Bücher-Hitliste 2018: Meine Football-Favoriten

Heute: Die Footballausgabe der Bücherliste.

The Art of Smart Football

Chris B. Brown – 2015

Der kleine Bruder des vor sechs Jahren erschienenen und sehr lesenswerten „The Essential Smart Football“. Chris Brown ist der Betreiber des mittlerweile nur noch sporadisch aktualisierten Blogs Smartfootball.com, einer herausragenden Informationsquelle für Football-Strategien und die Entwicklung diverser Spielsysteme.

Brown liefert mit The Art of Smart Football keine umfassende Enzyklopädie über Football – das ist auch gar nicht sein Ziel. Vielmehr brilliert Brown darin, einzelne Figuren und Themen aus der Footballwelt auf eine Weise zu beschreiben, die sich angenehm (und sehr weit!) von der allgemeinen Phrasendrescherei abhebt. Die Geschichte geht immer gleich: Brown pickt sich ein Thema heraus, setzt es in historischen oder zeitgenössischen Kontext, schreibt über die Denk- und Handelsweise der Protagonisten und über die Auswirkungen der beschriebenen Innovation.

Wie der Vorgänger ist auch Art of Smart Football eine Sammlung von Essays, die teilweise auch für lau auf Browns Blog oder Grantland oder Ringer nachgelesen werden kann. Die Palette ist breit. Ein paar Kapitel aus Auswahl:

  • New Englands Erhardt-Perkins Offense
  • Denkens- und Handelsweise eines Quarterbacks
  • Kontrolliertes Chaos: Zone-Blitz und Pattern-Matching Defense
  • Spread Offense, beleuchtet aus mehreren Perspektiven
  • Die Art Briles Offense in Baylor
  • Was an Chip Kelly Innovatives dran war
  • Sean Payton und sein Lehrjahr mit der Pop Warner Offense
  • „Packaged-Plays“ – wie wir unser Denken über Offense ändern müssen
  • Bill Belichick und seine Defenses

Art of Smart Football ist nicht nur das Was, sondern auch das Wie: Wie wird es gemacht – aber auch wie wird es beschrieben? Hinweis: Es wird brillant beschrieben.

Season of Saturdays

Michael Weinreb – 2014

Ein Buch, über das ich nicht mehr viele Worte verlieren muss, da ich es im Sommer bereits ausführlich eingeführt habe: Es ist eine Liebeserklärung an den College Football von einem, der’s wissen muss: Michael Weinreb – der schreibt, nicht ohne die zahlreichen Probleme, die diesen Sport umgeben, nicht ausführlich diskutiert zu haben.

Was ich an Weinreb liebe: Er wechselt zwischen seiner persönlichen Erfahrung als Footballjunkie, der an einem footballverrückten Ort (in seinem Fall: Penn State University) aufgewachsen ist, und dem Einbetten der Themen in einen breiteren Kontext. Es ist vielleicht mein Lieblings-Footballbuch des Jahres.

Big Game

Mark Leibovich – 2018

Mark Leibovich, von Haus aus Politreporter mit Hauptfokus Washington D.C. („This Town“), schreibt in diesem Buch über die Figuren rund um die NFL herum: Die Owner sind eines der zentralen Themen, aber es ist auch ein Buch über die Figuren drum herum: Der Nugget-Hai Adam Schefter, Commissioner Goodell oder President Trump, um nur einige zu nennen, kommen nicht zu kurz.

Das Buch ist superb, greift aber manchmal zu kurz. Man möchte manchmal mehr erfahren als das, was Leibovich in seinem Erlebnisbericht schildert. Das Famose an diesem Buch: Leibovich hatte mehrere Jahre lang wirklich direkten Zugang zu offiziellen NFL-Veranstaltungen, kam Figuren wie Goodell, Robert Kraft („RKK“) oder Tom Brady extrem nahe – seine Erlebnisse mit diesen Figuren sind sprachlich wirklich unterhaltsam beschrieben, und: Weil Leibovich nicht aus der Branche kommt, hat das Buch keine Angst, irgendjemandem zu nahe zu treten. Eitelkeiten und Absonderlichkeiten? Zuhauf vorhanden und en detail beschrieben.

Leibovich schreibt z.B. „die NFL ist ein Top-3 der Unterhaltungsindustrie in den USA. Aber sie wird geführt von einer Riege alter Männer, der du im Normalfall kein Unternehmen von normaler Größe in die Hand drücken möchtest“. Er schreibt über Owner und deren Gier nach Statussymbolen (Robert Kraft war einst der niedliche Bob Kraft von neben an, dann war er Robert K. Kraft und jetzt ist der einfach nur noch „RKK“ – nur noch  bei Initialen genannt, ergo: Im Pantheon angekommen).

Besondere Goodies sind Porträts von Roger Goodell (dem 40-Mio. Boss, dessen Hauptaufgabe es ist, die Egos von 32 millionenschweren alten Säcken zu managen) oder Schefter. Leibovich legt zusätzliches Gewicht auf die Spannungen zwischen Ownern und Trump (niedlich, wie die Owner kleinen Kindern ähnlich Trumps Twitter-Timeline verfolgen und sich fragen: Was wird er als nächstes twittern?) und man versteht, wieso Kaepernick keinen Job mehr bekommt. Leibovich fragt sich auch, wohin die Reise der NFL in diesen kritischen Zeiten wohl gehen wird: Wird Football überleben?

Auf der anderen Seite gibt Leibovich unumwunden zu: Er ist Patriots-Fan. Und so ist der Brady/Belichick-Kraft Fokus relativ stark. Deflategate wird zum Vergasen thematisiert – auch wenn der Blick immer wieder auf die allgemeine NFL-Komik schwankt. Manchmal war das Buch zu blümerant und zu viel Erlebnisbericht. Aber es ist auch keine Wikipedia, sondern ein Blick hinter die Kulissen – ein sehr aufschlussreicher. Ich habe nun ein deutlich geschärftes Bild von dieser Welt der Milliardäre.

American Football – Alles was man wissen muss

Adrian Franke – 2018

Ich habe das Buch bereits im Winter gelesen und vorgestellt: Ein hervorragendes Einsteigerwerk für deutsche Leser, das sich nicht bloß für komplette Neulinge eignet, sondern auch für fortgeschrittene Footballfans Neues bietet.

Take your Eyes off the Ball

Pat Kirwan – 2010

Der Kollege Alexander Herrmann hat das Buch schon vor Jahren vorgestellt. Ich habe es dieses Jahr zum ersten Mal gelesen. Ein gutes, sehr ausführliches Buch, und sicherlich eine erstklassige Einführung in die Details des NFL-Footballs.

Was mit einem Abstand von nur acht Jahren zum Erscheinen des Buchs auffällt: Wie weit sich der NFL-Football von damals weg entwickelt hat. Schwerpunkte in Kirwans Buch sind u.a. detaillierte Vorstellungen der 3-4/4-3 Defense, die heute nur noch in einem Drittel der Snaps gespielt wird. Dazu ist der „Wildcat-Offense“ ein ganzes Kapitel gewidmet – die Wildcat war 2008 kurzzeitig auf dem NFL-Schirm, aber seither fast völlig verschwunden.

Trotzdem: Leseempfehlung.

Evolution of the Game

Frank Francisco – 2016

Wer Enzyklopädie will, ist hier richtig: Frank Francisco schreibt über die Entwicklung des American Football in einem Buch, das in Aufmachung (Grafiken!) und Beschreibung voll Old-Style-mäßig daherkommt. Aber das ist nicht negativ gemeint – und das Buch ist trotz des sicherlich trockeneren Schreibstils überhaupt nicht langweilig. Es ist vielmehr ein schier unerschöpfliches Werk, über 300 Seiten in klein gedrucktem Text und mit zahllosen (ok: fast 400) Bildern über Aufstellungen.

Dabei wird nichts ausgespart: Fast 60 Seiten zur Urzeit des Football, bis die große Rettung des Sports kommt: Der Vorwärtspass, der Anfang des 20ten Jahrhunderts eingeführt wurde. Es ist so ein Buch, bei dem man versteht, warum auch heute noch Coaches den Wert des Passspiels zu leugnen versuchen – schließlich war das Running-Game bis in die 1980er Jahre hinein der dominierende Part des Footballsports.

Nachteil des Buches: Es geht selten sehr tief ins Detail. Aber Vorteil: Weil es nie ins letzte Detail geht, bleibt das Teil immer interessant, wird nie langatmig – und man möchte stets wissen, was denn als nächstes vom nächsten Coach als Antwort auf die vorherige Innovation entwickelt wurde.

Warren Sharp Season Preview

Warren Sharp – 2018

Die fast 250 Seiten schwere Season-Preview von Warren Sharp. Ich habe mir das Buch als eBook im Sommer gekauft – und es hat nicht enttäuscht. Warren Sharp ist keine unumstrittene Figur: Seine „Analyse“ des Deflategates entpuppte sich bei genauerer Betrachtung als reine Augenauswischerei und ein Teil seiner Argumentation beruht auf dem wertlosen „Passer-Rating“.

Und dennoch: Diese Preview hatte was. Sharp ist mit seinem sehr straighten Schreibstil nie langweilig. Jedes der 32 Teams wurde nach demselben Muster angeschaut, nach denselben Statistiken und mit einem mehrseitigen Preview-Text. Fokus lag dabei eindeutig auf der Offense. Sharp gab mir damit zahlreiche neue Ideen und Ansatzpunkte, über die man schreiben kann und die ich teilweise auf diesem Blog einbaute.

Sharp wurde gestern im Ringer-Artikel über die anstehende „Analytics-Revolution“ in der NFL als einflussreichster Stats-Outsider genannt. Sharp selbst sagt, sein Durchbruch kam erst im noch laufenden Jahr 2018 – vorher hatte die NFL sich nicht um seine Texte geschert. Er war schon letzte Saison sehr zuvorkommend, als ich mich mit ihm über diverse Analytics-Themen austauschte.

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6 Kommentare zu “Bücher-Hitliste 2018: Meine Football-Favoriten

  1. Für Patriots-Fans kann ich aktuell noch folgende Büche empfehlen:
    Bill Belichick vs. the NFL: The Case for the NFL’s Greatest Coach (https://www.amazon.de/Bill-Belichick-vs-NFL-Greatest-ebook/dp/B01M1A24B5)
    Drive for Five: The Remarkable Run of the 2016 Patriots (https://www.amazon.de/Drive-Five-Remarkable-2016-Patriots/dp/1250167051/ref=tmm_hrd_swatch_0?_encoding=UTF8&qid=&sr=)
    If These Walls Could Talk: New England Patriots (https://www.amazon.de/Bill-Belichick-vs-NFL-Greatest-ebook/dp/B01M1A24B5)

  2. Leibovich schreibt z.B. „die NFL ist ein Top-3 der Unterhaltungsindustrie in den USA. Aber sie wird geführt von einer Riege alter Männer, der du im Normalfall kein Unternehmen von normaler Größe in die Hand drücken möchtest“. Er schreibt über Owner und deren Gier nach Statussymbolen.

    Aber das verstehe ich nicht ganz: Haben sich die Owner nicht mit Millionen jeweils Teams gekauft/in de Liga eingekauft? Dann müssten sie diese Millionen schon vorher erwirtschaftet haben, also nicht ganz unerfolgreich in der Businesswelt gewesen sein.

  3. Gerade mit gridiron Genius von Michael Lombardi durch. Durchaus zu empfehlen- aber mit einigen Einschränkungen.
    Lombardi war als scout etc. In verschiedenen Positionen unter Bill Walsh, Al Davis, bellichik und Saban aktiv und im großen berichtet er von diesen Erfahrungen und seinen Schlussfolgerungen. Teilweise würde man meinen er würde hier mitlesen – beispielsweise spricht er von establish the lead.
    Manchen kann ich nicht soviel abgewinnen, gerade gegen Ende, als es um die Zukunft der nfl geht, wird es etwas Wüst. Teilweise ist auch blödsinn dabei, wenn er beispielsweise von muscle Memory spricht.
    Was das Buch aber auszeichnet, ist der Tiefe Einblick in den Arbeitstag und die Arbeitsweisen von bellichik.
    Das Buch kann sicherlich auch als eine beweihräucherung von Belichik; und auch von Lombardi selbst aufgefasst werden, da muss man sich manchmal durchkämpfen. Am Ende hat sich für mich aber der Einblick bei bellichik gelohnt.

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