Notizblock Wild Card Playoffs 2019

Das Wild Card Weekend 2019 im Notizblock. Wie immer dabei im Fokus: die Verlierer. Über die Sieger reden wir ab morgen dann wieder. Leider Schwerpunkt hier: schlechtes In-Game Management. Buffalo macht den Sack nicht zu, Belichick traut seiner Offense nichts zu, Zimmers Prevent-Everything wird rausgeboxt von Paytons Auszeiten-Prävention.

Anderer Schwerpunkt: Quarterbacks. Das Wochenende endete mit einem Ersatz-Quarterback, der auf sehr kämpferische und sympathische Weise alles gegeben hat, es war aber leider zu wenig. Es begann mit einem Quarterback, der vom Wahnsinn besessen alles gegeben hat, bei ihm war es aber zu viel von allem.

Bills 19, Texans 22 (OT)

Josh “YOLO” Allen. Was ist denn bei ihm kaputt?! Der reine Wahnsinn, was die Loose Cannon aus Buffalo zum Playoff-Auftakt abgeliefert hat. Jeder hatte den traditionellen Playoff-Auftakt in Houston vorher als Langweiler abgeschrieben, bis Allen so steil aus der Kurve geschossen kam, daß es zu spät zum Anschnallen war.

Die wilde Fahrt ging los mit einem wundervollen designten Drive, den Allen erst als Bulldozer vorantrug, bevor er spektakulär einen Touchdown fängt. Insgesamt rumpelte er sich für 92 Yards durch die Gegend und hatte das Glück der Kinder und Betrunkenen, daß ihm ein Fumble und zwei Interceptions um Millimeter erspart blieben.

Aufgeputscht durch dieses Glück spielte er dann erst so richtig vogelwild, daß es zu viele Plays waren, als daß man sie hier aufzählen könnte. Hier nur die Top-3:

3. Allen versucht bei einem Lauf, über einen Verteidiger zu springen – als 110kg schwerer Quarterback. Man findet dafür auf die Schnelle leider keine Videos, weil es in den Replays nur um den Blindside Block ging. Dafür hier eine frühere Version:

2. Allen mit der Mutter aller Laterals:

1. Allen wirft in der Verlängerung einen 50-Yard-Paß auf einen Fullback in Doppeldeckung. Mehr YOLO geht nicht:

Die wildesten Plays von Allen hier im Bewegtbild [LINK].  (Hurdle-Play da übrigens als Header Image.)

Ansonsten: Buffalo dominiert den irritierten DeShaun Watson in Hälfte eins, kann aber gegen die schwache Defense der Texans den Sack nicht zu machen und führt zu knapp 13-0 zur Halbzeit. Dann erwacht Watson in Hälfte Zwo und gewinnt das Spiel ganz alleine in bester Houdini-Wilson-Manier. YOLO-Allen und Freestyle-Watson machen das zu einem Instant Classic der besonderen Art.

Titans 14 20 @ Patriots 13

Speaking of Zu-Knappe-Führung: bei 10-7 haben die Patriots ein 1st&Goal an der 1-Yard-Linie. Drei Läufe später läßt Bill Belichick ein Field Goal kicken. Meine Fresse.

Bis dahin New Englands Angriff richtig patent. Pats mit coolen tendency breakers. Laufen mit James White und passen zu Sony Michel – und Michel fängt sogar! Pats-O sehr vielfältig, 12, 21, Empty Sets, Pony Package, Flea Flicker und Lauf Fullback Roberts – nicht alles funktioniert, aber doch ziemlich vieles. Offensive Line der Pats sehr dominant – bis zum Goal Line Stand. Dabei Rashaan Evans allerdings auch mit zwei grandiosen Stops. Ironischerweise mit der Rückennumer 54, mit der Dont’a Hightower so viele entscheidende Stops in den letzten Playoff-Jahren gemacht hat.

Jetzt heulen alle wieder rum, wie fürchterlich diese Offense war – aber sie hat in Halbzeit Eins 222 Yards abgerissen. In der zweiten dagegen nur noch 85. Es waren immer früh in den Drives sehr kostspielige individuelle Fehler: die Penalty von Mason, der Drop von Edelman, Drop von Harry. Keine Frage: diese Offense ist recht dünn besetzt bei den Paßempfängern. Aber hier hätte auch das reichen müssen für einen Sieg.

Was Belichick geritten hat, nach den beiden kurzen Field Goals in Hälfte Eins später auch noch ein 4th&3 in Tennessees Hälfte und einen 4th&4 3:10 Minuten vor Schluß nicht auszuspielen, weiß nur er selbst. Vier Mal Angsthasenfootball.

Oder sagt uns das etwas darüber, wie Belly über Brady denkt? Heißt das: ich traue es dir nicht mehr zu, old sport, sorry. Über Bradys Zukunft wird noch sehr viel Tinte vergossen werden in den nächsten Wochen. Sogar Step Dad Robert Kraft bereitet schon langsam die Tonlage vor für einen Abschied. Das können wir im Frühling aufgreifen. Bis dahin können wir uns noch über Belichick aufregen. Wahrscheinlich kann er seine Offense besser einschätzen als wir und im Football gilt immer: im Zweifel für den Belichick. Aber das war so weit vorbei an guter Entscheidungsfindung, daß Patriots-Fan hier erstmal bockig auf den Übervater ist.

Klar: Defense super, nur 14 Punkte zugelassen, Shutout in Hälfte zwei. Tannehill mit nur 8 Completions für 72 Yards. Und ja klar: Derrick Henry schon beeindruckend mit 182 Yards bei 34 Läufen. Und schon klar: da waren auch wichtige 1st Downs dabei. Aber zwei Scores in einem Playoffspiel sind nun wahrlich kein Argument für die Wichtigkeit des Laufspiels.

Vikings 26 @ Saints 20 (OT)

Seit ihrem Super-Bowl-Sieg 2009 haben die Saints eine Bilanz von 3 Siegen und 6 Niederlagen in den Playoffs. Und fast alle Niederlagen waren Spiele, an die man sich heute noch erinnert.

  • 2010: The Beast Quake
  • 2011: Der San Francisco Shoot Out
  • 2017: The Minnesota Miracle
  • 2018: Pass Interference

Zwischen 2011 und 2017 liegen vier Spielzeiten mit 7-9-record und eine Playoff-Niederlage 2013 in Seattle, über die korsakoff damals folgendes schrieb:

Über Sean Payton wird zu reden sein: Payton hatte 3 Timeouts in der zweiten Halbzeit. Er (bzw. Brees) brauchten sie für zwei Offense-Snaps und eine verlorene Challenge. Und weiter: Zwar wurden richtigerweise zwei 4th-Downs in Mittelfeld- bzw. entfernter FG-Reichweite ausgespielt, aber dann, 4min vor Ende, ein Fieldgoal-Versuch aus 49yds in den Wind? Really? Warum schaltet man da nicht schon im dritten Down gedanklich in einen four down-Modus

Am Sonntag hat Sean Payton nun mit seinem Timeout-Management den Vogel abgeschossen. Im Schlußviertel verschenkt er erst eine Auszeit und mehr als 40 Sekunden vor der 2-Min-Warning. Nur um dann die andere Auszeit so lange zu behalten, bis nur noch Zeit für einen Field-Goal-Versuch ist. Bizarr.

Drew Brees sah zeitweise aus wie immer. Vor allem im vierten Viertel, als der den 10-Punkte-Rückstand aufgeholt hat. Allerdings auch mit Interception kurz vor der Pause, nach dem die Vikes nur 45 Yards zum Touchdown benötigten; und vor allem dem bösen Fumble sieben Minuten vor Schluß, nachdem das Schweizer Taschenmesser Taysom Hill einige aufregende Läufe hatte.

Überhaupt hätte diese Wild-Card-Ausgabe als “Das Taysom-Hill-Spiel” in Erinnerung bleiben können. Hill hatte allein in diesem Drive drei Touches für 35 Yards. Insgesamt für 50 Yards gelaufen, für 50 Yards gepaßt und auch noch einen Touchdown gefangen.

Aber so erinnert man sich eher an Danielle Hunter und Everson Griffen, die die beiden Pro-Bowl-Tackles Terron Armstead und Ryan Ramczyk schlechter haben aussehen lassen als jede andere Defense in dieser Saison. Und auch an Kirk Cousins: sehr solide seinen Stiefel runtergespielt, grandioser Game Winner zu Adam Thielen in der Verlängerung. Er hat seinen einmal mehr zu konservativen Head Coach gerettet (40 Carries für 136 Yards). Dieser allerdings andererseits mit scheinbar gutem Plan gegen Alvin Kamara (15 Touches, 55 Yards).

Seahawks 17 @ Eagles 9

A propos konservativ: in Seattle haben die Running Backs nur 17 Carries bekommen – für 19 Yards. Und als Seattle das Spiel bei 8-Punkte-Führung mit einer Conversion von 3rd&10 1:47 Minuten vor Schluß gewinnen kann, wird nicht etwas gelaufen, sondern ein tiefer Paß zu Rookie D.K. Metcalf angesagt? Ist das wirklich passiert, Herr Schottenheimer? Not bad. Russel Wilson natürlich perfekt und Metcalf fängt seinen siebten Ball für 160 Yards.

Story of the Game leider Carson Wentz. So bitter. Zum dritten Mal in den Playoffs, zum dritten Mal von einer Verletzung gestoppt, wenn auch dieses Mal erst kurz nach Anpfiff.

Die Verletzung war symptomatisch für die Eagles 2019, die hier sowieso schon nur mit der Practice Squad im sogenannten “Injury Bowl” angetreten sind. Doug Pederson muß wirklich ein hervorragender Coach sein. Wenn es jetzt um die Coaching Hires geht, steht meisten im Vordergrund, welcher Kandidat welches tolle Scheme mitbringt. Dabei sollte jede Mannschaft versuchen, jemanden zu finden, der eine Mannschaft unter Widrigkeiten zusammenhalten, motivieren und das beste aus jedem einzelnen Spieler rausholen kann. Jemanden wie Pederson, John Harbaugh, Mike Tomlin oder auch Ron Rivera. Jemanden, dem seine Spieler hinterhertrauern, wenn er nicht mehr da ist.

Stark, wie Philadelphia mit diesem Rumpfteam um Josh McCown den Ball bewegen konnte. Wie ein erschöpfter Marathonläufer auf den letzten Kilometern: nicht schön, nur durch Willen, aber irgendwie geht es immer noch weiter. Der Gegner leider mit richtigen Laufschuhen statt barfuß wie man selbst. Großen Respekt an Josh McCown, 40 Jahre alt, der schon zurückgetreten war und als ESPN-Analyst und High School Coach gearbeitet hat. Erwähnenswert hier auf jeden Fall noch Fletcher Cox, der Seattles Center und Right Guard schwindelig gespielt hat.


Drei der vier Verlierer-Quarterbacks sind über 40 Jahre. Der vierte Quarterback ist ein Wahnsinniger. Nächste Woche dann Quarterbacks, der positiven Wahnsinnsseite: Mahomes, Jackson und Rodgers. Rodgers dann übrigens auch der älteste Quaterback mit 36 Jahren. Es folgt: das schönste Wochenende des Jahres.

DAZN

Wer kommentiert die Divisionals eigentlich bei DAZN? Ich habe am Samstag das Bills-Spiel und Sonntag das Vikings-Spiel nicht mit „Hi I’m Joe and that’s Troy“ und dem lächerlichen „Booger“ gesehen. Zumindest bei Booger wäre man sogar dümmer rausgekommen, als man reingegangen ist:

The Bills trailed 19-16 (after blowing a 16-0 lead), and faced a 3rd-and-10 at the Houston 29-yard line with 15 seconds remaining (and no timeouts remaining). Booger suggested that the Bills “run a quick draw play, get a few yards, spike it.”

[Quelle] Häh? Das Ziel soll also Turnover on Downs sein?!? Naja. Stattdessen habe ich glücklicherweise nochmal die Legende Günther Zapf gehört. Zapf kommentiert auch Football 2020 noch mit diesem fantastischen 90er-Jahre-American-Sports-Spirit. Es hätte mich nicht gewundert, wenn YOLO Allen nur für Zapf auf’s dritte Ringseil gestiegen und zu einem Tombstone Piledriver angesetzt hätte. Zapf verbindet diesen mitreßenden Stil dann aber auch gekonnt mit seinem Fachwissen, daß er in bald 30 Jahren (?) Football-Kommentierungs-Erfahrung angesammelt hat.

Ebenso gut auch Adrian Franke von SPOX und Florian Berrenberg als Color Commentators. Franke steckt wohl tiefer im Tape als jeder andere deutsche Football-Beobachter und bringt das gut in das schwierige Live-Kommentierungsformat ein; und Berrenberg bringt als Ex-Spieler und Coach viele Technik-Insights mit, die den Zuschauer klüger machen statt ihn zu verboogern.

Darum hier auch nochmal die große Bitte an DAZN, die Werbung in den Aufzeichnungen rauszuschneiden! Bitte. Während der regulären Saison schaue ich die Primetime Games nicht nachts live, sondern am nächsten Tag in der Aufzeichnung. Und dafür ist die ungeschnittene Live-Aufzeichnung wegen des ständigen Spulens leider völlig ungeeignet. Aber dafür nächste Woche nochmal live, freue ich mich drauf.

11 Kommentare zu “Notizblock Wild Card Playoffs 2019

  1. Es war das beste Wildcard Wochenende seit Jahren das uns Zuschauern geboten wurde als sportliche Unterhaltung.
    Wer als Coach und Spieler direkt beteiligt ist, der ist rund 4 Stunden in seinem eigenen Tunnelblick gefangen und die kleinen Nuancen sind dann eben die Storys die für den Gesprächsstoff sorgen.
    Vergessen wir eines nicht – Brot und Spiele wurden nahezu perfektioniert und generiert Milliarden an Dollars. Nicht mehr nicht weniger – den aktiv Beteiligten sei es gegönnt als Schmerzensgeld.

  2. Ich erinnere mich, dass bei einigen NFL Teams Assistenten angestellt sind oder waren, deren Aufgabe ua. ist, den HC in Sachen Timeout-Management zu unterstützen.
    Das wäre doch was für die Saints nächstes Jahr.

    Zum Thema „Kommentierung“ : ich empfinde die Kommentierung von Zapf & Co. auf DAZN als deutlich entspannter als auf P7maxx. Dort muss ich ab und an den Ton runterdrehen, da ich das Hyperventilieren aller Beteiligten nicht lange ertragen kann.
    Aber das ist natürlich Geschmackssache.

  3. Ich find pro7 macht’s super ich schaue es in HD einfach bombige Qualität, auf dazn muss man immer mit ständigen rukel Bilder aushalten.

  4. Ich finde es schön, dass das Ergebnis von Titans @ Patriots um den Pick Six von Brady bereinigt wurde – Absicht? 😉
    Auch sonst, entsprechend den Spielen, ein launiger Artikel.

  5. @Jogi: Die Bildqualität von Pro7 ist nicht der springende Punkt. Carsten stört (wie mich auch) eher die Kommentierung. Ich würde das gern ergänzen um den geringen Anteil von Footballrelevantem am Gesamtkommentar. (Letztens hab ich kurz reingeschaltet und das Thema war Esumes Jogginghose; da hab ich direkt wieder ausgeschaltet.)

    Zum Thema Brady/Belichick: Vor der Halbzeit gegen Miami (das Spiel davor) hatten die Pats zurückliegend gut anderthalb Minuten zur Pause, Timeouts und Ballbesitz. Belichick hat zwei Run-plays gecallt und die Uhr auslaufen lassen. Er wollte Brady ganz offensichtlich nicht werfen lassen.
    Ich hoffe, Brady wird wieder. Legende.

  6. Ach na ja sie reden nicht die ganze Zeit über esumes Jogginghose ansonsten find ich die Kommantoren sehr unterhaltsam.

  7. Pingback: NFL-Power Ranking 2019 nach dem Wildcard-Weekend | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  8. „Zapf kommentiert auch Football 2020 noch mit diesem fantastischen 90er-Jahre-American-Sports-Spirit. Es hätte mich nicht gewundert, wenn YOLO Allen nur für Zapf auf’s dritte Ringseil gestiegen und zu einem Tombstone Piledriver angesetzt hätte.“

    Herrlich! Ich schmunzle immer noch. Vor allem weil er das, wie du im folgenden Satz schreibst, mit Kompetenz verbindet.

  9. @Öwi:
    Danke für den Hinweis! Das war keine Absicht. Ich hatte zu dem Zeitpunkt nur mein selbstgeführtes Drive Sheet schon angezündet und weggeworfen….

  10. Pingback: 2020/21 Wild Card Playoffs | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  11. Pingback: 2020 Wild Card Preview: Colts @ Bills | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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