NFL-Franchises im Kurzporträt, #8: Pittsburgh Steelers

Wenn es um Corporate Identity geht, haben die Steelers seit den 70ern perfekte Arbeit geleistet. Jeder, wirklich jeder, assoziiert mit „Pittsburgh Steelers“ knallharte, blitzfreudige Defense. Und so nebenbei sind sie damit auch nicht unerfolgreich…

Fast vierzig Jahre unsichtbar

Die Steelers sind die fünftälteste noch bestehende Franchise der NFL – gegründet 1933 von Art Rooney als „Pittsburgh Pirates“, nach dem Baseball-Team (siehe auch: Baseball/Football Giants in New York). Noch 1939 folgte die Umbenennung in „Steelers“, als Ehrerweisung an die Stadt Pittsburgh, die für Stahlindustrie stand. Die Franchise war nicht nur unerfolgreich, sie musste anfangs lange, lange Jahre ums Überleben kämpfen. Zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs konnte man nur dank Symbiosen mit den Eagles („Steagles“) und den Cardinals („Card-Pitt“) überleben. Card-Pitt ist deshalb sehr geil, weil sich die beiden ein paar Jahrhunderte später in der Super Bowl gegenüber standen.

Erfolge? Um es kurz zu sagen: Nonexistent. Man könnte sagen, sie haben es den MLB-Pirates von heute vorgemacht. In den ersten 39 Jahren Existnz spielte die Mannschaft genau einmal (!) in den Playoffs und wechselten Heimstadien wie andere ihre Unterwäsche. Ziemlich genau Ende der 60er dann der Turning Point der Franchise: Erst installierten die Rooneys Head Coach Chuck Noll, 1970 folgte der permanente Einzug ins Three Rivers Stadium und der Wechsel in die AFC.

Chuck Noll

Noll sollte 23 Jahre lang Head Coach bleiben – und die Footballwelt sollte sich arg verändern. Nolls Philosophie war: Junge Spieler draften und aufbauen, anstelle von alte Stars einkaufen. Nolls Draft-Bilanz liest sich eindrucksvoll und war die Basis für eine sehr dominante Dekade – 1974 draftete er gleich VIER Spieler auf einen Streich, deren Köpfe heute in der Hall of Fame stehen.

Die Mannschaft selbst war voller Charakterköpfe: QB Terry Bradshaw, RB Franco Harris und WR Lynn Swann kennt jeder Footballinteressierte noch heute, und in der Defense spielten „Perlen“ wie der bösartige DE Joe Greene oder Jack Lambert.

Diese Mannschaft fetzte sich jahrelang mit dem großen Rivalen Oakland um die AFC-Vorherrschaft, die in diesen Jahren gleichbedeutend mit „NFL-Vorherrschaft“ war. Pittsburgh gegen Oakland – ein Klassiker, geworden dank unzähliger, teilweise brutal geführter Schlachten. Oakland siegte meistens in der Regular Season, Pittsburgh in den Playoffs.

Die berühmteste Szene schimpft sich Immaculate Reception – ein Playoffspiel 1972/73, als Franco Harris ein langer Ball direkt von einem Verteidiger in die Arme fiel und er zum Touchdown durchlaufen konnte. Bis heute gilt diese Szene als Initialzündung für den beispiellosen Erfolgslauf: Die Saisons 1974, 1975, 1978 und 1979 weisen den Superbowl-Champ Pittsburgh Steelers auf. Zweimal wurde Dallas in Thrillerspielen geschlagen, einmal Minnesota, einmal die L.A. Rams.

Die Steelers sind heute eine der landesweit beliebtesten Mannschaften. Man darf dies einer eher traurigen Epoche zuschreiben – oder besser gesagt, sowas wie einer glücklichen Fügung: Grad in der Hochzeit der Steelers-Erfolge, so um Ende der 70er, kriselte es gewaltig in der Stahlstadt Pittsburgh, deren Industrie Anfang der 80er komplett crashte und einen Massenexodus verursachte. Die gepeinigten Arbeiter zerstreuten sich quer über die Staaten – und nahmen wenigstens ihren Stolz auf die grad so erfolgreichen Steelers mit in die Welt hinaus. Heute ist die Fanbasis der Steelers, genannt „Steeler Nation“, die womöglich größte und am meisten verbreitete in den USA.

Die 80er waren dann nach den Rücktritten der alten Heldenriege eher wenig erfolgreich, und 1992 trat Noll dann auch folgerichtig, vielleicht etwas zu spät, zurück.

Bill Cowher

Auf die Ära Chuck Noll folgte die Ära Bill Cowher. Als einer der leidenschaftlichsten Head Coaches blieben die Steelers unter dem Sympathen Cowher eine Macht, verloren aber immer wieder die wichtigen Spiele (mehrere AFC-Finals und die Superbowl XXX). Cowhers Problem war weniger die Defense oder der charmismatische RB Jerome „The Bus“ Bettis, sondern vielmehr das Fehlen eines Quarterbacks.

Der kam 2004 in persona Big Ben Roethlisberger. Im ersten Jahr zahlte der Sensationsmann Ben im Finale der AFC noch Lehrgeld, aber in der zweiten Saison wurstelte man sich nach einigen wahrhaftigen Krimis (ich sage nur: @Colts) in die Super Bowl.

Super Bowl XL in Detroit war kein schönes Spiel – Pittsburgh gewann 21-10 im letzten Spiel von Jerome Bettis in dessen Heimatstadt. In Erinnerung bleiben auch die Schiedsrichter, die mitentscheidenden Anteil hatten am Sieg über die Seahawks.

Mike Tomlin

Seit 2007 coacht der junge, schwarze Mike Tomlin mit High Five und Sonnenbrille im Haar die Steelers. Eine coole Socke wie Tomlin setzt auf knallharte Defense und holt schon im zweiten Jahr die Super Bowl. Nach Schlachten gegen Baltimore und Arizona gewann man in einem herausragenden Footballspiel Super Bowl XLIII – und ist seitdem das Team mit den meisten Ringen, nämlich genau sechs.

In der abgelaufenen Saison hätte es ein siebter werden können, aber eine Niederlage in der Super Bowl XLV gegen Green Bay verhinderte das. Die Steelers sind für die Zukunft aber weiterhin sehr gut aufgestellt.

Ketchup

Heinz_Field

Heinz Field (67.000 Plätze) ist seit fast einem Jahrzehnt die Heimat der Steelers. Direkt hinter der Süd-Endzone mutieren der Alleheny und der Monongahela zum Ohio River – daher hieß das alte Stadion gleich nebenan auch Three Rivers Stadium. Heinz Field ist gesponsort von der gleichnamigen Ketchup-Kette (deren Besitzerin mit den Rooneys verheiratet ist) und gilt als besonders gefürchtet bei Kickern.

Rivalen

Aufgrund ihrer langen Erfolgsgeschichte haben die Pittsburgh Steelers zwar landesweit ihre Fans, aber auch landesweit ihre Rivalen. Die regelmäßigsten Auseinandersetzungen sind divisionsintern in der AFC North. Es gibt keine andere Division, in der sich alle vier Mannschaften so wenig grün sind wie die AFC North. Der klassische Rivale ist Cleveland – die Browns sind gemeinsam mit Pittsburgh von der NFL in die AFC gewechselt. Sportlich ist Browns-Steelers aber seit Jahren ein mismatch.

Dann die Cincinnati Bengals. Who dey gegen Terrible Towels – seit Äonen ein heißes Duell. Die aktuell intensivste Feindschaft besteht mit den Baltimore Ravens – zwei Vollblut-Defenses im stetigen Kampf miteinander. Jedes Spiel Ravens-Steelers ist seit einigen Jahren intensiv wie kein anderes. Nach keinem anderen Spiel gibt es so viele blaue Flecken. Black’n’blue-Football auf die eher brutalere Weise.

Sportlich-historische Rivalen sind die Oakland Raiders. Ein Duell, das noch aus den 70ern gründet, als sich die beiden regelmäßig im AFC-Finale trafen. Madden gegen Noll. Davis gegen Rooney. Hinterhältig geführte Klassiker – meist mit Oakland als Sieger in der Regular Season und Pittsburgh als Sieger in den Playoffs. Superbowls haben dann aber beide gewonnen.

Gegen die Philadelphia Eagles gibt es die Battle of Pennsylvania, gegen die New England Patriots seit Jahren ein Fernduell um die Vorherrschaft in der AFC (mit den Colts als drittem Player im Bunde).

Gesichter der Franchise

  • Chuck Noll – Head Coach und Architekt hinter der großen Steelers-Ära in den 70ern. Nolls Erbe ist darüber hinaus, dass er die Denke der Menschen öffnete und Afroamerikaner förderte, so gut es ging (ex. ließ als einer der ersten Coaches schwarze QBs ran). Auch schwarze Coaches wurden von Noll gefördert, so auch der großartige Tony Dungy, dem Noll den Start seiner Karriere ermöglichte.
  • Terry Bradshaw – QB, vierfacher Superbowl-Champ in den 70ern in einer der berühmtesten Mannschaften der NFL-Geschichte. Heute als nervtötender Schreihals bei Fox unterwegs.
  • Bill Cowher – QB, einer der emotionalsten und leidenschaftlichsten Coaches, ein Sympathieträger, dessen fehlendes Glück in den ganz wichtigen Spielen berühmt war. 2005/06 mit dem Titel belohnt, auch wenn es ein zweifelhafter Titel war.
  • Dick LeBeau – Defensive Coordinator, Hall-of-Famer als Defensive Back für die Lions, in Pittsburgh aber hauptsächlich bekannt für die langjährige Arbeit als Defensive Coordinator in den letzten Jahren. LeBeau könnte durchaus auch als Erfinder des Zone Blitzes in die Hall of Fame gewählt werden.
  • Ben Roethlisberger – QB, ein Brocken von einem Mann und mit seiner rustikalen Erscheinung wie die Faust aufs Auge auf Pittsburgh passend. Zweifacher Superbowl-Champ und Improvisationsgenie.

korsakoffs Highlight

Playoffspiel 2005/06 gegen die Colts – Pittsburgh hat in den letzten Jahren einiges an Krimis geliefert, aber dieser war der bizarrste von allen. Als großer Underdog erst die Colts outcoached, um nach irren fünfeinhalb Schlussminuten fast noch zu verlieren. So viele Wendungen habe ich kaum in einem anderen Spiel gesehen. Und dann kam der große Christopher D. Ryan.

H-ö-r-e-n-s-w-e-r-t.

Hier das entsprechende Video zu diesem Sensations-Spiel, die von Ryan/Eschlböck so bildhaft beschriebene Szene ab 2:24:

Eckdaten

Gegründet: 1933 als Pittsburgh Pirates
Besitzer: Rooney-Familie
Division: AFC North
Erfolge: Superbowl-Sieger 1974, 1975, 1978, 1979, 2005, 2008, Superbowl-Verlierer 1995, 2010, 27x Playoffs (33-21) – Stand 2012

8 Kommentare zu “NFL-Franchises im Kurzporträt, #8: Pittsburgh Steelers

  1. +gg+ echt nice, das waren noch zeiten… 🙂

    @Korsakoff – die zusammenfassung von youtube, ist das ein ausschnitt aus NFL Blast?

  2. Nein, nicht direkt. Die NFL Films/Blast-Sequenzen von Playoffspielen waren meistens ca. 7,5 Minuten lang.

    Das eingebettete Video ist vermutlich eine Kurz-Zusammenfassung des Spiels in einer der vielen „Game of the Decade“-Reihen. Auf alle Fälle zusammengestellt zum Teil aus den TV-Bildern von CBS und zum Teil aus NFL-Filmsaufnahmen.

    NFL Blast war soweit ich mich erinnern kann rein eine Übernahme einer vorgefertigten NFL-Films-Sendung. Dort wurden eigentlich nie die Bilder aus der direkten TV-Übertragung der Networks verwendet.

  3. „Pittsburgh im Conference Finale“ und drei Sekunden später schreien sie wie am Spieß. Falsch geschnitten oder kann mich jemand aufklären? Unabhängig davon: falls Christopher DeRyan der Mann mit der höheren Stimme ist, verstehe ich schön langsam warum dieser Mann auf diesem Blog so konsequent verehrt wird 😀 Wer ist der zweite Mann?

    Warum kommentiert Christopher DeRyan eigentlich nicht mehr (ist doch so wie ich das verstanden habe in den letzten Monaten)?

  4. @reolux

    Die Steelers haben nach einem Sack im 4th down gegen Manning mit weniger als 2:00 auf der Uhr und 21-18 Führung an der 2yds-Line der Colts den Ball bekommen, und hätten im Prinzip nur noch in die Endzone zum Touchdown laufen müssen (abknien ging nicht, weil Indy noch alle 3 Timeouts hatte und die „Sicherheitsvariante“ Field Goal bei einem anschließenden TD-Drive der Colts vielleicht nicht gereicht hätte).

    Nach dem Sack winkten sämtliche Steelers-Verteidiger schon das Auf-Wiedersehen in die Tribünen und die Gatorade-Dusche war schon vorbereitet. Der Sieg der Steelers schien in der Tat „sicher“. An dieser Stelle klinkt sich die Audiodatei des ORF ein, also entsprechend kein Schnittfehler.

    Und dann FUMBELTE der zukünftige Hall of Famer Jerome Bettis in seinem potenziell letzten Spielzug in der NFL-Karriere den Ball und die Colts hätten um ein Haar den Ball zum Touchdown returniert. Ist alles im Video zu sehen.

    Re: Christopher D. Ryan

    Ja, is der Mann mit der höheren Stimme. Ryan ist zum Red-Bull-Sender Servus TV abgewandert, nachdem der ORF 2009/10 die NFL-Rechte nicht mehr eingekauft hat, was jammerjammerschade war, weil es die IMHO im Verhältnis zum Budget mit Abstand besten Sportübertragungen des ORF waren. Ryan ist bei Servus TV jetzt Eishockey-Koordinator, wenn ich das recht in Erinnerung habe.

    Der zweite Mann ist Michael Eschlböck, der Präsident des AFBÖ (österreichischer Footballverband).

  5. @korsakoff
    Thx1 Schade hätte gerne eine Football Übertragung mit dem Kommentator live erlebt. Habe auch bei AAS Lobhymmnen auf DeRyan gelesen. Ich empfange ORF SPort + aber beim Charity Bowl war ein enttäuschender Kommentator.

  6. Pingback: Glaskugel 2012: Pittsburgh Steelers | Sideline Reporter

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