man im Leben auch Zufälle – wie Belichick in seinem zweiten Jahr, als sich der Franchise-QB Bledsoe gleich nach Saisonbeginn schwer verletzte und der unbekannte Sechstrundendraftpick QB Tom Brady ins eiskalte Wasser geschmissen wurde. Natürlich wusste niemand, wie gut Brady war. Brady selbst trotz Selbstvertrauen wohl am allerwenigsten.

Ende der Geschichte, Anfang der Ära: Mit Glück (Tuck-Rule!), Geschick und zentnerschweren Hoden (und wohl ein paar Filmrollen zu viel) putzten die Patriots ein paar Monate später in der Super Bowl 2002 die hoch favorisierten Rams, 20-17. Knapp fünf Monate nach 9/11 siegte somit das Team in den Landesfarben rot/weiß/blau in der Superbowl XXXVI – eine Aschenputtel-Geschichte als Blaupause für die ganz großen Pathos-Storys, und bis heute eine der ganz wenigen Mannschaften, die mit schlechter Offense und bestenfalls mittelmäßiger Defense die Meisterschaft holen konnten.

Belichick baute danach mit seiner klaren Team-Philosophie das Erfolgsmodell New England auf, das seither quer durch die Lande kopiert wird, mal erfolgreich, mal weniger. Unter massiven personellen Verlusten – Spieler kamen und gingen, Coordinators kamen und gingen – drehte Belichick seelenruhig an seinen Stellschrauben und hielt eine im Prinzip nur durchschnittlich besetzte Mannschaft nicht nur im Spitzenfeld, sondern stets in Titelnähe. Zwischendurch brauchte es einen der bizarrsten Spielzüge, um eine Perfect Season zu verhindern. Selbst mit Ersatz-Quarterbacks marschierte die Mannschaft zu 11-5-Bilanzen, und spielte in etlichen Superbowls:

2001/02 St Louis Rams           W 20-17
2003/04 Carolina Panthers       W 32-29
2004/05 Philadelphia Eagles     W 24-21
2007/08 New York Giants         L 17-14
2011/12 New York Giants         L 21-17

Mit den Superbowls der Patriots ist es wie mit den CL-Endspielen des FC Bayern: Wie die anderen Finals ausgegangen sind, weiß kein Mensch mehr. Die Superbowls der Patriots aber sind Legenden – im Positiven wie im Negativen. Fünf Endspiele in elf Jahren, und kein einziges mit der Entscheidung vor den letzten 60 Sekunden – viermal erst im letzten oder vorletzten Spielzug.

Es wird dank Spy Gate 2007 in der Wahrnehmung mancher immer ein Schatten über den Erfolgen der Patriots bleiben, ob zu Recht oder nicht entscheidet jeder für sich selbst. Da die Patriots auch nach 2007 damit fortfuhren, ihre statistischen Erwartungen um zwei Saisonsiege pro Jahr zu pulverisieren, darf man annehmen, dass der Effekt von Spygate überschätzt wurde. Was aber aufgrund einiger spektakulärer Playoffniederlagen einst Erste Wettregel war – Setze nicht gegen das Duo Brady/Belichick – hat aber mittlerweile an Gültigkeit verloren. Seit fast einem Jahrzehnt verlieren die Pats nämlich immer mal wieder als Favorit überraschend (und zu früh) ein Ausscheidungsspiel.

Als die beste Moneyball-Kopie im Football haben die Patriots sich unter Belichick zum Modell entwickelt, das alle kopieren wollen. Sie haben darüber hinaus bewirkt, dass es heute kaum mehr Einzelvorstellungen vor den Endspielen gibt, sondern alle als Team einlaufen. Sie haben mit einem Coach, der einst von der Defense kam, sich zum punktgewaltigsten NFL-Team entwickelt, und sind trotz der insgesamt etwas langweilig daherkommenden Außendarstellung mittlerweile eines der beliebtesten NFL-Teams Amerikas – in Europa ist man dank der Erfolge nach der Jahrtausendwende wohl die #1.

Der Rasierapparat

Gillette Stadium in Foxboro

Gillette Stadium in Foxboro

Das Heimstadion der Patriots liegt näher an Providence (Hauptstadt von Rhode Island) denn Boston: Es steht in Foxboro, 50km draußen vor den Toren der Stadt. Seit 2002 in Betrieb, ist die wunderschöne Arena eines meiner absoluten Lieblingsstadien – vor allem im Winter, wenn sich Patriots und Colts oder Ravens im Schneegestöber die Kante geben. Name: Gillette Stadium (68.000) – daher auch der manchmal benutzte Spitzname „The Razor“ (der Rasierapparat).

Es ist ein Stadion, das ohne öffentliche Mittel hingestellt wurde, und als wichtiger Faktor des wirtschaftlichen Aufschwungs der Franchise gilt. Der Vorgänger (oben beschriebenes Foxboro Stadium) war diesbezüglich längst überholt.

Rivalitäten

Da New England lange Zeit als eher graue Maus galt, haben die Patriots nicht viele „klassische“ Rivalitäten entwickelt. Die innigste Feindschaft wird mit den New York Jets gepflegt – divisionsintern, Kampf der Kulturen (elitäres Boston gegen weltoffenen Big Apple) und mehrere Streitfälle und Wechsel zwischen den beiden Franchises. Man erinnere sich an Bill Parcells, Curtis Martin, Bill Belichick, Eric Mangini.

Auch mit den Dolphins ist man sich nicht ganz grün, auch weil die Patriots der perfect season der Dolphins am nächsten kamen. Mit den Bills? Eher eine Art „Mitleids-Rivalität“. Bledsoe, Milloy waren hier in den letzten Jahren mit ihren direkten Wechseln mitverantwortlich.

Sportlich unerreicht war jahrelang das Duell mit den Indianapolis Colts und deren QB Peyton Manninghier nachzulesen in einer Art Chronik. Die Auseinandersetzungen waren stets unterhaltsame Angelegenheiten, und die Rivalität war so sportlich aufgeladen, dass sie keine Wortgefechte zwischen einem Porter und Ochocinco brauchten, um ernst genommen zu werden. Gerade weil persönliche Animositäten keine Rolle spielten, sondern allein da Geschehen auf dem Feld, war es die NFL-Rivalität der letzten 15 Jahre schlechthin.

Ebenso sehr „sportlich“ geht es zwischen Patriots und Pittsburgh/Baltimore her. Allgemein kann man sagen: Die Patriots haben sich in den letzten Jahren recht viele Feinde NFL-weit gemacht. Erstens, weil ihnen sportlich und konzeptionell sehr schwer beizukommen war („Euer Neid ist unser Stolz“), und zweitens aufgrund des angesprochenen Spy Gate 2007.

Gesichter der Franchise

  • Robert Kraft – seit 1994 Besitzer, Visionär hinter den Erfolgen und Bauherr des neuen Stadions, das ohne öffentliche Mittel bezahlt wurde – ungewöhnlich für amerikanische Verhältnisse.
  • Bill Belichick – Head Coach, eigenartig sympathischer Unsympath und allseits anerkannter Guru, dessen Team-Philosophie unter Missachtung persönlicher Vorlieben immer mehr zur NFL-Maxime wurde. Gilt als einer der besten Coaches ever, obwohl als Person recht keimfrei – es sei denn, er fällt durch Weibergeschichten auf. Eine Hommage auf den Coach der Coaches hat der Essayist Charles Pierce bei Grantland geschrieben: Learning to Love the Antichrist.
  • Tom Brady – QB aus den Tiefen des Drafts, Mann mit eisenharten Klöten, bis zur Liasion mit Supermodel Gisele Bündchen einer der begehrtesten Junggesellen der Ostküste. Recht beachtlich für einen, dem man einst nicht mehr als eine Backup-Rolle hatte zutrauen wollen, dokumentiert im sehenswerten Film The Brady 6.
  • Drew Bledsoe – QB in den 90ern mit einer Rakete von Wurfarm. Wurde nach einer potenziell lebensbedrohnlichen Verletzung zu Beginn der Saison 2001/02 als teuerster Spieler der Liga enteiert und prompt wurde aus den Patriots unter Backup Brady der neue Superbowl-Champ. Das hat weniger mit Bledsoe zu tun, aber: Die Eier musst du als Coach erstmal haben.

korsakoffs Highlight

AFC-Championship 2006/07 (Colts 38, Patriots 34) – bei allen großartigen Superbowls und „halben Superbowls“ der Patriots in den vergangenen Jahren, bei aller Magie des Titans-Viertelfinals 2003/04: Das AFC-Finale 2006/07 bleibt für mich das bisherige NFL-Highlight schlechthin. Dabei versiebte eine auf Zahnfleisch daherkriechende Patriots-Mannschaft eigentlich uncharakteristisch einen deutlichen Vorsprung (18 Punkte). Aber wie sie trotz unfassbarer Receiver-Drops, Kräfteschwund und einer euphorisiert aufspielenden Colts-Mannschaft bis zur fast letzten Sekunde im Spiel blieben… Instant classic. Keine Ära ist komplett ohne die ganz großen, bitteren Pleiten – und diese war als Wendepunkt der Patriots-Dynastie quasi der erste von zumindest fünf ganz bitteren Patriots-Tiefschlägen in den folgenden Jahren Playoffs.

Eckdaten

Gegründet: 1960
Besitzer: Robert Kraft (The Kraft Group/Verpackungen)
Division: AFC East
Erfolge: Superbowl-Champ 2001, 2003, 2004, 2014, 3x Superbowl-Verlierer, 21x Playoffs (26-17) – Stand: 2015.

6 thoughts on “NFL-Franchises in der Vorstellung, #22: New England Patriots

  1. Den sportlichen Werdegang, die Trainerpersönlichkeit und den „Superstar“ der Franchise habe ich immer jahrelang mit den Spurs aus der NBA verglichen. Die wurden ja dieses Jahr auch wieder Champ, vllt. ist das ja ein gutes Omen für die Patriots.

    Toller Artikel, Thomas.

    Patriots FTW!

  2. Die Raiders waren die #21, die Patriots die #22.
    Wo kann ich die anderen 20 Teams finden🙂 ?!

    Übrigens wieder ein toller Artikel von dir🙂 !!!

  3. geile Franchise aber mit einem weiterem superbowl Titel für brady wirds wohl nichts mehr,dafür sind die seahawks und andere mit ihren hybrid quarterbacks einfach zu gut.

  4. Geil … Wenn ich mir die Liste so anschaue, sehe ich das alle außer den Bears in der NFC North fehlen🙂 !!!

    Korsa🙂 !!!
    Auf die freue ich mich am meisten🙂 !!!
    Hoffe die kommen bald🙂 !!!

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