All-32: Buffalo Bills 2021 Preview

Die Buffalo Bills hatten 2020 ihr Coming-Out als neuer AFC-Contender. Möglich gemacht hat das in allererster Linie die verblüffende Entwicklung von QB Josh Allen.

Wir müssen nicht lange um den heißen Brei herum reden: QB Josh Allen ist die Schlüsselfigur in der Offense und wird über Wohl und Wehe der Bills entscheiden. Ich meine: Auch mit einem Graupen-Allen ist der Kader gut genug um sieben, acht Siege zu holen. Aber das ist nicht mehr der Anspruch. Buffalo hat das Ziel die Division zu gewinnen und einen Playoff-Run hinzulegen.

Das war die Einleitung zur Offense an dieser Stelle vor einem Jahr. Und folgerte am Ende so:

„Non-QB“ Kader und Coaching allein sollten ausreichen für sieben, acht Siege. Was obendrauf kommt, entscheidet QB Allen. Ich hab‘s schon angedeutet: Ich bin da extrem skeptisch. Allen 2020 hat so viele „Trubisky-2019“ Vibes, ich habe gerade einen Flashback.

Neue Waffen sind schön und gut, aber die Historie zeigt, dass bei solchen grenzwertigen Quarterbacks am untersten Ende der Einsatzbarkeit die Qualität der Waffen irgendwann nicht mehr kriegsentscheidend ist. Deutlicher: Wenn die Bälle zu weit links und rechts und obendrüber segeln, kann auch ein Diggs nix ausrichten.

Ich war nie ein Josh-Allen-Believer gewesen. Ich hatte Allen kritisiert, verspottet, abgeschrieben. Seine Fortschritte in seiner zweiten Saison waren für mich kein Grund gewesen, jetzt plötzlich doch an ihn zu glauben. Es war alles angerichtet: Blake Bortles 2017-18, Mitchell Trubisky 2018-19, Josh Allen 2019-20: Die Reihe der für Enttäuschungen prädestinierten QBs schien linear.

Dann kam 2020, und jetzt ist alles anders.

Allen machte den Schritt zum Top-QB. Es gibt keine Umschweife:

  • QBR #3
  • DVOA #4
  • EPA #5
  • CPOE #4 (+6.0%)

Die Bills waren das theoretische Paradebeispiel dafür, wie man um einen jungen Quarterback herum baut, und sind jetzt die Profiteure ihrer eigenen Arbeit. Als Lohn standen sie zum ersten Mal seit den Neunzigern im Conference-Finale.

  • Bilanz 2020: 13-3 (AFC Championship)
  • Pythagorean: 10.9 Siege (#5)
  • Close Games: 3-2
  • Offense EPA/Play: +0.15 (#4)
  • Defense EPA/Play: +0.05 (#18)
  • Turnovers: +4
  • Fumble Luck: 46% (#23)
  • Adjusted Games Lost: #9 (OFF #8, DEF #13)

Jetzt gelten sie als eines der Teams mit dem höchsten „Ceiling“ in der NFL. Man kann sagen: Zurecht. Das Team war schon vor Allens Breakout gut aufgestellt gewesen: Starkes Coaching, starkes Playcalling, gute Kadertiefe, Fokus auf Passing-Offense und Passing-Defense, starke Verteidigung. Mit einem Top-QB ist ein Titel-Run nicht auszuschließen.

Allein: Nicht immer läuft im Leben alles so wie erwartet.

Offense

Allens Entwicklung von der Schrotflinte zur Präzisionsmaschine habe ich schon vor einigen Tagen in einem Artikel zu neuen Technologien im Coaching nachgezeichnet: Accuracy ist bei ihm längst keine blockierende Schwäche mehr, sondern schon fast eine Stärke. Nur fünf QBs hatten eine höhere Rate an fangbaren Bällen.

Wir wissen jetzt: Man kann also an der Accuracy arbeiten. Das über Jahre gepredigte Mantra, Accuracy sei immanent, ist widerlegt.

Perfekt ist Allens Präzision freilich noch nicht. Er hat noch seine Schwächen: Er tendiert z.B. zum Overthrow. Satte 15% seiner Pässe sind zu hoch geworfen – nur zirka zwei Drittel davon sind noch fangbar. Hohe Würfe sind seit Jahren eines von Allens auffälligsten Problemen; nach rein punktgenau auf die Brust gelegten Würfen („Accuracy Plus“) lag Allen im PFF-Charting auch letzte Saison als #30 noch nahe dem Bodensatz.

Explizit der „Back Shoulder Wurf“ downfield ist eine klare Schwäche. Durchschnittliche NFL-QBs treffen dabei in 49% der Versuche das Ziel. Allen? Nur 11%.

Dazu hat Allen noch Fumble-Probleme: 31 Stück in drei Jahren als Starter. Neun davon letztes Jahr.

Doch ansonsten war seine Entwicklung schon fantastisch. Zuzüglich zu Allens fantastischem Sprung als Werfer blieb er der effizienteste Scrambling-QB nach Success-Rate.

Es gibt jetzt natürlich drei denkbare Wege: 1) Allen hält in etwa seinen Level. 2) Allen wird sogar noch besser – schließlich war die Verbesserung seiner Präzision bis jetzt fast schon linear. 3) Allen wird schwächer – schließlich war seine Explosion von einem der schwächsten zu einem der effizientesten Passer zu extrem um an ihn zu „glauben“.


Wir wissen: Die Bills glauben an Option 1 und hoffen auf Option 2. Gestern verlängerten sie den laufenden Vertrag hinten raus um sechs Jahre. Die Vertragslänge ist unüblich lang und deutet darauf hin, dass die Chemie zwischen Spieler und Franchise stimmt.

Der Vertrag selbst ist vom Mahomes-Vertrag inspiriert, wenn auch etwas kürzer. Für Allen ist er finanziell sogar einen Tick besser als Mahomes, weil er vorne raus mehr garantiertes Gehalt und nach APY etwas besser ist. Die Vertragssumme beläuft sich auf mindestens 258 Mio. Dollar (43 Mio APY), maximal 288 Mio. Dollar (48 Mio APY). Die Details habe ich noch gar nicht studiert – bei PFT und OTC sind schon erste Analysen geschrieben worden.

Anyhow: Allen muss jetzt weiter liefern. Ein Rückfall in die Zeit vor 2020 geht nicht mehr. Aber Punkt ist auch: Die Infrastruktur um Allen herum ist ziemlich ideal, und bleibt größtenteils bestehen.


Receiving-Corps: Stefon Diggs hat sich als einer der besten WR1 in der NFL festgebissen. Diggs‘ 2.5 Yards/Route waren ein Top-10 Wert, und es gibt keinen Grund zu glauben, dass es das für Diggs schon war. Er hat sich in den letzten Jahren zu einer echten Granate entwickelt, mit zwei Top-5 Finishes und drei Top-15 Finishes in Yards pro gelaufener Route in den letzten vier Jahren:

  • 2020: 2.5 YPRR (#5)
  • 2019: 2.5 YPRR (#3)
  • 2018: 1.7 YPRR (#41)
  • 2017: 2.0 YPRR (#13)
  • 2016: 1.9 YPRR (#26)
  • 2015: 1.8 YPRR (#37)

Hinter Diggs ersetzt der 34-jährige Routinier Emmanuel Sanders den nach Las Vegas abgewanderten John Brown als WR2. Sanders ist kein solcher deep threat wie Brown, war aber über Jahre einer der solidesten Route-Runner in der NFL. Sanders war in fünf der letzten sechs Jahren in den Top-50 der Receiver nach Yards/Route gerankt.

Bricht er ein, könnte Gabriel Davis seinen Job übernehmen. Davis ist eher ein Downfield-Receiver mit fast 18 Yards/Catch. Als Rookie war er eher der „Mann für Momente“.

Slot-Receiver ist Cole Beasley. Von dem kann man menschlich halten was man will, aber Beasley war über die letzten Jahre einer der besten Receiver über die Spielfeldmitte (2020 mit mehr als 2.1 Yards/Route die #15). Bei Beasley muss man allerdings ergänzen: Er kann nur über die Mitte. Als Outside-WR ist er nicht zu gebrauchen.

Theoretisch kann das ein „four deep“ auf Receiver sein, mit einem Isaiah McKenzie für Jet-sweeps und End-Arounds in der Hinterhand und einem TE Dawson Knox, bei dem wir langsam auf den Breakout warten.


Offensive Coordinator: Möglichst viele Waffen zu haben ist wichtig für die Bills, die über 90% der Snaps mit mindestens drei Receivern und nach Arizona die meisten Snaps mit vier Receivern am Feld gespielt haben. OffCoord Brian Daboll hat seine Offense wirklich radikal angelegt!

Auch das Playcalling ist fortschrittlich: Höchste Pass-Quote in spielneutralen Early Downs, höchste Play-Action-Quote trotz miserablem Run-Game, fünfthöchste Motion-Rate im Moment des Snaps.

Die Bills liefen fast nie in „stacked boxes“ und blieben auch bei Führung auf dem Gaspedal. Die offensichtlichste Schwächen im Play-Calling war die sechsthöchste Quote an Laufspielzügen in 2nd & long Situationen.


Offensive Line: Die Bills-Line ist keine „Stärke“ im klassischen Sinn, obwohl sie die #4 nach Passblock-Win-Rate war (da half das Scheme mit!). Dafür ist es eine O-Line, die im besten Sinn „mindestens durchschnittlich“ auf allen Positionen ist. Sie hat im Pass-Blocking keine offensichtliche Schwäche und dank Blutauffrischung auch entsprechende Tiefe um Ausfälle abzufangen.

Das Tackle-Duo LT Dion Dawkins und RT Daryl Williams ist die bestbesetzte Position. C Mitch Morses größtes Problem sind seine Zipperlein, die immer wieder ein paar Snaps Einsatzzeit kosten. Die beiden Starting-Guards Feliciano und Cody Ford bewegen sich in allen bekannten Metrics irgendwo um oder knapp unterhalb des Durchschnitts für Starter; am ehesten Ford ist eine Schwachstelle. In der Hinterhand hat Buffalo Backups wie den einstigen hohen Draftpick Forrest Lamp oder die heurigen Mid-Rounder OT Spencer Brown und Tommy Doyle. Beide sind mit 6‘8 echte Monster.


Fazit: Es ist eine auf allen Ebenen moderne NFL-Offense. Der einzige Schwachpunkt letzte Saison war das unterirdische Laufspiel. Das allein ist noch kein Deal-Breaker. Aber wenn die Bills wie Ende der letzten Saison ihr Inside-Rushing komplett einstellen müssen, dann wäre das doch eine ziemliche Einschränkung und macht die Offense ein Stück vorhersehbarer.

Defense

Buffalos Defense ist in der Ära von Headcoach Sean McDermott (mein Coach des Jahres 2020) und DefCoord Leslie Frazier ein Muster an Beständigkeit. Selbst letzte Saison, die gemeinhin als „Down-Year“ abgekanzelt wurde, wurde es wieder ein Top-12 Finish nach Pass-DVOA:

  • 2017 #12 Pass-DVOA
  • 2018 #2 Pass-DVOA
  • 2019 #5 Pass-DVOA
  • 2020 #12 Pass-DVOA

Es ist eine der „two high“ lastigsten Defenses in der NFL (3t-höchste Rate Cover-4). Manndeckung wird in nur rund einem Viertel der Snaps gespielt. Dafür liegt die Defense in den Top-10 nach Blitzing und hatte mit 19% unter anderem die höchste Rate an Secondary-Blitzes. In Summe kreierte die Defense damit auch ohne hochkarätige Passrusher die zweithöchste Passrush-Win-Rate.

Basisformation ist Nickel. Es wird kaum Dime und kaum Base-Defense gespielt:

  • 91% Nickel, meiste in der NFL
  • 7% Base Defense, drittwenigste der NFL
  • 1% Dime Defense

Die Defense ist “von hinten nach vorn“ gebaut. Die meisten Ressourcen stecken in der Secondary mit ihrem fantastischen Safety-Pärchen Hyde/Poyer (Safety ist in der landläufigen Meinung eine der unterschätztesten Positionen!) und einem der besten Cornerbacks in der NFL: Tre’Devious White.

CB2 ist am ehesten ein Schwachpunkt. White sieht kaum mehr Targets, weil sich Defenses zuletzt zu sehr auf den „anderen“ CB konzentrieren. Levi Wallace gilt als Wackelkandidat – und so ist Dane Jackson, letztes Jahr in der 7ten Runde gedraftet und als Rookie ganz okay, als möglicher X-Faktor: Zündet er, könnte die Bills-Defense fantastisch sein. Wenn nicht, „droht“ gutes Mittelmaß.

„Vorne“ hat man die Defense in den letzten zwei Offseasons mächtig aufgebolstert. Auf Linebacker hat man Matt Milano als Nebenmann vom aufstrebenden Tremaine Edmunds gehalten. In der D-Line verliert man NT Jordan Phillips, bekommt aber dafür Star Lotulelei von der Covid-Opt-Out Liste zurück.

Der passt perfekt in die Rotation an ansonsten brutal vielen jungen Spielern wie DT Ed Oliver (1st Rounder 2019), EDGE A.J. Epenesa (2nd Round 2020), Gregory Rousseau (1st Rounder 2021) oder Carlos Basham (2nd Rounder 2021). So richtig angekommen in der NFL ist noch keiner von diesen Spielern (Oliver z.B. ist ein kritischer Schwachpunkt als Run-Defender). Vielleicht gelingt es ja im Paket.

Bester individueller Passrusher bleibt wohl der Oldie im Bunde, der bald 33-jährige Jerry Hughes. Aber sehr lange sollte man nicht mehr auf den einstigen TCU-Superstar Hughes bauen.

Ausblick

Die Bills sind mit ihrem starken Coaching und ihrem starken Kader eines der „sichersten“ Teams in der NFL, weil wir quasi von acht Siegen als Worst Case ausgehen können. Es müsste schon verdammt viel schieflaufen, wenn die Mannschaft drunterfällt – eigentlich fällt mir nur Verletzungskatastrophe auf QB, Receiver oder in der Secondary ein.

Das „Ceiling“ dagegen ist dank der ungeahnten Qualitäten bei Josh Allen nur bei wenigen Teams höher. Ich weiß nicht ob ich meine Hand ins Feuer legen möchte, dass Allen noch einmal eine so starke Saison wie 2020 hinlegt. Doch einiges an seinem Spiel hatte eine gewisse „Grundstabilität“, die mich dran glauben lässt, dass er nicht wieder in alte Muster aus der Zeit vor dem Coronavirus zurückfällt.

Buffalo gewinnt die AFC East in den meisten Simulationen (ca. 60%). Es gibt eine zirka 80%ige Playoffchance. In rund einem von sechs Fällen gewinnen die Bills die AFC, und in etwa 7% der Simulationen beenden sie die anstehende Spielzeit als Suoerbowl-Champ.

Das ist Augenhöhe mit Baltimore oder Cleveland, aber einen Tick hinter Chiefs, Packers und Buccaneers. Und das fühlt sich gut eingeordnet an.

8 Kommentare zu “All-32: Buffalo Bills 2021 Preview

  1. Danke für den schönen Artikel, sehe die meisten Dinge genauso wie du. Eine kleine Korrektur: Jordan Phillips war bereits letzte Saison bei den Cardinals, verlässt Buffalo also nicht erst jetzt.

  2. Mann das erinnert mich an meine Anfänge mit dem Football. Die Bills „jedes Jahr“ im Super Bowl und verlieren jedes Mal….werde ich nie vergessen.
    Mal schauen ob sich die Geschichte wiederholt.
    Hat eigentlich jemand was Neues zu den Umzugsplänen nach Texas gehört? Oder war das nur Verhandlungstaktik um nen besseren Deal für ein neues Stadion in Buffalo rauszuholen?

  3. So gut Allen als Story ist, ich weiß nicht ob Buffalo sich mit der early Extension einen Gefallen getan hat. Man kann nicht die Augen vor dem Regressionspotenzial zumachen. Was wenn Diggs sich verletzt, was wenn die OL abfällt, was wenn er deep wieder fluktuiert?

    Option A: Contract jetzt
    Option B: Play out Jahr 4, fifth Option und dann FT, da hätte ich ernsthaft überlegt auf diese Option

    Sonst top Artikel, Bills sind Parade Analytics Franchise im Moment und machen vieles richtig. Sie haben sich den QB verdient um mal in der Sprache des Hausherrn zu bleiben 😉

  4. Ja, die Extension kommt sehr früh nach nur einem richtig starken Jahr. Das hat Potenzial wehzutun.

    Man vergisst ja nur zu gern, dass Allen wie Goff oder auch Wentz in einem sehr guten Ambiente mit guten Coaches und starker Infrastruktur spielen durfte.

    Ich „fühle“, dass Allen einen Schritt weiter ist als Goff/Wentz es je waren, aber ich bin mir nicht sicher ob das Recency Bias ist oder ob es wirklich daran liegt, dass Allen einfach athletisch und im Wurfarm noch einmal eine Nummer krasser ist als die beiden Kollegen (Wentz war ja zudem dauernd verletzt).

    Aus Risikoabwägung hätte man sich auch für deine Option A entscheiden können, ist sicherer wenn es nicht gut geht, und die paar Millionen obendrauf im Erfolgsfall hätte man dann schon vorab „gespart“.
    Wir auf jeden Fall spannend.

  5. Beasley-Teamkollege Dion Dawkins über seine Covid-Erkrankung:

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