Indianapolis Colts in der Sezierstunde

Die Indianapolis Colts waren mit ihrer 10-6 Bilanz und ihrem Einzug ins Playoff-Viertelfinale eine der positivsten Überraschungen der letzten NFL-Saison. Jetzt gehen sie angetrieben von einem furiosen Trio aus GM, Headcoach und Quarterback als einer der Titelfavoriten in die neue Spielzeit. Oder muss man den Plural verwenden: „Titelfavorit für die nächsten Spielzeiten“?

Der Colts-Turnaround in der letzten Saison war bemerkenswert. Obwohl man mit einem großen Fragezeichen auf der Wurfschulter von Andrew Luck sowie einem als Notnagel erst im zweiten Anlauf verpflichteten Headcoach in Frank Reich in die Saison ging und dort einen 1-5 Start hinlegte, drehten die Colts ihr Schicksal, beendeten die Saison mit einem 9-1 Run und spielten zwei insgesamt hervorragende Playoffspiele. Das alles passierte, obwohl ihnen nach Verletztenliste das drittmeiste Verletzungspech der NFL widerfuhr.

Klar ist auch: Der Colts-Schedule 2018 war soft. Die gegnerischen Offenses, auf die Indianapolis letzte Saison traf, waren nach Warren Sharps Methode die einfachsten der NFL. In dieser Saison wird es happiger.

Dennoch führt kein Weg daran vorbei: Die Colts können mit der Entwicklung der letzten beiden Monate überglücklich sein. Anstatt sich wie vor einem Jahr zu fragen ob das mit Luck nochmal was wird, denken sie nun auf absehbare Zukunft: „Super Bowl“.

Die wichtigsten Gründe dafür:

#1 QB Andrew Luck, dessen Comeback-Saison nicht nur die pessimistischsten Befürchtungen („er wird mit seiner kaputten Schulter nie mehr der Alte“), sondern auch die optimistischsten Hoffnungen („wird ein solides Jahr spielen“) übertraf.

Luck war letzte Saison trotz des relativ verhaltenen Saisonstarts (wir erinnern uns an die Diskussion „Arm ist shot“, für die es tatsächlich Hinweise gab) am Ende ein valider MVP-Kandidat:

  • 7 NY/A #14
  • 14 EPA/Pass, #9
  • 49% Pass Success-Rate, #5

Luck spielte hinter einer superben Offensive Line, doch er war selbst unter Berücksichtigung dessen überragend im Verhindern von Sacks. Er war trotz Diskussionen um seinen Arm der beste Deep-Passer der NFL-Saison und er war wie fast immer in seiner NFL-Karriere ein Top-10 Scrambler. Kurzum: Luck ist wieder da – vielleicht besser als je zuvor.


#2 Headcoach Frank Reich, dessen Rookiesaison als Cheftrainer äußerst vielversprechend war. Dafür würde ich zuvorderst folgende Stichpunkte nennen:

  • Early Down Play-Calling: 61% Pass-Quote in 1st Downs, 58% Pass-Quote in 2nd Downs. Damit übersprangen die Colts nicht bloß viele 3rd Downs, sondern spielten, wenn es mal dazu kam, die 6t-kürzesten 3rd Downs der NFL. Merke: Early-Down Passing ist eine der wichtigsten Ineffizienzen der NFL!
  • Quickeres Passing: Luck musste in den seinen ersten Jahren in der NFL so viele Prügel wie kein anderer QB einstecken, weil die Colts ihn im Scheming komplett vor die Hunde warfen. Reich designte eine Offense der schnelleren Pässe: Lucks durchschnittliche „Time to Throw“ betrug nur 2.63 Sekunden – der siebtschnellste Wert der Liga! Das half Luck, relativ unberührt zu bleiben.
  • Flexibilität im Personnel-Grouping: Wie Warren Sharp in seiner Season-Preview anmerkt, baute Reich mitten in der Saison quasi über Nacht seine Offense um. Der Trigger war dabei die Verletzung von TE Jack Doyle. Vor Doyles Ausfall in Woche 6 war Indy das 12-Personnel lastigste Team in der NFL. Nach seinem Ausfall spielte Indy plötzlich so viel 11-Personnel wie keine andere Mannschaft. Beides war erfolgreich.

Wo Reich noch Nachholbedarf hat: 4th-Down Playcalling. Hier war er trotz einiger vielbeachteter Calls konservativer als der durchschnittliche NFL-Coach.


#3 Luck und Reich sind die beiden zentralen Erfolgsfaktoren am Feld. Die lebenswichtigen Rahmenbedingungen dabei werden geschaffen von GM Chris Ballard, der die notwendigen Spieler liefert. Ballard hat auch dank des Jets/Darnold-Trades von 2018 innerhalb von drei Offseasons einen ausgebluteten Kader aufgemotzt, ihn trotz QB Lucks extrem teuren Vertrags zu einem der tiefsten gemacht ohne in irgendeiner Form in Cap-Probleme zu geraten (Colts haben den meisten Salary-Cap der NFL) und dabei mit das meiste Draftkapital für 2020 behalten. Für mich ist Ballard einer der Top-GMs der NFL.

Ballard hätte schon in der laufenden Offseason „all-in“ gehen können, doch er spielte auf Zeit. Ballard fädelte mehrere Trade-Downs im Draft ein und staubte dabei u.a. CB Rock Ya-Sin, LB Ben Banogu und WR Parris Campbell in der 2ten Runde ab.

In der Free-Agency gab es nur zwei wesentliche Einkäufe: Einmal den physischen WR-Bolzen Devin Funchess aus Carolina (10 Mio/Jahr) und einmal ein Kurzzeitvertrag für den Edge-Rush Oldie Justin Houston (12 Mio/Jahr) – beides Verpflichtungen, die kurzfristige Needs adressieren, beides Verpflichtungen, die kaum Risiko ob potenzieller Langzeitfolgen für die Franchise bedeuten.

Fazit: Eine Führungs-Crew, von der aus beginnend man arbeiten kann. Doch nun kommt der harte Teil – nämlich, die PS auf dem Feld auf den Boden zu bringen.

Offense

Obwohl man nach nur einer Saison immer vorsichtig sein muss, ist in Fachkreisen relativ unbestritten, dass Ballards Draft 2018 mit OG Quenton Nelson und RT Brad Smith Goldgriffe waren, die eine über Jahre instabile O-Line massiv verbesserten.

PFF sieht die Line um…

LT Anthony Castonzo
LG Quenton Nelson
C Ryan Kelly
RG Mark Glowinski
RT Braden Smith

…als die #5 der NFL. Hinter ihr hatte Luck eine der niedrigsten Pressure-Rates. Doch natürlich half die Line auch dem Laufspiel: Nach Adjusted Line Yards war es ebenso eine Top-5 Unit im Run-Blocking. So funktionierte natürlich auch das Laufspiel mit fast 42% Success-Rate angemessen, obwohl es in Leuten wie RB Marlon Mack oder Nyheim Hines keine bekannten Leute gibt.

Man könnte an dieser Stelle auch noch einmal den Headcoach einschieben, denn dass das Laufspiel so erfolgreich war, liegt nicht nur an der Offense Line und dem Scrambling Lucks, sondern auch am Einsatzgebiet:

  • Erhöhte Run-Rate in short yardage Situationen
  • Extrem viel Rushing aus 11-Personnel: 67% der Runs kamen aus 3-WR Formationen und damit gegen seichte Boxen

Doch freilich bleibt der Treiber für Offensiv-Erfolg das Passspiel – und hier sollten die Colts dank Lucks Genesung exzellent aufgestellt sein. Wichtigster Mann ist WR T.Y. Hilton, dessen Gesundung man letztes Jahr als zweiten wesentlichen Grund für die Explosion ab Mitte Oktober ausfindig machte. Hilton ist die klare #1 im System, und er hatte letztes Jahr nicht bloß 140 Targets, sondern auch fast 60% Success-Rate.

Für 2019 gibt es neben der Rückkehr von TE Doyle zwei wesentliche Neuzugänge von außen: WR Funchess und Slot-WR Campbell. Funchess dürfte mit 10 Mio/Jahr als #2 hinter Hilton eingeplant sein und wohl als physische Präsenz eingeplant sein. Campbell ist aufregender: Er war am College bei Ohio State kein Mann mit unglaublichen Zahlen, aber er wurde in vielen verschiedenen Situationen eingesetzt und ist eine Art „Matchup-Waffe“, über die man in Zeiten wie den unseren so häufig spricht.

Defense

Doch die meisten Investitionen hat man in die Defense getätigt. Die war letztes Jahr als #10 nach DVOA die große positive Überraschung. Viel „Credit“ bekamen der neue DefCoord Matt Eberflus und dessen von der Tampa-2 Defense inspiriertes, simples Abwehrsystem, in dem die zahlreichen schnellen Colts-Verteidiger ihre Stärken ausspielen konnten.

Für 2019 kann man hinsichtlich Effizienz sogar noch mit einer Steigerung rechnen, denn auch wenn der Schedule wesentlich schwieriger wird: Sieben der ersten acht Draftpicks wurden in die Defense investiert, DE Houston aus Kansas City geholt – und vielleicht am wichtigsten: Mit LB Darius Leonard und den beiden Defensive Ends Turay & Lewis gehen drei 2nd Rounder aus dem Draft 2018 in ihre zweite Saison. Das ist normalerweise die Spielzeit, in der Jungprofis sich zum ersten Mal wirklich in der NFL zurecht finden.

LB Leonard war schon als Rookie eine Augenweide und wurde nicht zu Unrecht zum Defensiv-Rookie des Jahres gewählt. Leonard wird flankiert von FS Malik Hooker sowie einem massiv verstärkten Pass-Rush, wo nun Houston/Jabaal Sheard den Stamm-Edgerush geben können, und Leute wie Turay und Lewis als Ergänzungsspieler für die Frische der Starter sorgen können.

Die wichtigsten Rookies sind CB Ya-Sin, LB Banogo, LB Okereke und die beiden 4th-Round Safetys Willis und Tell. Die meisten von ihnen erfüllen ein leicht erkennbares Beuteschema: Überdurchschnittlich groß und überdurchschnittlich schnell für ihre Positionen. Vor allem der imposante Ya-Sin könnte in einem Cornerback-Corps bestehend aus Desir, Moore und Quincy Wilson schneller als man denkt Spielzeit sehen.

Ausblick

Die Colts sind damit insgesamt hervorragend aufgestellt um die AFC South zu gewinnen. Doch wenn man sich durch das Internet klickt, dann sehen viele die Colts bereits als mehr als bloßen Divisionsfavoriten: „Super Bowl“ ist ein oft genanntes Ziel. Gerade diesbezüglich wäre ich für 2019 noch skeptisch.

Die Colts würde ich noch deutlich unterhalb von Patriots, Chiefs und Chargers einordnen. Ich würde sie wahrscheinlich auch maximal auf Augenhöhe mit Steelers, Ravens und Browns verorten. Für mich ist Indy vor allem deshalb Divisionsfavorit, weil die Konkurrenz in der AFC South zu schwach ist.

Doch wenn wir uns Lucks Qualitäten vor Augen führen und uns ansehen, mit wie vielen exzellenten jungen Talenten der Kader in den letzten beiden Offseasons aufgebolstert wurde, so fällt es äußerst schwer, sich die Colts 2020 bis 2022 nicht als AFC-Top Contender auszumalen.

Das Gerüst steht also. Alles andere als der Gewinn der AFC South wäre als Enttäuschung zu werten. Doch viel mehr als 10-6 oder 11-5 würde ich per Definition nicht erwarten – dafür ist die Tiefe um das Gerüst herum noch nicht komplett genug.

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4 Kommentare zu “Indianapolis Colts in der Sezierstunde

  1. Vorneweg: gute Analyse der Colts
    GM Ballard, der alte High-school QB, ist quasi der „Rookie of the last years -GM“.

    Zum Ausblick:
    Obwohl Vegas die Colts als Divisionsfavoriten handelt, ist diese Division von den Odds noch am dichtesten zusammen (vgl. restliche Divisionen).

    Die Schedule der Colts ist knackig, realistisch sind 10 bis 11 Wins durchaus.
    Bei 10-6 könnte es jedoch schon eng werden mit dem Divisionssieg für die Colts.
    Den Texans traue ich trotz harter Schedule auch 10 Wins zu, Jaguars für mich das Team mit den größten Chancen von allen „worst-to-first“-Kandidaten (Foles+progression). Die Titans fallen ein bißchen ab, einzige Hoffnung wäre der beflügelnde Konkurrenzkampf Mariota/Tannehill mit Durchbruch Mariota.
    Daher sehe ich es nicht als Entäuschung an, wenn „nur“ eine Wildcard für die Colts herausspringt. Der Favoritenstatus der Colts geht in Ordnung.
    Eine Valuebet sind die Jaguars in der AFC South.

  2. Ich hege erhöhtes Misstrauen gegen die Texans, deren Defense letztes Jahr einen noch absurderen Spielplan als Indianapolis spielen durfte, und dabei nicht wirklich überzeugen konnte.

    Ich hege auch erhöhtes Misstrauen gegen Mariota, dessen Durchbruch mittlerweile eher eine Überraschung wäre, und gegen den Offensiv-Trainerstab der Titans.

    Ich hege auch hohes Misstrauen gegenüber dem Jaguars-Plan, mit einem QB Foles ein gigantisches Upgrade gegenüber Blake Bortles bekommen zu haben. Wenn die Jags-Defense nicht à la 2017 dominiert, wird das eine lange Saison für Jacksonville. Die Divisionskonkurrenz ist deutlich besser als 2017.

    „Selbstläufer“ ist vielleicht zu krass, wenn man über die Colts-Chancen in der AFC South 2019 spricht. Aber ich würde sie als klaren Favoriten sehen.

  3. Pingback: QB Andrew Luck tritt zurück | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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