Frühstückseier, 4. Juli 2019: NFL-Personal am Arbeitsplatz

Offseason ist die beste Zeit um sich mit Themen zu befassen, für die man in der laufenden Saison kaum Zeit hat: Personal-Einsatz in der NFL, Personalbewertung und Vertragssituationen.

Ein Verweis auf einige interessante Football-Artikel der letzten Tage – am heutigen Independence Day wird die US-Medienlandschaft wohl etwas ruhen (mit einer großen, unten am Ende aufgezeigten Ausnahme).

Personnel Analysis

2018 Offensive Personnel Analysis (Football Outsiders) – Eine Analyse der verschiedenen Personnel-Groupings in der letzten NFL-Saison. Die Ergebnisse sind eindeutig: Die NFL ist eine 11-Personnel Liga. 11-Personnel ist mit 64% der Snaps nicht nur die Offense, die am häufigsten eingesetzt wurde, sondern sie bot auch die beste DVOA auf.

Doch es gibt einen Punkt, den diese Analyse verschweigt: Die Run/Pass Ratio in den einzelnen Personnel-Packages. Ein Beispiel kann ich anhand der Daten von Sharp Football Stats anbieten:

11 vs. 12 Personnel Offense - Pass vs Rush

11 vs. 12 Personnel Offense – Pass vs Rush

Aus 11-Personnel wird ganz einfach viel häufiger geworfen, und Passspiel ist in 11-Personnel wie in 12-Personnel nach Yards/Play bedeutend erfolgreicher als Laufspiel. Dabei legen die Daten vor allem für 12-Personnel (also 2-TE Formationen) sehr laut nahe, dass man noch mehr werfen sollte als in nur 48% der Fälle – ergo: Würden Offenses diese Ineffizienz in 12-Personnel noch besser nutzen, wäre 12-Personnel allein wegen eines optimierten Play-Callings die erfolgreichste Offensiv-Formation.

Ähnlich könnte man natürlich auch für 11-Personnel argumentieren, wenn auch dort – wie von den Zahlen vorgeschlagen – noch mehr Passspiel angesagt würde. Fazit: DVOA-Zahlen anhand der Formation allein anzubieten ist etwas mau. Man sollte nicht die Run/Pass-Ratio vergessen – nur dann kann man sinnvoll verstehen, wo wirkliche Ineffizienzen lauern.


2018 Defensive Personnel Analysis (Football Outsiders) – Der noch interessantere Artikel ist die Analyse der Defensive-Groupings, die im Gegensatz zum oft thematisierten Offensiv-Personal nur in wenigen Quellen im Netz wirklich intensiv diskutiert wird. Wenig überraschende Erkenntnis des Autors: Man müsste eigentlich heutzutage von einer FRONT SIX anstatt einer FRONT SEVEN sprechen, denn die Nickel-Defense hat die traditionelle „Base-Defense“ längst als meistgenutzte NFL-Defense abgelöst.

Wie sehr die Explosion von 11-Personnel in der Offense und Nickel-Defense in der Defense in den letzten acht Jahren Hand in Hand gingen, zeigt dieser Graph, den ich mit den Einsatz-Daten von Sports Info Solutions erstellt habe:

Defensive Personnel Groupings 2011-2018

Defensive Personnel Groupings 2011-2018

Base-Defense sprang 2018 erstmals auf unterhalb von 25% Einsatzgebiet, d.h. nur noch in einem Viertel aller Verteidigungs-Snaps wird die altbekannte 4-3 oder 3-4 aufgestellt – vor acht Jahren war das noch doppelt so oft.

Der Artikel von Football-Outsiders diskutiert u.a. einen interessanten Kniff in den DVOA-Zahlen von 2018, weil Base-Defenses bessere Werte gegen 11-Personnel einfuhren als Nickel-Defenses, was man interpretieren könnte in „dritter Linebacker ist gegen 3-WR Personal effizienter als dritter Cornerback“. Das ist nicht nur gegen die Intuition, sondern auch gegen alle sieben vorherigen Jahre.

FO sieht das als Produkt der kleinen Sample-Size (nur 1006 Snaps von Base-Defenses gegen 11-Personnel), des Survivorship-Bias (die in Base besonders schlechen Defenses spielen kaum gegen 11-Personnel), und als statistischen Ausreißer. Auf Nachfrage lieferten sie noch ein Argument gegen mein Einhaken, dass man sicherlich die Quarterbacks anschauen müsse, gegen die jene Base-Defenses spielten (bzw. spielen mussten oder durften):

Den Rest würde ich ganz einfach empfehlen zu lesen. Es ist immer gut, ein Auge auf die Entwicklung der eingesetzten Personnel-Packages zu werfen – und darauf zu schauen, wie Defenses versuchen, die Offense zu kontern.


The Case for the Zero Blitz (Football Outsiders) – Football Outsiders hat dieser Tage auch über die Qualität des Blitzing geschrieben und zeigt anhand einiger Faktoren auf, warum der „Zero Blitz“, also Blitzing in reiner Cover-0 Manndeckung, möglicherweise ein zu selten genutztes Tool einer Defense ist (nur 7% aller Blitzes sind Zero Blitzes).

Die Studie lässt aber auch Fragen offen. Zum einen gibt es keinen Blick darauf, welche Quarterbacks die Gegner waren und in welchen Situationen die einzelnen Blitzes gecallt wurden, und sie zeigt zwar EPA/Play auf, hat aber keine Turnovers in ihrer Aufstellung.

Neues Fantasy-Portal

Establish the Run – Eine Offseason mit vielen Wechseln in der Journalistenbranche. Nach Bill Connellys Wechsel von SB Nation zu ESPN gab diese Woche in Evan Silva (bislang Rotoworld) bekannt, ein neues Football-Portal zu gründen, das sich „Establish the Run“ nennt.

Silva ist ein Fantasy-Guru und einer der smartesten Analysten überhaupt (sage ich als non-Fantasy Spieler). Das Portal soll Mitte Juli aufgeschaltet werden und scheint hinter der Paywall zu stecken.

Das Line-Up an Autoren liest sich wie eine All-Star Auswahl: Pat Thorman, Andrew Wiggins, Adam Levitan, Tyler Coby und der unglaubliche Josh Hermsmeyer:

Hermsmeyers Analytics-Sichtweisen hatte ich schon letzte Woche in einem Podcast diskutiert und zusammengefasst.

Die Fragen um Dak Prescotts Vertrag

Why the Cowboys should be wary of giving Dak Prescott a record-setting Deal (PFF) – PFF zeigt in einigen Facetten auf, warum Prescott möglicherweise keinen Multimillionendeal bekommen sollte. Eager/Chahrouri argumentieren sogar für einen Abgang Prescotts, sollte sich der Vertrag auch nur in Nähe der momentan kolpotierten 30 Mio/Jahr bewegen.

PFF – other

Drei weitere interessante Links liefert PFF gleich mit: Artikel, in denen sie ihr Grading-System diskutieren:

How PFF grades Quarterback play

How PFF grades Run Blocking

How PFF grades Pass Protection – Steve Palazzolo zeigt anhand von Beispielen die Pro Football Focus-Bewertungsmethode von Quarterbacks sowie Offensive Linemen im Run- und Pass-Blocking auf. Das ist zwar nicht ganz das, was ich mir immer erhoffte (nämlich einmal ein ganzes Spiel komplett als Grading-Package zu bekommen), bietet aber zahlreiche gute Beispiele in All-22 Perspektiven, die zumindest PFFs Methoden nachvollziehbar machen.

Warren Sharp Football Preview

Und zu allerletzt: Am heutigen 4. Juli soll die seit einigen Tagen als Printmedium verfügbare Warren Sharp 2019 Football Preview auch als PDF herauskommen. Sharp ist zwar kein gehobener Statistiker der Güteklasse Brian Burke, Eric Eager oder Timo Riske, er setzt allen Ernstes das desaströse Passer-Rating für einige seiner Argumentationen ein und konzentriert sich in seinen Analysen zumeist vor allem auf die Offense, doch dennoch war jene Preview in den letzten Jahren eine unerschöpfliche Quelle an Zahlenmaterial, die auch für durchschnittlich Zahlen-affine Leute recht einfach verständlich war. Die rund 30 USD sind gut investiertes Geld.

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