All-32: Detroit Lions 2021 Vorschau

Die Detroit Lions sind die Spielwiese von „Motor City“ Dan Campbell.

Der neue Headcoach hält in den bisherigen sieben Monaten an vorderster Front was er versprochen hatte: Sprüchefeuerwerk, Fokus auf Physis, Zerschlagung aller Hoffnungen auf moderne Ansätze.

Ich gebe es ungeniert zu: Meine Hoffnung bei Campbell ist, dass wir bei Headcoaches im Voraus eh nichts wissen. Dass ich daneben liege, wie bei Jim Schwartz, der alles brachte außer die Analytics-Ansätze, die man von ihm erwartet hatte. Wie bei Jim Caldwell, der biederstmöglichen Einstellung, dessen drei positive Bilanzen in vier Jahren Detroit einem Kunststück gleichkommen.

Und wie bei Matt Patrica, dem lebendigen Beweis, dass Intelligenz nix bringt, wenn man als Arschloch durch die Firma rennt.

Campbell ist kein Intellektueller, denn so einen hätte man im rustikalen Michigan eh nicht vermitteln können. Campbell war nie permanenter Headcoach in der NFL, nie im College – er war noch nichtmal Coordinator. Seine ganze Berufserfahrung auf dem NFL fußt auf einer Dreiviertelsaison als interimistischer Chefcoach nach der Entlassung von Joe Philbin vor ein paar Jahren in Miami.

Campbells lauter, bräsiger Stil ist eine willkommene Abwechslung zu all der stinkigen Tristesse unter dem unzugänglichen Patrica.

Und Campbell hat in den sieben Monaten geschafft, was all die Coaches vor ihm in Detroit nicht geschafft haben: Gute Stimmung zu verbreiten. Campbell versprüht einen Optimismus, der aus einem Cheesesteak eine genießbare Angelegenheit macht – aber wird er auch nachlegen und Cheeseheads zum Frühstück verspeisen?

Call me skeptical. Campbell ist wie der vernünftiger auftretende GM Brad Holmes für sechs Jahre an die Lions gebunden. Das können sehr lange Jahre werden.

  • Bilanz 2020: 5-11
  • Pythagorean: 4.8 Siege (#30)
  • Close Games: 4-4
  • Offense EPA/Play: +0.01 (#20)
  • Defense EPA/Play: +0.21 (#32)
  • Turnovers: -9
  • Fumble Luck: 30% (#32)
  • Adjusted Games Lost: #17 (OFF #12, DEF #22)

Immerhin: Campbells Trainerstab dürfte besseren Zugang zu den Spielern haben. Da sind etliche Ehemalige mit dabei – QB Coach Mark Brunell, WR Coach Antwan Randle El, RB Coach Duce Staley oder der sehr hoch gehandelte DefCoord Aaron Glenn.

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich von Glenn mehr erwarte als von Campbell selbst. Aber da sind wir auch schon wieder zurücl beim Thema: Manchmal musst du kein großer Fachidiot sein. Manchmal reicht es, Leute zu managen und einen positiven Fokus zu behalten. Wenn Campbell das gelingt, wird es vielleicht nicht so schlimm.

Und manchmal reicht es, den richtigen Quarterback zu draften. Zumindest darauf haben die Lions in dieser ersten Offseason „post Stafford“ verzichtet. Stattdessen baut man die Mannschaft erstmal über die „Trenches“: In der 1ten Runde wurde ein Offensive Tackle gedraftet, danach zwei Defensive Tackles. Center Ragnow bekam einen Rekordvertrag, auch Passrusher Romeo Okwara wurde teuer gehalten.

Dafür hat man zwei 1st Rounder und QB-Statthalter Jared Goff für Stafford kassiert. Eines der Ziele für 2021 könnte also lauten, nicht nur mit der unseligen Patricia-Ära zu brechen, sondern gleich mal organisiert einen der schlechtesten Records einzufahren um 2022 besagten Franchise-QB draften zu können.

Offense

Allzu viel zu ist nicht zu erwarten. Goff brillierte in den ersten eineinhalb Jahren im System von Sean McVay bei den Rams, aber die Erzählung über ihn geht in etwa so, dass er ohne exzellente Offensive Line, ohne dominantes Laufspiel und ohne hochklassige Receiver als Kaiser ohne Kleider enttarnt wurde. Goff war den Rams so sehr ein Dorn im Auge, dass sie über 30 Mio. Dead-Cap und zwei 1st Rounder aufgaben um ihn loszuwerden.

Der schlechteste Starting-QB der NFL wird Goff nicht sein. Aber als langfristige Option auf ihn zu bauen, würde Stand heute eine jede Fanbase vergraulen.

Die Line ist die Stärke der Offense. LT Taylor Decker hat sich zu einem überdurchschnittlichen Starter entwickelt, Rookie-RT Penei Sewell gilt als epischer Prospect. Center Ragnow ist einer der besten, LG Jonah Jackson zeigte als Rookie vernünftige Ansätze.

Die größten Schwachpunkte sind RG Vaitai, von dessen Vertrag man sich dank Dead-Cap nicht so leicht trennen kann, und die Kaderbreite.

Performt die Line auf erwartbarem Niveau, ist das etwaig gut genug für Goff um ein paar Spiele zu gewinnen, denn so tief unten PFF den Corps rankt (an #31), so gibt es doch etwas Potenzial.

Die WRs Perriman (6’2) und Tyrell Williams (6’4) sind bzw. spielen wie Türme. Beide haben über 16 Yards/Catch über ihre Karriere gefangen – oder anders: Sie gehen tief. Ihre Karrieren verliefen beide äußerst inkonstant, aber ein bis zwei gute Jahre sind beiden schon ausgekommen.

TE T.J. Hockenson hat sich auch zu einem der besseren in der Liga gemausert, WR3 Geronimo Allison ist eine passable #3, der deutschstämmige Rookie Amon-Ra St. Brown vielleicht eine Option als #4 oder #5.

Ich kann mir Szenarien ausmalen, in denen diese Passing-Offense „zu gut“ spielt um eine Chance auf den #1 Pick zu haben.

Aber da gibt es ja noch den anderen, den laut propagierten, Teil der Offense: Das Laufspiel. OffCoord Anthony Lynn gilt wie Campbell als Run-Fetischist, Detroit hat die O-Line und zahllose Investments in die Runningback-Position (D’Andre Swift, my ass) getätigt, die man jetzt mit Carries füttern kann.

Ich verachte Lynn nicht so stark wie einige in der Analytics-Community, weil er durchaus in seiner Karriere auch Adaptivität gezeigt hat (QBs u.a. Tyrod Taylor, Rivers, Herbert). Aber wenn man auf einen QB 2022 spekuliert, darf man gerne Daumen drücken, dass Lynn es diese eine mal noch mit dem Pounden übertreibt.

Defense

Vielleicht „muss“ die Offense ja gar nicht abstinken, denn auch die Defense wird so schnell noch keinen Anschluss an die NFL-Spitze finden.

Dabei gibt es zwar durchaus Grund, an DefCoord Glenn zu glauben. Er sagt die richtigen Dinge, und macht die richtigen Dinge und er bringt sie offenbar gut an den Mann. Eine Abkehr von Patricias einfach zu lesender Man-Coverage ist Pflicht, aber darüber hinaus muss Glenn die eher speziellen, vom Vorgänger-Regime geholten Spieler erstmal vernünftig einbauen.

Ein bisschen Talent zum Arbeiten wäre durchaus da. In der Secondary gilt der erst letztes Jahr mit Pauken und Trompeten gedraftete CB Jeff Okudah als zu rettendes Prospect; Okudah war als Rookie besonders stark vom „Patricia-Symptom“ betroffen und wirkte auf einem NFL-Feld deplatziert.

Auch Jungspunde wie CB Amari Oruwariye oder S Melinfonwu gelten als mögliche Anker für das Defensive Backfield von 2023.

Vorne gilt es, die Passrusher Okwara und Trey Flowers besser in Szene zu setzen. Fast sicher, dass sie seltener „2 gappen“ müssen, dafür häufiger in „two stance“ Rush gebracht werden. Auf Tackle sollte man solide gegen den Run besetzt sein mit Michael Brockers und den beiden Rookies Alim McNeill und Levi Onwuzurike.

Aber in Summe sprechen sowohl die geringe Kadertiefe, der erneute Systemwechsel und der noch nicht vollzogene Umbruch dagegen, dass diese Defense Wunderwerke aufführen wird.

Ausblick

Aber das muss ja auch nicht sein. Denn 2021 ist nur Durchlaufstation.

Es gibt aber durchaus Lehren, die wir aus dieser ersten Saison ziehen können. Wie wird das strategische Gameplanning nach all dem Getöse in den Pressekonferenzen effektiv aussehen? Welche Spieler sind zukunftsfähig? Wird der Fokus wirklich so stark auf dem Laufspiel liegen wie befürchtet?

Tendenziell ist dies eine der Spielzeiten, in denen ich wirklich kein Problem mit „Tanking“ meiner Mannschaft hätte, denn zu wichtig ist die „echte“ QB-Lösung. Aber irgendwo befürchte ich, dass die Saison einen Tacken „zu gut“ dafür sein wird. Dass Goff und Co. den einen oder anderen Tag haben werden, dass die Defense mehr als die gewohnten Handvoll Turnover über die ganze Saison machen wird.

Und dass wir in einem Jahr an dieser Stelle den Namen des künftigen QBs noch nicht kennen.

6 Kommentare zu “All-32: Detroit Lions 2021 Vorschau

  1. Ich würde mich wohler fühlen, wenn es hauptsächlich Goff allein ist, der dafür sorgt, dass die Offense der Lions abstinkt, als das Playcalling/Scheme von Lynn. Außerhalb von Hock und evtl. Swift gibt es halt wenig worauf man positiv im Receiving Corps schauen kann. St Brown wird als ruhig schon Chancen bekommen, aber Perriman und Williams sind halt (neben den Pats vllt) das schlechteste Paar Outside Receiver der Liga. Würde mir wünschen, Cephus mehr zu sehen, fand den nicht so verkehrt dun sehe den auch deutlich vor Allison.

    Defensiv bin ich optimistisch, dass man zumindest aus dem absoluten Keller herauskommt. Allzu weit nach oben glaube ich aber nicht,

    Hast du Stand jetzt schon QB-Kandidaten für den nächsten Draft?

  2. Ich sehe nicht viele Teams, die unter Detroit landen. Houston vielleicht. Alle anderen Kandidaten brauchen schon außergewöhnliches Verletzungspech.

    Nicht zu vergessen, daß Goff immer als McVay Sproß galt und ohne ihn ja gar nicht NFL tauglich sein kann 😉

    Sehe eher, daß bei den Lions alles gut gehen muss damit es NICHT ein Top 3 Pick wird. Selbst im Worst Case hat man noch den Stafford 1st zum Uptrade.

    Ist die QB Klasse überhaupt gut?

  3. Re: QB-Klasse 2022

    Die Klasse kriegt eher lauwarmen Hype.

    #1 soll Spencer Rattler von Oklahoma sein, ein QB vom Schlag Fitzpatrick/College-Mahomes: Playmaking galore, aber oft zu sehr auf der Suche nach dem Big Play, und vergessend auf die einfachen Dinger.

    Rattler takes the trend of playmaking, outside-the-pocket
    quarterback play to its endgame. He relies on those second-reaction plays to a fault at times, but that’s because he’s so good at them. He has the kind of tools that can open up a full playbook and simply has to get more consistent playing within rhythm.

    Rattler gilt vielerorts als potenzieller #1 overall.

    #2 ist bei den meisten Sam Howell von UNC. Er ist eher „Typ Mayfield“. Ich habe schon Analysten gesehen, die ihn nicht als 1st Round Material sehen.

    #3 ist bei vielen der Freak Malik Willis vom Liberty College. Er ist mehr Athlet/Runner als Passer. Sein Arm ist fett, aber nicht präzise.

    #4 ist Kedon Slovis von UNC. Ein präziser Pocket-Passer, aber nicht den schärften Arm vor dem Herrn.

    Ansonsten: JT Daniels von Georgia, Carson Strong von Nevada, Matt Corrall von Ole Miss – alles QBs mit bis jetzt eher mittelmäßigem „Exitement Level“.

    Aber in den letzten Jahren hatten wir immer wieder die QBs, die aus dem Nichts nach oben geschossen sind: Trubisky, Burrow, Zach Wilson, Mac Jones. Vielleicht gibt es auch diesmal einen von ihnen.

  4. Pingback: Wort zum Sonntag | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  5. Wow Sewell schaut gegen Pittsburgh aber mal so richtig verloren aus.

    Während Justin Fields die Preseason rockt. Lions Fans ist aber auch gar nichts vergönnt.

    #PreseasonTakes

  6. Pingback: Es geht los! Heute beginnt die NFL-Saison 2021/22 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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