Vorher / nachher

Natürlich würde ich gerne behaupten, dass ich Mahomes schon immer als #1 hatte. Doch weil schreibe, protokolliere ich. Und weil ich protokolliere, lässt sich Einschätzung mit Eingetroffenem recht gut miteinander vergleichen.

Vor dem Draft ist leicht stinken. Nach dem Draft ist leicht alles gewusst zu haben. Doch lass uns mal das Vorher und Nachher miteinander vergleichen. Nehmen wir zum Beispiel den NFL Draft 2011.

Ich bin natürlich kein Scout – viel von meinem Geschriebenen im Vorfeld des Drafts setzt sich zusammen aus dem „Common Sense“, meinen Eindrücken aus dem College Football und etwas (wenig) studiertem Film-Tape.

2011 war der erste NFL-Draft, den ich auf diesem Blog schreibend begleitete. Ich wusste natürlich im Voraus, dass Cam Newton nach seinem Monsterjahr am College ein NFL-Star werden würde, dass J.J. Watt zum besten Defensivspieler unserer Zeit aufsteigen und Mikel LeShoure ein Bust werden würde.

NOT.

Lass uns kurz zurückblicken auf das, was vor dem Draft 2011 die akzeptierte Wahrheit gewesen war.

Quarterbacks

Es war lange im Vorfeld des Drafts 2011 klar gewesen, dass Cameron Newton als #1 gewählt werden würde – schon im Zuge der College-Saison hatten Kommentatoren immer wieder von „definetly 1st rounder“ über diesen famosen Spieler fabuliert. Die Fragen um Newton drehten sich eher darum, ob die Auburn-Offense überhaupt in Spurenelementen mit einer NFL-Offense vergleichbar war und welchen Charakter sich das Team, das Newton draftet, sich da ins Haus holt.

Ich habe oft über dieses Thema geschrieben – ich gebe zu, ich habe Newton früher gehasst wie die Pest. Im Preview-Eintrag der Quarterbacks vor dem Draft schrieb ich:

Über Cam Newton ist vieles gesagt und geschrieben worden. Großgewachsen wie ein Wide Receiver, athletisch wie ein verkappter Running Back, geschmeidig wie eine Katze. Ein Wurfarm, der in manchen Polizeirevieren unter die Waffenscheinpflicht fallen würde. Aber auch ein Senkrechtstarter, gekommen aus dem Nichts und völlig unerfahren in NFL-ähnlichen Spielsystemen.

In der Combine glänzte Newton durch eine Serie an Fehlwürfen und sorgte später für aufjaulende Alarmsirenen, als er seine Vision vom Helden und Werbesuperstar preisgab. Wer solches von sich gab, ist meist schnell von der Bühne „NFL“ verschwunden – sagt die Erfahrung.

Bäm. Was haben wir gelernt? Die NFL war imstande, mit Newton umzugehen. Newton, der one read von Auburn kannte, nahm die NFL an Tag 1 im Sturm, lieferte 35 Touchdowns in seiner Rookiesaison und wurde zum Offense-Rookie des Jahres – schon ein Jahr bevor RG3, Kaepernick und Russell Wilson für die Scramble/Read Option-Revolution sorgten.

Zwei Jahre nach dem verhängnisvollen Pre-Draft Assessment leistete ich bei Newton bereits Abbitte. Bis heute ist Newton einer der wichtigsten Spieler für mich geblieben: Ich hatte mich in seinem Auftreten getäuscht – und ich bin spätestens seit Newton nicht mehr der Meinung, dass es zwingend eine funktionierende Infrastruktur im Offense-Kader braucht um einen jungen QB einzuwechseln. Carolina 2010 war ein Horror. Carolina 2011 war personell keine Neuerfindung – und trotzdem war man von Tag 1 an in der Lage, den Laden um Newton herum erfolgreich neu zu bauen. Zwei Spieltage in der Saison 2011, und ich war Newtons größer Fan.


Bei Blaine Gabbert sah das Urteil schon treffender aus:

Ebenso scheinbar aus dem Nichts ist Mizzous Blaine Gabbert geschossen. Gabbert ist ein Hüne von einem Mann. Entscheidungsfreudig, aber profillos und mit seinen traurig dreinblickenden Augen stets im Halbschlaf wirkend. Aus Gabberts College-Zeit bleibt das Eli-Fieber übrig (Stichwort aufgescheuchtes Huhn unter Druck). Und Bälle, die zwei Meter links oder einskommasieben Meter rechts am Receiver vorbeisegelten. Gabbert ist IMHO ein Produkt des Medienhypes, der auflagenbedingt nach Lucks Rückzieher einen „Nachfolger“ als #1-QB aufbauen musste.

Gabbert war das typische QB-Prospect, das aus dem Nichts in die Höhen schießt. Er war überhaupt erst aufgekommen, weil Andrew Luck sich entgegen aller Erwartungen entschieden hatte, 2011 am College zu bleiben und erst 2012 in den Draft zu gehen. Also brauchte es einen Nachfolger als Newtons Konkurrenz – idealerweise einen weißen QB-Hünen. Gabbert passte wie Faust aufs Auge und Mike Mayock hatte ihn kurz vor dem Draft sogar als QB1 in seinem Board.

Ich war gelinde gesagt skeptisch gegenüber solchem Hype. In diesem Fall: Richtigerweise.


Chris Ponder? 10 Tage vor dem Draft schrieb ich noch über einen 2nd Rounder, den man für Ponder investieren würde. In den zehn Tagen bis zum Draft scheint sich einiges getan zu haben, denn Ponder ging am Ende mit dem #12 Overall Pick, für den die Minnesota Vikings sogar einen Trade anstrebten:

♦ Der Ruhige – Auf dem aufsteigenden Ast ist dagegen QB Christian Ponder von der Florida State University. Ich habe Ponder dank einer befreundeten FSU-Studentin seit Jahren etwas genauer verfolgt und muss sagen: Ich verstand nie, was man (bzw. frau) an Ponder so großartig fand. Statur und Anlagen passen, Ponder soll ein Leadertyp par excellence sein und ein helles Köpfchen, aber im Spiel selbst war Ponder nie der dominante Mann. Fand ich. Nun stand Ponder bei mir dank der Bodyguard-Geschichte auch im Ruf des Schnösels, aber mittlerweile finde ich ihn immer mehr angenehm bescheiden und bin immer mehr Fan geworden. Kandidat für die zweite Runde, der mit ein, zwei Jahren Aufbauarbeit vielleicht wirklich irgendwann mal das Franchise-Gesicht in einer quicken Kurzpass-Offense geben kann. Größtes Fragezeichen sind seine anhaltenden Schulterprobleme (Matt Stafford, anyone?).

Ponder war schnell entlarvt als one trick pony. Er bekam natürlich keine zwei Jahre Aufbauzeit. Er wurde schnell eingewechselt – und ebenso schnell war der NFL klar, dass er nicht den Arm für einen echten NFL-Starter hatte. Er bleibt damit bis heute eines der krassesten Beispiele für „overreaching“ im Draft-Prozess.

Pass Rusher

Von Miller war der #2 Pick im Draft 2011. Über ihn schrieb ich noch wenige Tage vor dem Draft folgendes:

Der meistgehypte OLB der letzten Wochen ist Von Miller von Texas A&M. Miller macht den Eindruck eines Sympathen, mit dem du als Studienkollege gerne mal einen heben gehst, scheint aus gutem Haus zu kommen und nebenan eben aus Spaß mal ein paar Stunden Football spielt. Millers Hauptproblem: Er braucht intelligentes Coaching.

Am College hat Miller fast ausschließlich den gen Quarterback stürmenden Defensive End gegeben, oder besser: OLB. Als End kommt er in der NFL nicht in Frage (viel zu leichtgewichtig mit 107kg). Miller hat die Faxen, blind in Richtung Quarterback zu stürmen und dabei zu vergessen, dass ja auch Laufspiel nicht ausgeschlossen werden kann. Mit geduldigem und kreativem Coaching kann aus Miller sicher was werden – die Frage ist, ob ein Team volles Risiko geht und schon in den Top 5 Miller herauspickt.

Miller wurde Defensive Rookie of the Year, entwickelte sich zum zweit- oder drittbesten (wenn wir Aaron Donald schon so weit nach oben schreiben wollen) Abwehrspieler unseres Jahrzehnts und gewann den Broncos mit einer MVP-Leistung eine Superbowl. Was habe ich daraus gelernt? Die erstwichtigste Eigenschaft eines Outside Linebackers ist, dass er Passrush kann. Alles weitere ist wichtig, aber vergleichsweise optional. Miller war dann schneller als gedacht ein kompletter Spieler.


Sehr prächtig war die Prognose zu J.J. Watt:

J.J. Watt von Wisconsin hat eine eindrucksvolle Rose Bowl gespielt und genießt den Bonus, ein weißer Defensive End zu sein. Die GMs wissen, was sie an Watt haben. Dafür soll das Entwicklungspotenzial beschränkt sein.

Über den letzten Satz habe ich über die Jahre lange nachgedacht. Watt und „limitiertes Entwicklungspotenzial“ schließen sich mit heutigem Wissen aus. In Folgeeinträgen beschrieb ich den Watt-Pick der Texans (wurde an #11 gedraftet) als „solide, aber blässlich“ oder „solide, aber langweilig“.

Was war daran falsch? Natürlich konnte niemand voraussehen, dass Watt zum dominantesten Verteidiger unserer Zeit werden würde. Aber es gab ein Anzeichen vor dem Draft: Er hatte sensationelle Combine-Workouts geliefert.

Ich war gerade dagegen eher skeptisch – aus Gründen: Wenige Jahre zuvor hatte mit Vernon Gholston zum wiederholten Male eines dieser Workout-Monster einen hohen 1st Rounder gekostet und als Profi nix gebracht. Ich war also von Grund auf skeptisch gegen Combine-Zahlen. Zu skeptisch? Hatte ich übersehen, welch famoser Spieler Watt am College gewesen war?

Oder hatte ich mich vor allem davon blenden lassen, dass Watt „weiß“ war und „weiß“ nicht die gewohnte Farbe für Passrusher und sensationelle Athleten war (ist)? Oder hatte Watt ganz einfach das Glück, dass er als durchaus sehr talentierter Spieler (remember: #11 Pick) vom genau richtigen Defensive Coordinator in Houston eingesetzt wurde – Wade Phillips, der ihn 1-gap 3-4 Defensive End spielen ließ? Vermutlich ist es eine Kombination aus mehreren Elementen. Schon in Watts Rookiesaison konnte man erahnen, dass er superb werden würde – u.a. getriggert von einem spektakulären Touchdown-Return in den Playoffs.

2012 war Watt dann schon das unvergleichliche Monster. Er wurde zwischen 2012 und 2015 nur deswegen nicht viermal en suite Defensive-MVP der Liga, weil die Texans 2013 auf 2-14 Bilanz abstürzten.

Runningbacks

Lustig war es auf der Runningback-Position. Ich war 2011 schon mehrere Jahre lang auf dem Trip gewesen, dass Laufspiel im Vergleich zum Passspiel recht wertlos war. Trotzdem natürlich detaillierte Profile zu allen Runningbacks. Über Mark Ingram schrieb ich: Langweilig.

Als besten Back der Klasse pries ich Mikel LeShoure von Illinois an:

Während Ingram der große Name ist, gilt Mikel LeShoure (sprich: Muuukel Luuuschour) unter Insidern als bester Running Back. LeShoure ist kein Kind von Traurigkeit – vor drei Jahren zertrümmerte er einem Teamkollegen den Kiefer, vor zwei Jahren stand er kurz vor dem Rausschmiss aus seiner Uni (Illinois). Illinois? Richtig, und somit erklären sich auch die vielen Vergleiche mit Pittsburghs Rashard Mendenhall. LeShoure ist ein ähnlich kraftvoller Läufer, einer vom Typus „gebt mir einen schnellen, wendigen Back als Abwechslung und ich mache euch 1300yds pro Saison!“ Gegen die Northwestern hat er schon mal gepflegte 330yds in einem Spiel hingelegt.

LeShoure machte keine 1000 Yards in der NFL und war so schlecht, dass ich bis heute aus meinem Gedächtnis gestrichen habe, dass er tatsächlich von den Detroit Lions gedraftet worden war! LeShoure spielte in „meinem“ Team und ich kann mich an ihn schon acht Jahre danach nicht mehr erinnern – obwohl er ein 2nd Rounder war!

Ein Grund, warum die Lions nie wirklich gut werden? Sie draften unentwegt mit höheren Picks Runningbacks: 3rd Rounder 2008 für Kevin Smith, 1st Rounder 2010 für Jahvid „Gehirnerschütterung“ Best, 2nd Rounder 2011 für LeShoure, 2nd Rounder 2015 für Ameer Abdullah, 2nd Rounder 2018 für Kerryon Johnson. Positiver Impact? Null. Der einzige brauchbare Runningback wurde dort gedraftet, wo man Runningbacks draftet: 6th Round 2013, Theo Riddick.


Bei DeMarco Murray verkannte ich 2011, dass eine College-Meisterschaft im Vergleich zur Chance, sofort Millionen zu scheffeln, nix wert ist. Ich schrieb über ihn, dass er lieber am College bleiben würde, weil seine Sooners 2011 eine realistische Titelchance hätten – nicht beachtend, dass gerade Runningbacks mit ihrer Verletzungsanfälligkeit so schnell wie möglich zu den Profis wechseln sollten:

Flexibler sollte DeMarco Murray sein, der Krokodilstränen verdrücken sollte, dass er nicht noch ein fünftes Jahr an der University od Oklahoma bleiben durfte – die Sooners gelten als h-e-i-ß-e-r Kandidat auf die BCS-Trophäe 2011/12. Der verletzungsanfällige Murray „muss“ jetzt in die NFL, gilt aber unter Scouts als reifer, ausgeglichener Spieler, der das Ingenieur-Syndrom verkörpert: Nirgends brillant, aber überall gut.

„Nirgends brillant, überall gut“ reichte um einmal Offensive Player of the Year zu werden (wenngleich wir wissen, was ich von dieser Wahl halte – oder was die NFL davon hielt: Murray bekam vom eigenen Team direkt im Anschluss keine Vertragsverlängerung). Die wichtigere Aussage: College-Spieler gehen immer schneller in die NFL – die College-Meisterschaft hat nicht den Wert, den ich ihr in jenem Eintrag beigemessen hatte.

Defensive Backs

Über Rahim Moore schrieb ich:

Der einzige höher eingeschätzte Mann ist Rahim Moore von der UCLA, der noch als etwas ungeschliffen gilt und kein guter Abwehrspieler gegen den Lauf ist. In anderen Worten: Moore wird vorerst Free Safety spielen.

Wie der Zufall es wollte, wurde Moore landesweit berühmt, weil er zwar wie prognostiziert Free Safety spielte – und das gar nicht so schlecht – aber einen Passspielzug nicht verteidigen konnte, der zu einem der ikonischen Momente der 2010er NFL-Dekade wurde (Moore ist die #26).


Unbestritten gut gegen den Pass dagegen wurde CB Patrick Peterson – über den ich vor dem Draft schrieb:

Über allen steht in der öffentlichen Meinung Lousiana States CB Patrick Peterson, in dem man nicht nur einen höchst athletischen und pfeilschnellen Deckungsspieler sieht, sondern auch eine Waffe als Returner. Peterson soll irgendwo zwischen #2 (Denver) und #7 (San Francisco) weggehen und wird von nicht wenigen als der beste Spieler des Jahrgangs angesehen, wobei mir die Herren McShay und Konsorten seit Jahren die Erklärung schuldig sind, wie man Quarterbacks mit Defensive Ends und Offensive Guards mit Cornerbacks vergleichen will, aber: Watt soll’s. Es muss ja was geschrieben werden.

Bäng. Das gehört auch dazu: Einfach mal was zu schreiben um etwas zu schreiben. Auch wenn es nach wie nicht klar ist, wie man im Vakuum ein Big-Board erstellen soll, wenn es noch nichtmal einfach ist, ein Ranking einer einzelnen Position zu erstellen – zumindest, wenn man über Wide Receiver oder Cornerbacks all ihren vielen Anforderungen schreibt.

3 Kommentare zu “Vorher / nachher

  1. Danke dir, super spannend… Manchmal hab ich es noch im Gedächtnis, wie du über einen Spieler vor dem Dragt geschrieben hast, aber oft natürlich wieder vegessen. Danke dir, viele haben Angst vor solchen Beträgen… Völlig zu unrecht!

  2. Da sollten vielleicht andere mal kurz innehalten, was sie so vorhergesagt haben *hustMelKiperhust*:
    „Jamarcus Russell’s skillset is John Elway-like“, „Richard Sherman is an average 5th round pick“ und -mein all time Favorite- „If Jimmy Clausen is not a successful quarterback in the NFL, I’m done. That’s it. I’m out.“
    Jemand sollte ihn mal daran erinnern.

  3. Pingback: Was können wir aus dem NFL-Draft 2019 ablesen – der Case Study Arizona Cardinals | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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