College Football Halbfinale 2018/19 – Die furchtlose Vorschau

Heute ist Halbfinaltag im College Football Playoff – Zeit für eine detaillierte Vorschau auf die beiden Spiele, die uns die Finalisten bringen:

  • 22h00: Clemson Tigers – Notre Dame Fighting Irish (Cotton Bowl)
  • 02h00: Alabama Crimson Tide – Oklahoma Sooners (Orange Bowl)

Es sind zwei Spiele mit jeweils klaren Favoriten, glauben wir den Wettbüros in Las Vegas: Die Dynastie Alabama ist Favorit mit 14 Punkten, Clemson ist Favorit mit 13.5 Punkten. Was an diesen Quoten besonders interessant ist: Sowohl Alabama als auch Clemson wurden in dieser Saison von den Wettanbietern konstant unterschätzt, d.h. sie gewannen ihre Spiele noch klarer als es die Quoten hatten erwarten lassen (Alabama mit 8 Punkten besser als die Quote, Clemson sogar 10 Punkte besser).

Die vier Semifinalmannschaften zeichnen sich alle durch starke bzw. passable Offense aus (Oklahoma, Alabama und Clemson sind in den Top-4 der Offenses nach FPI, Notre Dame ist #19), während mit Oklahoma eine richtig schwache Defense (#92 nach FPI) antritt, bei drei weiteren Top-10 Defenses.

Wie hat es Oklahoma mit so einer Defense in die Playoffs geschafft? Mit superber Offense: Oklahoma hat nach sämtlichen Metriken den besten Angriff im Lande – und ist sogar preisgekrönt durch den Gewinn der Heisman Trophy durch QB Kyler Murray, der seinen heutigen Rivalen am Feld, Alabama-QB Tua Tagovailoa, knapp ausstechen konnte.

#2 Clemson Tigers – #3 Notre Dame Fighting Irish

Cotton Bowl Classic – 22h00

Das Duell zwischen dem ACC-Champion Clemson Tigers (13-0) und dem ebenso ungeschlagenen Independent Notre Dame (12-0) macht den Auftakt. Es ist die Auseinandersetzung der aktuell zweitstärksten Kraft im College Football – Clemson, das zum vierten Mal hintereinander in den Playoffs steht – und der mutmaßlich historisch wichtigsten Universität des College Football, Notre Dame.

Während Clemson über viele Jahrzehnte unter dem „Vizekusen-Syndrom“ litt und bis zum erlösenden Titelgewinn vor zwei Jahren (mit dem heutigen Texans-QB Deshaun Watson) als ewiger Verlierer in kritischen Momenten galt, hat Notre Dame verschiedenste Epochen des Footballsports wesentlich geprägt.

Notre Dame ist die große Katholiken-Universität in den Vereinigten Staaten, die schon immer eigene Wege ging und sich über die Jahre damit ebenso viele Freunde wie Feinde angelacht hat. Seit 1988 haben die Fighting Irish jedoch nichts mehr gewonnen. Zum letzten Mal standen sie 2012/13 im BCS-Finale, wurden damals als krasser Außenseiter von Alabama allerdings abgeschossen, dass ihnen Hören und Sehen verging. Verschreckt verkroch man sich danach auf Jahre in seinem Elfenbeinturm, ehe man jetzt einen neuen Versuch unternimmt, sich für das Endspiel des College Football zu qualifizieren.

Clemson 2018/19

Siege                13-0
FPI total              #2
FPI Offense            #4
FPI Defense            #1
FPI Special Teams    #125
Pass-Off     7.5 NY/A #21
Run-Off      7.3 YPC   #1
Pass-Def     5.1 NY/A #15
Run-Def      3.2 YPC   #1 

Notre Dame 2018/19

Siege                12-0 
FPI total              #6
FPI Offense           #19
FPI Defense           #10 
FPI Special Teams     #44 
Pass-Off     7.6 NY/A #17 
Run-Off      5.0 YPC  #68 
Pass-Def     4.6 NY/A  #6 
Run-Def      4.5 YPC  #37

Der auffälligste Move des Trainerstabs um Headcoach Brian Kelly auf dem Weg ins Halbfinale war der QB-Wechsel vom laufstarken Brandon Wimbush auf den wesentlich kompletteren Werfer QB Ian Book – seit Book im September übernommen hat, ist Notre Dame zu einer passlastigeren Offense geworden.

Doch die Offense war schon in den letzten Jahren stets zwischen #20 und #30 im Football Power Index gerankt gewesen – sie ist nicht der wesentliche Grund für den plötzlichen Aufschwung der Fighting Irish. Es ist vielmehr – natürlich – die Defense.

Diese schaffte in der abgelaufenen Saison den Sprung auf #10 im FPI – nicht alles überragend, aber gut genug für Notre Dame um die Saison ohne Niederlage zu überleben. Dass die Defense dermaßen zünden würde, war vor der Saison nicht unbedingt abzulesen: Mit Clark Lea war man zum dritten Mal hintereinander mit neuem DefCoord in die Saison gegangen.

Doch Lea schaffte es, eine stets in 4-2-5 Grundausrichtung operierende Verteidigung auf einige wesentliche Faktoren einzustellen:

  1. Sie lebt nicht von einem individuellen Superstar, sondern als kohärente, eingespielte Unit
  2. Sie verhindert Big Plays (#8 bei aufgegebenen 20yds-Plays, #4 bei aufgegebenen 40yds-Plays)
  3. Bend but don’t Break: Sie kassiert zwar Yards (26yds/Drive), aber wenige Punkte (#6 Goal Line Defense)

Das reichte in der Regular Season um mit der passablen Offense jeden Gegner zu schlagen. Doch jetzt kommt Clemson – ein völlig anderes Kaliber.

Die Tigers spielen seit über einem Jahrzehnt Spread-Offense, egal mit welchem QB, egal mit welchem Coordinator. Sie dominieren mit einer brutal druckvollen Offensive Line und äußerst vielfältigem Laufspiel, in der aktuellen Saison durch den fantastischen RB Travis Etienne auf die Spitze getrieben. Obwohl Clemson mit seiner Offense vorwiegend läuft, ist die Rushing-Offense mit 7.3 YPC die effizienteste der FBS.

Das allein wäre für die meisten Mannschaften bereits ein Traum, wenn man es mit einer Defense vom Schlage Clemsons (ich schrieb schon darüber: mehr als eine Handvoll NFL-Prospects in der Defensive Line allein!) paart. Doch Clemson kann obendrauf einen Quarterback wie den Freshman QB Trevor Lawrence setzen, der in gut 330 Passversuchen über 8 NY/A bei nur 4 INT an den Mann bringt!

Die blonde Mähne Lawrence, in der Offseason als 5-Star Recruit mit viel Tamtam auf den Campus gelockt, wurde nach einem Saisonviertel in die Stammrolle gepresst und übertraf seither alle hohen Erwartungen. Er ist nicht bloß ein super-akkurater Werfer. Er kann auch tief gehen für Chunk-Plays, er gilt als mental bereits reifer als mancher Senior-QB – und er ist ein starker Scrambler. Er ist im Prinzip ein Luxus für Head Coach Dabo Swinney, aber diesen Luxus nimmst du auf dem Weg ins nächste Endspiel gerne.

Und genau hier lauter die Gefahr für Clemson: Im Unterschätzen des heutigen Gegners. Bereits alles hat den Blick gen Finale gerichtet: In den letzten drei Jahren traf Clemson jeweils in den Playoffs auf Alabama, ein viertes Mal winkt, und Clemson liegt im direkten Duell mit 1:2 zurück. Doch Notre Dame ist, obwohl natürlich mit 13.5 Punkten klarer Außenseiter, kein Gegner, den man im Schongang aus dem Stadion schießt.

Clemson mag die beste Defensive Line im College Football besitzen, eine kaum zu bezwingende Wand, und ein starkes Laufspiel haben und einen Top-10 Quarterback. Aber Clemson wird aller Voraussicht nach in DT Dexter Lawrence einen wesentlichen Starter wegen zu hoher Gras-Affinität vorgeben müssen, was die Tiefe schwächt.

Wenn die Notre-Dame Defense mit ihrer bend but don’t break Strategie die Big-Plays verhindert, QB Ian Book keine Fehler begeht und Notre-Dame RB Dexter Williams einen oder zwei Big-Runs aushaut, ist durchaus ein enges Spiel down to the wire denkbar. Wenn Clemson dagegen mit hoher Konzentration und entsprechender Demut ins Spiel geht, werden die Tigers sich für das Endspiel zu qualifizieren.

#1 Alabama Crimson Tide – #4 Oklahoma Sooners

Orange Bowl – 02h

Die Storyline, die im Vorfeld der zweiten Semifinal-Paarung dominiert, ist das Aufeinandertreffen der beiden prägenden Quarterbacks der College-Footballsaison 2018: Alabamas Tua Tagovailoa gegen Oklahomas Kyler Murray.

Tagovailoa, der letzten Winter im National Championship Game eingewechselt wurde und Alabamas Schicksal zum fünften Titel in der Nick-Saban Ära wenden konnte, dominierte dabei den Großteil der Saison zu einem Grat, dass er bis tief in den November hinein nur eine Handvoll Snaps im vierten Viertel spielen musste (nicht pro Spiel – pro Saison!). So deutliche Führung hatte er Woche für Woche erspielt!

Doch die Heisman-Trophy gewann am Ende Murray, der eigentlich eine Karriere als Baseball-Profi anstrebt – ein sehr schmächtig gebauter, klein gewachsener QB-Athlet, der ebenso rattenscharf werfen wie selbst mit dem Ball loslaufen kann. Murray konnte die Gunst der Stunde und eine kleine Schwächephase eines angeschlagenen Tagovailoa im November mit nutzen um die prestigeträchtige Trophäe zu holen.

Doch heute ist Murray mit seiner Mannschaft klarer Außenseiter. Das liegt vor allem daran, dass Oklahoma zwar die #1 Offense mit nach Miami bringt. Aber Alabama ist in Offense und Defense die #2 des Jahres – während Oklahoma mit der #92 Defense den möglicherweise entscheidenden Schwachpunkt aufs Feld schickt (auch wenn Oklahoma in den Special Teams einen versteckten Vorteil besitzt: #13 Ranking im FPI gegen Alabamas #81).

Alabama ist 2018 dank Tagovailoa zum ersten Mal in der Saban-Ära ein Team, das sich über seine Luftwaffe und nicht mehr über das Laufspiel definiert: Tagovailoa bringt atemberaubende 10.6 NY/A an den Mann, #2 des College Football – wohlgemerkt in der SEC, gegen die knackigsten Defenses im Lande!

Das Interessante dabei: Die Pass-Offense ist gar nicht so komplex wie man denken würde. Im Prinzip besteht das ganze Konzept daraus, Kapital daraus zu schlagen, dass Tagovailoa Linkshänder ist (ungewöhnlich für einen QB) und das „Smash-Konzept“ zur Perfektion lesen und ausführen kann. Ergo: Alabama spielt wieder und wieder den gleichen Spielzug mit kleinen Variationen – und bekommt maximalen Erfolg, weil Tagovailoa stets die richtigen Entscheidungen trifft und den Ball punktgenau die richtigen Nahtstellen spielt.

Alabama 2018/19

Siege                13-0
FPI total              #1
FPI Offense            #2
FPI Defense            #2
FPI Special Teams     #81
Pass-Off    10.6 NY/A  #1
Run-Off      5.7 YPC  #22
Pass-Def     4.7 NY/A  #8
Run-Def      4.4 YPC  #31 

Oklahoma 2018/19

Siege                12-1 
FPI total              #5
FPI Offense            #1
FPI Defense           #92 
FPI Special Teams     #13 
Pass-Off   10.8 NY/A   #1 
Run-Off     7.1 YPC    #2 
Pass-Def    7.5 NY/A #109 
Run-Def     4.6 YPC   #40

Und so „braucht“ Saban, obwohl Alabama über kein schwaches Laufspiel verfügt (mit 5.7 YPC ist man zwar nicht mehr so dominant wie früher, aber noch immer #22), in dieser Saison seine Runningbacks nur noch als Ergänzung. Das macht sich gegen die matte Oklahoma-Defense ganz gut, denn wenn diese Defense noch so etwas wie eine passable Phase in ihrem Spiel hat, dann wäre das die Rushing-Defense (#40 mit 4.6 YPC).

Dagegen ist die Passing-Defense Oklahomas ein Himmelfahrtskommando: 7.5 NY/A kassiert, #109 im Lande. Im Prinzip ist mit nicht weniger als 45 Punkten für Alabama zu rechnen, egal ob Oklahoma in konservativer Zone-Defense verharrt oder mit aggressiver Blitzing-Defense gen Quarterback geht um bei einigen großen Raumgewinnen immerhin den einen oder anderen Turnover zu kreieren.

Viele zu erwartende Punkte für Alabama laden natürlich Druck auf die schmalen Schultern Murrays und führen zur unvermeidlichen entscheidenden Frage dieses Spiels: Kann seine Oklahoma-Offense ausreichend scoren um mit dem Giganten mitzugehen? Diejenigen, die das Wunderwerk an Offense-Design von Head Coach Lincoln Riley sezieren, sagen: Ja – aber nur dank Murrays einzigartigen Qualitäten!

Basis in Oklahoma ist die wuchtige Offense Line, die beste im College Football, die das wichtigste Offensiv-Instrument der Sooners-Offense zur Perfektion blocken kann: Das Counter-Element – Spielzug beginnt, sich in eine Richtung zu entwickeln und dreht dann urplötzlich in eine andere. Auf diesem Fundament aufbauend spielt Oklahoma von Triple-Option bis Air-Raid Offense alles an Angriffs-Spielzügen, was das Footballherz begehrt.

Nicht Boise State, nicht Oregon, nicht Baylor – nope: Oklahoma hat die bislang formvollendeste Offense geschaffen. Sie steckte den Ausfall des besten Runningbacks (Rodney Anderson in Woche 2) weg ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken.

Sie ist die laufstärkste Offense im Lande und legt auch im Passspiel eine Myriade an Big-Plays hin, weil der phänomenale Murray von Speedstern wie WR Hollywood Brown oder WR DeeDee Lamb bis hin zu selbstlosen Soldaten wie WR Kenny Brooks oder TE Grant Calcaterra verschiedenste Anspielstationen zu bedienen weiß, und sie alle stellen eine gegnerische Verteidigung auf ihre Weise vor knifflige Aufgaben.

Doch: Oklahoma hat zwar vor einem Jahr gegen die Top-5 Defense Georgias großartig gespielt, in der laufenden Saison noch keine Defense vom Schlage Alabamas gesehen. Die 2018er Ausgabe der Alabama-Defense reicht zwar qualitativ nicht an die besten der Saban-Ära heran, doch ruhig schlafen kann der, der das behauptet bei einer Defense, die trotz allem als #2 der Saison im FPI gerankt wird!

Alabama kassiert heuer zwar mehr Big Plays als gewohnt, doch man hat genug Firepower in der Defensive Line um Oklahomas O-Line zu beschäftigen und die Effizienz des Counter-Plays zumindest einzudämmen. Von entscheidender Bedeutung wird dabei DT #92 Quinnen Williams sein, der beste Inside-Rusher von Alabama, ein faszinierender Prospect: Mit fast 300 Pfund extrem schwer und kräftig, aber gesegnet mit der Fähigkeit, sich für Augenblicke in Blubberlutsch zu verwandeln und im Nadelöhr zwischen zwei Blockern durchzuflutschen um im Offensive Backfield für Chaos zu sorgen.

Tagovailoa gegen Murray ist damit das Duell für die Schlagzeilen – doch Williams gegen die Oklahoma-OL entscheidet die Partie: Kriegt Williams nicht genug Druck hin, hat Oklahoma eine Chance. Doch wenn Williams es schafft, auch nur alle 3-4 Drives einen entscheidenden QB-Pressure zu setzen, könnte die Partie schon im dritten Viertel unwiederbringlich gen Alabama kippen und wir einem Blowout entgegensteuern.

 

3 Kommentare zu “College Football Halbfinale 2018/19 – Die furchtlose Vorschau

  1. „Williams gegen die Oklahoma-OL entscheidet die Partie“
    ja, das dürfte die Taktik sein, vor allem gegen den Heisman Trophy Gewinner QB Kyler Murray. Diese „Scharte“ wollen die Def.-Jungs der Crimson Tide im Spiel gegen QB Tua Tagovailoa entzaubern, so wurde es angekündigt.
    Also wird Murray wahrscheinlich noch mehr mit dem Ball loslaufen, was allerdings auch abgefangene Passversuche provozieren kann.
    Alabama hat einen fast ebenbürtigen QB mit Jalen Hurts, sollte Tagovailoa verletzt bedingt ausfallen, oder nicht seinen besten Tag erwischen.
    Genießen wir die 2 Halbfinals, wenn eines davon bis kurz vor Ende auch eng bleibt, dann ist der emotionale Unterhaltungswert garantiert.

    Bei Clemson bin ich gespannt ob Freshman QB Trevor Lawrence dem Erwartungsdruck in einem finalen Game widerstehen kann, oder ob er Nerven zeigen wird. Qualität hat er, was er in der Serie von #Elite11 unter Beweis gestellt hat.
    The Top High School Quarterbacks Compete for a Spot on the Elite 11 | NFL Network

  2. Pingback: College Football Playoffs 2018/19: #2 Clemson Tigers – #3 Notre Dame Fighting Irish im Liveblog | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  3. Notre Dame konnte immerhin 1 Viertel mit Clemson mithalten –
    aber was hat Oklahoma eigentlich vor?
    für dieses 2. Halbfinale sind die Sooners nichts mehr wie ein Sparingpartner gegen Alabama.
    Die Entscheidung ist schon nach dem 1.Viertel gefallen.
    gute Nacht.

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