Wenn der Salary-Cap Guru spricht…

…sollte man zuhören.

Im PFF-Forecast Podcast war diese Woche der Salary-Cap Guru Jason Fitzgerald von Over the Cap (OTC) zu Gast. OTC ist die beste Seite zur NFL Salary-Cap im Netz. Sie ist so gut im Zusammenstellen und Interpretieren von Cap-Daten, dass sie regelmäßig vom eigentlich größeren Konkurrenten Spotrac gescraped wird.

Ich habe OTC auf diesem Blog in den letzten Jahren schon des Öfteren zitiert, zuletzt immer wieder mit dem OTC-Draft Value Modell, das auf der Valorisierung der „zweiten“ NFL-Verträge pro Spieler basiert und anhand dessen den Wert von Draftpicks aus ökonomischer Sicht abschätzt.

Fitzgerald hat darüber hinaus ein sehr aufschlussreiches, wenn auch an einigen Stellen etwas schwierig verständliches Buch über die Salary-Cap geschrieben: Crunching Numbers.

Fitzgerald gibt in dem Podcast exzellente Einblicke in die Thematik der Salary-Cap. Die wichtigste Botschaft: Cap-Management ist keine Wissenschaft von Ivy-League Komplexität, auch wenn manche Medienvertreter das immer wieder suggerieren. Im Prinzip ist es ein Buchhaltungssystem für Gehälter, in denen Fixgehalt sofort ausbezahlt wird, während Handgelder und Boni über mehrere Jahre abgeschrieben werden.

Beim Blick auf einen Vertrag seien neben Alter und Position des Spielers erstmal drei Komponenten die wichtigen:

  1. Cash Flow: Wann fließt wie viel Geld in die Taschen der Spieler. Verträge mit Front-Loading sind gut für den Spieler, können aber auch Vorteile für das Team haben, weil es hinten raus Flexibilität bringt. Just im Nachgang an den Podcast hat Jason den Cash Flow in einem eigenen Artikel vertieft.
  2. Signing Bonus / Guarantees: Wie viel Geld im Vertrag ist „guaranteed“, insbesondere „fully guaranteed“. Teams haben verschiedene Möglichkeiten, die garantierten Gehälter abzuschreiben und die Zahlen „zu manipulieren“.
  3. Cap-Struktur und Cap-Zahlen: Wie fluktuieren die Cap-Zahlen von Jahr zu Jahr, wie viel Flexibilität hat ein Team hinten raus um aus einem Vertrag rauszukommen, welche Roster-Boni sind wann auszuzahlen, wie viel Hebel hat ein Team gegenüber einem Spieler.

Das oft zitierte Durchschnittsgehalt APY (average per year) und der Maximalwert des Vertrags („5 Jahr, 100 Mio. Dollar Vertrag“) ist wichtig fürs Spielerego, im wirtschaftlichen Sinne aber nur von sekundärer Bedeutung, weil die meisten Verträge eh nie die volle Laufzeit erreichen: Es ist schon eher eine Seltenheit, wenn ein Fünfjahresvertrag überhaupt Jahr 4 erreicht – ich habe darüber schon einmal ausführlicher geschrieben.

Unter den 32 Mannschaften gibt es verschiedene Cap-Philosophien. Als mit die beste bezeichnet Fitzgerald jene der San Francisco 49ers, die kaum hohe Garantien auszahlen, dafür aber geschickt darin sind, Verträge zu „front-loaden“ um den Spielern damit guten Cash Flow und einen hohen APY zu bescheren, aber gleichzeitig hinten raus viele Freiheiten zu genießen, wenn die Kombination Performance-vs-Vertrag problematisch wird.

Die Niners schließen mit ihrer Verhandlungstaktik frühe Roster-Boni vor Start der Free Agency aus. Damit können sie Spieler über die erste Welle der Free Agency hinaus halten ohne Vertragsstrafen zu riskieren um sie dann, wenn die meisten Mannschaften schon die fetten Verträge ausgestellt und ihren Cap-Space aufgebraucht haben, in eine Zwickmühle zu bringen: Entweder du nimmst den Pay-Cut oder wir feuern dich und dann viel Spaß ein Team zu finden, das dir ähnlich viel Kohle bieten kann wie wir.

Zu den Vertragsdiskussionen um Mahomes und Dak: Fette QB-Verträge sind es fast immer wert, wenn der Quarterback ein guter ist. QB-Gehälter sind in den letzten 10 Jahren förmlich explodiert, selbst bei durchschnittlichen Quarterbacks wie Eli Manning oder Garroppolo. Doch Mahomes ist nun „der beste“ von allen. Wenn er seinen fetten Vertrag kassiert, könnte das erstmal ein bisschen Ruhe reinbringen („Du willst 40 Mio? Haha, Mahomes kassiert 40 Mio, zeig erstmal dass du es annähernd wert bist“).

Dak als guter, aber nicht überragender QB will angeblich um die 35 Mio/Saison, davon im letzten Jahr 45 Mio. Das schütze gegen den Franchise-Tag, doch Fitzgerald hält das für keine gute Verhandlungstaktik Prescotts. Schließlich sei aus Spielersicht immer ein hoher Cash-Flow in den ersten Jahren des Vertrags wünschenswert, und wenn Prescotts fetteste Cap-Zahl am Ende kommt, sind die ersten Jahre naturgemäß billiger.

Vertragslaufzeit: Kürzer ist besser als länger. Diese crazy Verträge wie Rivers/Roethlisberger mit 6 Jahren oder Tyron Smith mit 8 Jahren gehören der Vergangenheit an. Ziel ist heute, für nicht mehr als 4 Jahre zu unterschreiben, da die Salary-Cap so schnell wächst und man bei entsprechender Leistung dann mit höherer Salary-Cap erneut abstauben kann.

Salary-Cap in der Post-Corona Zeit? Ein fraglicher Punkt. Die NFL-Cap ist an den Umsatz gebunden, und wenn dieser mit Geisterspielen und Wirtschaftskrise in den USA in den nächsten Jahren nicht so stark explodiert wie erwartet – oder sogar sinkt! – dann wird das viele Kaderplanungen über den Haufen werfen.

Fitzgerald erwartet schon für 2021 eine Nachverhandlung im CBA um den erwarteten Cap-Hit (sie werfen ganz einfach mal einen Cap-Einbruch von 90 Mio durch Corona in den Raum) auf mehrere Jahre aufzuteilen, z.B. jeweils 30 Mio Cap-Nachlass auf drei Jahre.

Das bringt Spieler wie Dak und Mahomes, die jetzt eigentlich ihre ganz fetten Verträge unterschreiben wollten, ein bissl in die Bredouille. Gerade deshalb seien kürzere Verträge jetzt besonders gefragt, selbst ohne sofortig steigende Salary-Cap.

Der teamfreundlichste Vertrag in der NFL? Richard Sherman – jener Vertrag, den Sherman ohne Agenten in Eigenregie ausgehandelt hatte. Es ist ein Vertrag mit relativ niedrigem Grundgehalt, aber vielen Prämien und Boni. Sherman musste schon sensationell spielen um ein Premium-Gehalt zu kassieren.

Eine der Schlussfolgerungen: Es gibt wenige exzellente Verträge in der NFL, aber viele schlechte. Nach wie vor hat die NFL viel Aufholbedarf in der exquisiten Verteilung der Gehälter.

Aber hört selbst. Es ist eine sehr gute Folge, auch nicht schwierig zu verstehen. Auf Twitter ist @Jason_OTC immer ein guter Follow für Einschätzungen zu einzelnen Verträge oder Cap-Management im Allgemeinen.

6 Kommentare zu “Wenn der Salary-Cap Guru spricht…

  1. Sehr interessant!

    Sagen wir mal du bist GM eines Teams und sollst es über Jahre hinweg sinnvoll aufbauen.

    Wie wäre dann deine Strategie und welche Spieler/Positionen willst du wirklich mit großen Verträgen ausstatten?

    Gibt es ein Maximum an Premium-Verträgen, ungeachtet des Salary Caps (also dass man z.B. sagt: Mehr wie 7 große Verträge zahl ich nicht, da ich sonst keine vernünftigen depth-Spieler verpflichten kann)?

  2. Ich frage mich ja was passiert wenn Mahomes für 35$ Mio/Jahr unterschreibt. Vielleicht dafür mit mehr Garantien. Dann schaut Dak auch doof aus der Wäsche. Hab gestern gelesen das Mahomes einen teamfreundlichen Vertrag haben will, damit der Support besser ist. Mal schauen was da passiert und wie der Vertrag dann letztendlich aussieht.

    Irgendwie ist die Vertragsgestaltung total anders als in der MLB, da gibt es Monsterverträge über fast ein Jahrzehnt. Dazu kann die Zahlung deferred werden, was dazu führt das die Spieler Jahre oder Jahrzehnte später immer noch Geld bekommen, ohne noch zu spielen.

  3. @joffrey: bei so was bin ich dabei 🙂 .
    Strategie des GM – gute Pass off & def. Off wichtiger als def. Also wichtigste Positionen in der reihenfolge: qb wr cb saf.
    Prio 1: möglichst viele davon unter Rookie vertrag. Prio 2: möglichst leistungsbezogene Verträge mit wenig fix.
    Anzahl premium Verträge finde ich schwierig. Da sind zu viele fallbezogene variablen drin. Stars unter rookie Vertrag. Alter der Stars. Position der Stars.
    Ich wäre angesichts der Brutalität des Sports (ryan shazier) eher auf kaderbreite aus als auf 3-4 Stars. Guter qb2 sollte da sein. Siehe Andy dalton.
    Und wo ist jetzt der einer, der mich einstellt?? 🙂

  4. Wenig Garantien und möglichst viele Boni ist natürlich etwas, das sich beißt. Damit wird man nicht viele Spieler finden.

    Hohe Garantien sind nicht per se schlecht – sie sind z.B. ein gutes Mittel um die gesamte Vertragssumme niedriger zu halten. Nur lange Verträge mit hohen Guarantees tun weh.

    Grundsätzlich ist Cap-Management eine Wissenschaft mit sehr vielen Faktoren. Man kann sich eventuell mal „Caponomics“ von Zack Moore geben, wo diverse erfolgreiche Mannschaften in ihrer Cap-Struktur analysiert werden.

    Es hängt sehr viel an den Umständen ab: Hat man den einen QB? Welche Free Agents sind verfügbar? Hat man eine tiefe Free-Agent Klasse auf gewissen Positionen, oder eine mit nur wenigen Top-Optionen die hohe Gehälter fordern können? Hat man das Glück, 1-2 richtig gute Draftklassen in den letzten 3 Jahren gezogen zu haben?

    Es ist ja noch nichtmal ein ausdiskutiertes Thema, wie man mit einem QB der Güteklasse Dak umgehen soll: Zahlen oder nicht? Dak ist ohne den idealen Support-Case eher kein Top-10 QB in der NFL. Damit ist er die 35 Mio/Saison nur wirklich wert, wenn der Receiving-Corp zusammenbleibt.

    Grundsätzlich gilt: Man kann seine Chancen verbessern, wenn man in Pass-Offense und Pass-Defense investiert – also in Receiver, Cornerback, Safety und dann Offensive Tackle und Edge-Rusher.

    Positionen wie Tight End, Interior O-Line, Runningback, Defensive Tackle oder Linebacker sind eher von sekundärer Priorität. Hier beginnt ein 15-20 Mio/Jahr Vertrag sehr schnell richtig bitter zu werden.

    Investiert man stark auf den wichtigen Positionen, kann man auch für einen „nur mittelmäßig bis guten“ QB sehr gute Rahmenbedingungen schaffen.

    Und man sollte schauen, keine schlechten QBs à la Trubisky oder Bortles mit dicken Verträgen zu binden.

  5. Und um ein Reizthema anzusprechen 🙂 : vllt ist es eine gute MEthode, jedes Jahr in den mittleren Runden einen Runningback zu draften. Dann spielen alle RB unter billigen Rookie-Verträgen und kein teurer FA-RB muss verpflichtet werden, der whrschl schnell abbaut…

  6. Das wäre dann eine gute Idee, wenn die Base-Rate uns einen Hinweis gäbe, dass Teams gut darin sind, Runningbacks zu draften.

    Sind sie aber nicht. Die Korrelation von Draftposition und Spielerqualität ist auf Runningback praktisch null, womit das Credo gilt: Je später, desto besser.

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