NFL Draft 2021 für den Gelegenheitszuschauer

T-1. Morgen beginnt der NFL Draft 2021

Ich hab ein paar höllische Tage hinter mir, weil mir Mitte letzter Woche die Festplatte abgeraucht ist. Dass dabei meine nur schwach gesicherte Football-Datenbank verschwunden ist, war eins meiner kleineren Probleme. So geht es, wenn man wichtige, aber nicht dringende To Dos zu lange rausschiebt. 

Jetzt ist es mir auch mal passiert.  

Ich habe damit einige spannende Ideen nicht mehr vor dem Draft umsetzen können. Aber vielleicht bleibt dafür auch noch Zeit für nach dem Draft – ohnehin die Zeit, die ich spannender finde, weil wir dann besser um die Ideen der Teams und die Scheme-Fits Bescheid wissen. 

Die heutige Vorschau richtet sich an Leute wie mich, die einigermaßen informiert in den Draft gehen wollen ohne bis auf die Schnürsenkellieblingsfarbe des zehntbesten Runningbacks in der Materie zu stecken.  

Ich habe mir dieses Jahr ein sehr präzises Bild der Quarterbacks gemacht und auch schon über die meisten Prospects intensiver geschrieben (Justin Fields ist dem Festplattencrash zum Opfer gefallen). Ich habe einige Receiver studiert, hätte eine ziemlich coole Datensammlung zu Pass-Catchern, Offensive und Defensive Line zusammengetragen. Ich fühle mich gut vorbereitet und bin im Nachhinein gar nicht unglücklich, mir die (fastereignislose letzte Woche mit sinnvolleren Dingen vertrieben zu haben als dem siebenunddrölfzigsten Analysten ob seiner Meinung zum Pick der 49ers meien Aufmerksamkeit zu schenken. Sie wissen es eh alle nicht.  

Zur Draftklasse selbst habe ich schon mal was geschrieben: Es ist ein offensivstarker Draft. Quarterbacks, Receiver und Offensive Tackle dominieren die Schlagzeilen. Richtig komplette Defense-Prospects gibt es nur wenige. Man kann davon ausgehen, dass weit mehr als die Hälfte der Top-20 Picks in den Angriff investiert werden. 

Übrigens: “Davon ausgehen” ist in diesem Draft noch gefährlicher als gewohnt. Es wäre keine Überraschung, wenn die Schnittmenge zwischen den Mock-Drafts und dem Verlauf der ersten Runde gering ausfällt. Von vielen Prospects gibt es kaum Tape aus 2020, von einigen gar keins. Teams könnten weit weniger Gruppendenken betreiben als üblich. 

Quarterbacks 

Die Experten sind sich einig: Es ist eine der spektakulärsten Quarterback-Klassen der letzten 20 Jahre. Vier, vielleicht fünf, Quarterbacks könnten in den Top-10 gedraftet werden.  

Trevor Lawrence aus Clemson wird fast sicher als #1 gedraftet werden. Lawrence ist einer jener ganz seltenen QB-Prospects, die als wirklich “sichere” Draftpicks gelten: Groß gewachsen, super Arm, großartiges Spielverständnis, hervorragende Mobilität. Die Fragezeichen bei Lawrence beschränken sich auf einige Kleinigkeiten wie das simple Spielsystem seiner College-Offense (viele RPOs und Play-Action-Pässe, wenige Pässe über die Mitte) oder die Tatsache, dass seine Mannschaften fast allen Gegnern haushoch überlegen waren. 

Lawrence ist vielleicht nicht der QB mit dem allerhöchsten “Potenzial” in diesem Draft, aber ziemlich sicher der mit dem geringsten Flop-Potenzial. Es fällt einem einfach schwer sich auszumalen, dass er sich nicht zumindest zu einem “guten” QB entwickelt. Der einzige “realistische” vorstellbare Weg zum Bust wäre ein harziger Profi-Einstand (der durchaus denkbar ist) mit schnellen Diskussionen, einem angekratzten Selbstvertrauen und immer stärkeren Sorgenfalten auf Lawrences Stirn.  


Der Favorit als #2 gedraftet zu werden ist BYUs Zach Wilson. Wilson ist die 2021er Ausgabe des “QB aus dem Nichts”, der von völliger Unbekannte zum neuen Stern am Firmament hochschießt – wie Carson Wentz 2016, Mitchell Trubisky 2017, Kyler Murray 2019 oder Joe Burrow 2020.  

Wilsons Highlight-Tape zeigt Mahomes’sche Anflüge – aber Vorsicht: Wilson hat nicht den weltbewegenden Arm, zu dem er gemacht wird, und seine Effizienzsteigerung am College geht einher mit der Installation der “Wide Zone Offense” bei BYU. Das ist das QB-freundlichste Spielsystem. Wie gut Wilson außerhalb des Systems sein kann, ist umstritten – aber vielleicht auch egal, denn die Jets, die ihn möglicherweise draften werden, spielen genau dieses System. 

Persönlich bin ich bei Wilson etwas skeptisch. Sein Pocket-Management ist doch etwas arg “Big Play fokussiert”, und für einen Wide-Zone-QB zeigt er erstaunliche Aversion gegen die Spielfeldmitte. Damit geht ein Teil der tödlichen Effizienz dieser Offense verloren. 


Lange Zeit als möglicher Konkurrenz für Lawrence gehandelt, in der Offseason in schöner Regelmäßigkeit zerredet und mittlerweile sogar Kandidat für einen überraschenden Fall durch die Draftboards: Justin Fields von Ohio State. Fields hat eigentlich den Look’n’Feel eines Superstar-QBs: Er ist groß, er hat einen rattenscharfen Wurfarm, er ist extrem präzise und ein hervorragender Athlet. Fields hat immer wieder in “großen” Momenten brilliert – wie z.B. im Playoff-Semifinale gegen Clemson. 

Aber der schwarze Fields muss sich in der laufenden Offseason mit unangenehmen Fragen auseinandersetzen: 

  • Hat er den Willen zum Star-QB? 
  • Ist er intelligent genug für die NFL? 
  • Hat er den notwendigen Arbeitsethos? 

„Processing” ist das Unwort der Stunde, und es wird in dieser Scouting-Periode vor allem im Zusammenhang mit Fields genannt, der in Ohio States Offenses der tiefen, und damit lange in ihrer Entwicklung brauchenden Passrouten immer mal wieder zu lange den Ball hielt und mehr Hits und Sacks kassierte, als den Auguren lieb ist. Ein Beispiel: Im Angesicht des Blitzes hält Fields den Ball länger als ohne. 

Zahlreiche Experten, auf die ich was gebe, sehen Fields’ Probleme eher in einer zu aggressiven Spielweise verortet, als in mangelhaftem Spielverständnis: Er hält einfach den Ball zu lange im Glauben, immer einen fetten Play machen zu können, anstatt sich mit dem billigen “Dump-Off” zum Runningback zufriedenzugeben. 

Die Fragen ob seiner Einstellung sind schnell beantwortet: Fields war Lawrence einer der Spieler, die mit am lautesten die Abhaltung der Corona-Saison unter geeigneten Sicherheitsvorkehrungen gefordert hatten. Und Fields spielte im Playoff grandios trotz angeknackster Wurfschulter. 


Im Vakuum der möglicherweise talentierteste QB ist Trey Lance von North Dakota State. Das ist ein College, das noch nicht einmal in der höchsten Ebene des College Football spielt, aber in den letzten Jahren immer wieder gute QB-Prospects in die NFL schickte (z.B. Carson Wentz 2016).  

Lance spielte in der abgelaufenen Saison nur ein einziges Spiel, sorgte aber 2019 für unfassbare Stats (z.b. 42 TD gegenüber null Interceptions). Lance wird als der QB mit dem stärksten Wurfarm und der besten läuferischen Fähigkeit dieses Jahrgangs beschrieben.  

Er verfügt zwar nicht über die größte Erfahrung (nur eine Saison als Starter), ist nicht der allerpräziseste QB unter der Sonne und hat in einer relativ lauflastigen Offense gegen krass unterlegene Gegner gespielt – und doch gibt es vieles, das man bei ihm abseits dieser Zweifel lieben kann: 

  1. Lance verfügt über starkes Spielverständnis, und hat am College unüblich viel Verantwortung z.B. im Callen von Pass-Protections oder dem selbstständigen Organisieren von Film-Studium übernommen 
  1. Lance hatte vor dem letzten Herbst noch nie privates QB-Coaching bekommen. Viele seiner technischen Unsauberkeiten soll er in der quasi spielfreien Saison ausgemerzt haben. 
  1. Lance ist extrem jung: Er ist erst 20. 

Die vier bislang genannten QBs haben alle eines gemeinsam: Sie haben nicht nur die Fähigkeiten als Passer, sondern sind auch mehr oder weniger gut zu Fuß. Diese läuferische Dimension wird zunehmend wichtiger in einer NFL, in der Offensive-Playcaller es immer besser verstehen, jungen QBs ein „spielbares“ Framework in structure zu geben. Rushing-Skills on top sind das Goodie zum Maximieren des Potenzials. 


Die Erzählung geht so: Traditionelle QB-Statuen bieten in diesem Ambiente ganz einfach vergleichsweise wenig “Upside”. Und doch hat sich in den letzten Wochen einer dieser totgesagten Pocket-Passer in die Konversation möglicherweise bis hoch zum #3 Pick gebracht: Mac Jones von Alabama.  

Jones war der Quarterback des National Champions, und er orchestrierte den Death-Star von Offense sogar effizienter als sein hoch gehandelte Vorgänger Tua Tagovailoa. Jones trägt einen netten Speckgürtel an der Hüfte mit. Er hat keinen Raketen-Wurfarm, hat sich aber den Ruf erarbeitet, ein fassungslos guter „Game-Manager“ zu sein – bis hoch zum Terminus “Football-Genie”. 

Wie viel Genie man sein muss um Play für Play völlig offene Receiver zu bedienen, sei mal dahingestellt – denn gut möglich, dass Jones in den Vorstellungsgesprächen brillieren konnte. Festzuhalten bleibt: Es gibt die Analysten, die Jones hoch schätzen (Matt Waldman hat ihn als QB3). Und seit die 49ers Ende März auf #3 hoch tradeten, reißen die Gerüchte nicht ab, dass Jones der Target von Kyle Shanahan sein könnte. 

Also: Lawrence haben eigentlich fast alle als QB1. Dahinter geht die Reihung weit auseinander. Meine persönliche Reihenfolge wäre: 

#1 Lawrence 
#2 Fields  
#3 Lance 
#4 Wilson 
#5 Jones 

Aber ehrlicherweise wissen wir bei den QBs wie so oft nur eins: Dass wir gar nicht so viel wissen. Bei so vielen starken Prospects sind die Umstände oft entscheidender als das Talent selbst – und wer zu den Niners und Kyle Shanahan geht, hat letztlich den Jackpot gezogen. Bis zur Draftnacht wird diesbezüglich aber ziemliches Rätselraten herrschen. Fields gilt auf den meisten Quellen schon als eliminiert, dafür soll es teamintern ein Stechen zwischen Lance und Jones geben. An Jones glaube ich erst, wenn ich es sehe. 

Nicht so gut sieht es bei den Entwicklungs-Prospects aus. Kellen Mond (Texas A&M) und Davis Mills (Stanford) gelten als die beiden aussichtsreichsten Kandidaten, in den mittleren Runden von einem Team mit perspektivischem QB-Need gezogen zu werden. 

Runningbacks 

Die Auguren sind sich einig: Eher schwache Klasse. Die beiden bekanntesten Backs sind Najee Harris von Alabama und Travis Etienne von Clemson. Beide könnten nicht unterschiedlicher sein – Harris ist ein Brecher vom alten Schlag, während Etienne als eine Art “Alvin Kamara für Arme” angepriesen wird. So richtigen 1st-Round-Hype kriegen beide nicht, auch wenn bei Teams wie Miami oder Pittsburgh immer wieder Runningback als existenzieller “Need” kolportiert wird. 

Die spannenderen Backs aus der zweiten Reihe sind Javonte Williams und Michael Carter (beide UNC) sowie Kenneth Gainwell. Gerade Williams ist einer der komplettesten Backs. Carter ist zu schmal gebaut um wirklich hochzugehen und Gainwell hat 2020 nicht gespielt. 

Ein möglicher “Arbeitstier-Back” ist Trey Sermon, der bei großen Colleges wie Oklahoma oder Ohio State viele brillante Momente hatte, aber nicht beständig genug war um wirklich als #1 Back diskutiert zu werden. 

Pass-Catcher 

Das Urteil ist einhellig: Starker Jahrgang bei den Receivern, eher schwach auf Tight End. Einer der Trends bei den Receivern ist, dass sie immer kleiner und vor allem leichtgewichtiger werden. Das hält auch 2021: 

Das ist mit die kleinste Receiver-Draftklasse seit Äonen.  

Über das Top-Quartett habe ich noch letzte Woche ausführlich geschrieben

Ja’Marr ChaseJaylen WaddleDevonta Smith und der als Tight End angemeldete Kyle Pitts gelten alle als mögliche Top-10 Picks. Wenn wirklich ein Run auf QBs eintrifft, dann könnten aber einige auch knapp rausfallen. 

Chase ist Spielertyp “echte Nummer 1”. Er wird oft mit einem etwas kleineren Anquan Boldin oder einem weniger explosiven Steve Smith verglichen. Chase setzte 2020 aus, dominierte aber ein Jahr davor als 19-jähriger die SEC-Cornerbacks, die alle serienweise in die NFL gehen. 

Smith ist der amtierende Heisman-Trophy Champ. Dass die prestigeträchtigste Trophäe an einen Receiver geht, ist eine echte Rarität, doch der sehr smoothe Smith legte schlicht atemberaubende Zahlen auf, aber seine schmächtige Statur mit nur 170 Pfund sorgt für Zweifel, ob Smith sich in der NFL wirklich als eine #1 durchsetzen kann, oder ob er immer auf eine Rolle als “Komplementär” beschränkt sein wird. 

Smiths College-Teamkollege Waddle ist zwar etwas kleiner, aber explosiver und hat einen auffälligen “fliegenden” Spielstil. Waddle schlägt Haken wie ein Hase und ist schwer zu greifen. Er könnte einer der wenigen Receiver-Zwerfe sein, die Press Coverage schlagen – nicht weil sie so physisch sind, sondern so schwer zu greifen. 

Der wie Calvin Johnson gebaute Pitts wird in den letzten Wochen als der Receiver-Prospect mit den wenigsten Zweifeln gehandelt. Möglich, dass er bis hoch an #4 zu Atlanta geht.  

Hinter dem Spitzenquartett gehen die Meinungen extrem auseinander. Rashod Bateman aus Minnesota ist ein oft genannter möglicher 1st Rounder, aber Bateman hat eine seltsame “Schrumpfung” hinter sich: In der Highschool wurde er mit 6’3 gelistet, am College mit 6’2, beim Pro Day war er nur mehr 6’0 groß. Sein Tape 2019 war wesentlich besser als die verunfallte Saison 2020. 

Chases hoch aufgeschossener LSU-Teamkollege Terrace Marshall ist mit 6’4 der einzige größere Top-Receiver im Draft 2021. Marshall hat seine Draft-Aktien letzten Herbst extrem verbessert, weil er bewiesen hat, dass er auch ohne Nebenleute wie Chase oder den in der NFL förmlich explodierten Justin Jefferson produktiven Beitrag leisten kann. 

Die drei anderen Receiver im “Tier 2” sind alles Irrwische, bei denen ernsthafte Zweifel ob ihrer Fähigkeit gegen Press-Coverage bestehen: Rondale Moore von Purdue, Elijah Moore von Ole Miss und Kadarious Toney von Florida.  

Toney ist der größte der drei, aber er hatte einen relativ späten Breakout. Rondale Moore ist der explosivste von allen, aber sein bisheriger Karrierehöhepunkt als 18-jähriger liegt schon fast drei Jahre zurück. In der Zwischenzeit wurde der 5’7 Winzling Moore immer wieder durch Verletzungen zurückgeworfen.  

Elijah Moore ist mit Stand heutigem Wissen ein reiner Slot-Receiver, der am College auch über 80% dorthin gestellt wurde. Wir haben in der Offseason gelernt: Vorsicht vor reinen Slot-Receivern – ihr Wert ist begrenzt! 

Ab Tier 3 wird es völlig wild und die Rankings gehen krass auseinander. Komplettere Pakete wie Dyami Brown (UNC), Josh Palmer (Tennessee), Jaelon Darden (North Texas) oder Tylan Wallace (Oklahoma State) sind überall zwischen WR9 und WR19 zu finden, der deutschstämmige Amon-Ra St. Brown (USC) aus der Familie der Altägypterfans (einer der Brüder heißt Osiris) gilt als ziemlich solider Kandidat für die späte zweite bis frühe vierte Runde. 

Es gibt auch Irrwische wie Tutu Atwell aus Louisville oder D’Wayne Eskridge von einem kleinen College in Michigan, aber auch Kraftpakete wie das Clemson-Duo Amari Rodgers und Cornell Powell. Ein Atwell wird zwischen #15 und #41 gerankt. Eskridge hat athletisch alle Voraussetzungen, ist aber mit 24 Jahren schon relativ alt und muss sich mit Fragen ob seiner “Entwicklungsfähigkeit” auseinandersetzen. War er so gut, weil er so viel älter und ausgewachsener ist als die Konkurrenz? 

Es gibt dann Rohlinge wie Frank Darby (Arizona State), den ein Matt Waldman als WR9 rankt. Oder einen Nico Collins aus Michigan, der gebaut ist wie ein echter X-Receiver, aber erstmal auch nicht viel mehr als diese Rolle ausfüllen kann. Oder Jalen Camp von Georgia Tech – einen Mann, bei dem einige noch nichtmal dran glauben, dass er gedraftet wird. Andere, wie Eric Crocker, sehen in Camp durchaus X-Receiver-Potenzial. 

Man könnte an dieser Stelle noch eine ganz Liste an Receivern aufzählen – die Erfahrung zeigt schließlich, dass es immer wieder Leute aus den hinteren Runden via Einsatzgebiet oder Scheme zu größeren NFL-Rollen bringen. Nur welche, wissen wir nicht. Und darum wollen wir auch gar nicht weiter spekulieren. 

Auf Tight End werden oft Pat Freiermuth von Penn State, Miamis Brevin Jordan und der “All-Name-Kandidat“ Tommy Tremble von Notre Dame genannt. Die NFL erzittert bereits vor einem Tight End named Tremble.  

Offensive Line 

Auch hier ist das Urteil der Experten ziemlich einhellig: Starke Klasse, gerade auf Offensive Tackle und Center. Bis zu sechs Tackles könnten in der ersten Runde gehen, und möglicherweise werden es um die 20 O-Liner in den ersten drei Runden – und das, obwohl es wirklich einige Fragezeichen gibt. 

Als Top-Prospect gilt Oregons physischer Freak OT Penei Sewell, der 2020 aussetzte, aber als 19-jähriger die Konkurrenz in Grund und Boden blockte. Sewell ist mit solch jungen Jahren technisch natürlich noch nicht völlig ausgereift. 

Sewell ist nicht der einzige Top-Tackle-Prospect ohne Tape aus dem Jahr 2020. Auch Kollegen wie Rashawn Slater von Northwestern, für viele OT2, oder Dillon Radunz vom kleinen North Dakota State College (Teamkollege von Trey Lance) haben letztes Jahr nicht gespielt. Ein Walker Little (Stanford), körperlich mit unfassbaren 6’8 Größe ein absoluter Freak, hat sogar schon zwei Jahre nicht mehr gespielt (2019 verletzt, 2020 Covid-Verzicht). Ein Jalen Mayfield aus Michigan hatte keine 100 Pass-Downs. 

Wir sehen schon allein daran: So ganz unumstritten ist kein Prospect. Christian Darrisaw von Virginia Tech und der nette böse Bube Teven Jenkins (Oklahoma State) sind die beiden höchstgerankten Tackles, die letztes Jahr auch wirklich gespielt haben – aber bei beiden war die Performance nicht durch die Bank völlig überzeugend.  

Schauen wir hier mal kurz auf den Körperbau und die PFF-Performance in true pass sets”, d.h. Passspielzüge ohne RPO, Play-Action, Screenpässe usw. Also der gute Stuff – höhere Note ist besser, (*) bedeutet kein Tape 2020: 

Name College Größe Gewicht Runde True Pass 
Penei Sewell Oregon 6’5 331 87 (*) 
Rashawn Slater Northwestern 6’4 304 86 (*) 
Christian Darrisaw Virginia Tech 6’5 314 81 
Teven Jenkins Oklahoma State 6’6 317 84 
Dillon Radunz North Dakota State 6’5 304 1-2 85 (*) 
Samuel Cosmi Texas 6’6 314 1-2 84 
Liam Eichenberg Notre Dame 6’6 306 84 
Alex Leatherwood Alabama 6’5 312 69 
Jalen Mayfield Michigan 6’5 326 2-3 N/A 
Jackson Carman Clemson 6’5 317 2-3 65 
Brady Christiansen BYU 6’6 302 89 
Robert Hainsey Notre Dame 6’4 306 82 
James Hudson III Cincinnati 6’5 313 66 
Walker Little Stanford 6’8 313 N/A 

Die Guard- und Center-Klasse gilt als ähnlich gut, wenn auch vor allem wegen der Tiefe. Am ehesten Ende der ersten oder Anfang der zweiten Runde könnte Alijah Vera-Tucker von USC gedraftet werden – ein Mann, der am College 2020 Tackle spielte und jetzt zurück auf Guard geschult werden soll. Grund? Mit 6’4 und 308 Pfund ist er eher klein, und hat mit 32’’ auf vergleichsweise kurze Arme.  

Landon Dickerson aus Alabama, Quinn Meinerz vom winzig kleinen College Wisconsin-Whitewater, der exzellente Zone-Blocker Wyatt Davis von Ohio State oder der fantastisch benamte Center Creed Humphrey (Oklahoma) sind die interessantesten Namen hinter Vera-Tucker.  

Spannend ist auch Trey Smith von Tennessee. Der gilt seit Jahren als einer der spektakulärsten Athleten und hat am College mehrere Positionen auf passablem Niveau gespielt – und das ohne jemals eine vernünftige Offseason durchtrainieren zu können, denn Smith kämpfte ständig mit gesundheitlichen Problemen, die sich böse lesen: Blutgerinnsel in der Lunge. Gespielt hat er trotzdem über 1800 Snaps, und mit 321 Pfund auf 6’5 Fuß verteilt ist er einer der athletischen Giganten in dieser Klasse. 

Edge Rusher 

Starke, talentierte Klasse, aber es gibt keinen can’t miss prospect”. Wenn wir nur nach athletischen Tests und Highlights gehen, ist es eine der besten Klassen. Aber es gibt im ganzen Jahrgang keinen einzigen Passrusher, der ein wirklich “komplettes” Paket – Mega-Athlet und Mega-Performance – anbietet. 

Jaelan Phillips von Miami gilt für die meisten als der beste Prospect im Draft, aber Phillips schleppt ein gigantisches Fragezeichen mit sich: Er hatte seine Karriere mit Gehirnerschütterungssymptomen schon einmal beendet und kehrte nur mehr oder weniger zufällig letztes Jahr noch einmal zurück, machte neun Sacks in sieben Spielen. 

Phillips’ Teamkollege Gregory Rousseau hatte seinen Breakout 2019 mit 13 Sacks, ehe er 2020 verpasste. Er gilt als eher ungeschliffen, aber wir hatten auch keine Chance, seinen etwaigen Fortschritt im letzten College-Jahr zu gebutachten. 

Der athletisch exzellente Kwity Page als Michigan, ein ex-Staffelsprinter, steht auch auf einigen Boards ganz oben – und auch der unscheinbare, aber technisch sehr feine Azeez Ojulari hat seine Fans. 

Die Wildcard unter den möglichen Top-Prospects ist Penn States Jayson Oweh. Der Mann hatte letztes Jahr keinen einzigen Sack, aber war in limitierter Rolle trotzdem ziemlich effizient. Oweh gilt mit seiner Athletik als Ausnahmeerscheinung und ist wie gemacht für die Frage, ob Defensive Coordinators ihn zu einem NFL-reifen Spieler formen können. 

Prinzipiell ist es zwar unwahrscheinlich, dass ein Edge-Rusher in den Top 10 geht, aber gegen Ende der 1ten Runde raus könnten einige Namen in der Verlosung sein.  

In den mittleren Runden werden dann Namen wie Ronnie Perkins (Oklahoma), Payton Turner (Houston) oder Carlos Basham (Wake Forest) aktuell. Sie alle haben ihre Vorzüge und Rollen, reichen in Punkto Anlagen aber nicht ganz an die oben genannten Talente heran. 

Defensive Tackles 

Alle sind sich einig: Schwache Klasse. Christian Barmore von Alabama ist der einzige Tackle von Format – und das, obwohl Barmore keine 800 Snaps am College gespielt hat. Jüngst hat PFF eine kleine Studie veröffentlicht, die trotz noch sehr geringer Sample Size impliziert, dass gerade in Offensive und Defensive Line solche Prospects mit wenig Einsatzzeit am College recht gefährlich sind.  

Barmore ist einer der wenigen DTs in diesem Jahr, der über 15% Pass-Rush-Win-Rate und über 10% Run-Stop Rate in einer Person vereinen konnte – und das bei Alabama, in der starken SEC.  

Die einzigen anderen mit diesem Nachweis? Washingtons Levi Onwuzurike, dem das 2019 gelang (2020 Corona Opt-Out). Und Ohio States Tommy Togiai, der allerdings ein reiner Teilzeitangestellter war: 121 Snaps im ersten Jahr, 247 im zweiten, 291 Snaps im dritten. Richtig: Togiai hat noch nie mindestens 300 Snaps gespielt. 

Der einzige andere Passrusher mit Potenzial für mehr ist Milton Williams von Louisiana Tech (21.8% Win-Rate), der aber mit 284 Pfund etwas leichtgewichtig und auch den Beweis schuldig ist, auch gegen bessere Konkurrenz zu gewinnen. 

Der letztes Jahr noch hoch gehandelte FSU-Tackle Marvin Wilson ist nach einer missratenen Saison mit durchwachsenen Leistungen und Zoff mit den Coaches nur noch Kandidat für die Runden 3-4.  

Eher die Run-Clogger sind Tyler Shelvin von LSU, Alim McNeill von NC State oder Daviyon Nixon aus Iowa. Doch wir haben in den letzten Monaten auch gelernt: Richtig gute Run-Defender auf den Tackle-Positionen sind durchaus was wert, denn sie erlauben ihrem Defensive Coordinator übertriebene Ressourcen von der Run-Defense abzuziehen und sie in Passing-Defense einzusetzen. 

Linebacker 

Durchaus spannende Klasse. Micah Parsons von Penn State ist der eine Prospect, der hymnisch besungen wird. Parsons gilt in vielen Kreisen als bestes Linebacker-Talent seit Jahren. Parsons schleppt aber einen Rucksack an Charakterfragezeichen mit sich, die in den letzten Wochen ausgiebig diskutiert wurde. So soll er immer wieder Rädelsführer beim Schikanieren diverser Schul- und Studienkollegen gewesen sein – eine Art “Mini-Gang-Leader“.  

Parsons galt lange als möglicher Top-10-Pick und auch als erster gedrafteter Verteidiger 2021, aber mittlerweile ist man sich nicht mehr so sicher ob ein Trainerstab sich so einen Typen mit einem der ganz teuren Picks holen möchte. 

Der “andere” Top-Linebacker ist Jerry Owusu Koramoah, kurz: JOK. Ob der zum Joke oder zum Joker wird, haben wir an anderer Stelle schon diskutiert. Punkt ist: JOK ist mit 6’1 Körperkürze und nur 221 Pfund als Bauwerk gar nicht mehr so weit von Receiver-Maßen entfernt. Ob er damit eine traditionelle Off-Ball Linebacker-Rolle übernehmen kann, ist offen. Am College hat er z.B. mehr Snaps als Slot-Corner (683 Snaps) denn als Box-Defender (nur deren 430) gespielt.  

Anders: Kommt JOK zu einem ideenlosen Defensive Coordinator, der seine Plays callt als wäre 2003, wird er in zwei Jahren auf der Straße sitzen. 

JOKs totales Gegenteil: Zaven Collins aus Tulsa. Der Mann ist mit 6’5 ein Hüne und mit 259 Pfund schwerer als so mancher Edge-Rusher – und trotzdem ein guter Deckungsspieler. Theoretisch denkbar, dass er höher gezogen wird als die meisten heute denken… 

…aber dann wiederum sind die Linebacker-Fetischisten an vorderster Front, die Seattle Seahawks, diesmal quasi ohne Draftkapital.  

Defensive Backs 

Bleiben die DBs. Cornerback soll stark besetzt sein, Safety eher weniger.  

Bei den Top-Cornerbacks geht die Erzählung so: Eigentlich wäre Caleb Farley (Virginia Tech) der talentierteste Spieler. Farley hat wie so viele Toptalente letztes Jahr nicht gespielt, bringt aber nicht bloß die Größe (6’2) und die Explosivität mit, sondern auch einen Speed, der sich gewaschen hat. Kein Cornerback in dieser Draftklasse oder in einer der letzten kann annähernd mit Farleys recovery speed” konkurrieren. 

Anders: Farley ist so schnell, so wendig, so antrittsschnell, dass er nie wirklich aus dem Spielzug draußen ist. Receiver entfleucht mit geilem Move zwei Schritt? Wurst. Farley wird die Lücke schließen, und hat die Größe um Jump-Balls zu gewinnen. 

Doch Farley wird seit seiner zweiten Rücken-OP im März von unglaublich vielen Zweifeln umweht. Mehrere Big Boards haben Farley “ge-downgradet” auf den zweit- oder drittbesten Corner im Draft. 

Seinen Platz haben wahlweise Patrick Surtain II (Alabama) oder Jaycee Horn (South Carolina) übernommen. Beide sind Söhne ehemaliger NFL-Spieler (Surtain ist bekannt, Horns Vater ist Joe Horn). 

Surtain gilt als der solidere, komplettere der beiden. Er ist ein Corner mit wenigen auffälligen Stärken, aber ebenso wenigen Schwächen. Er ist gut querbeet durch die Anforderungsliste. Horn dagegen ist ein reiner Man-Corner. Er ist athletisch imposant und wurde am College extrem häufig 1-vs-1 isoliert, aber es gibt ernsthafte Zweifel ob er die Spielintelligenz und Geduld für Zone-Defense besitzt. Außerdem ist Horn mit seiner ständigen Grabscherei so ziemlich das Gegenteil dessen, was man “homophob” nennen würde. 

Es gibt weitere mögliche 1st Round Corner: Asante Samuel, auch so einer, den wir schon mal hatten. Samuel gilt als perfekter Clon seines Vaters: Klein, nicht extrem schnell, aber von Mutter Natur mit den Ur-Instinkten eines NFL-Cornerbacks ausgestattet. Oder Greg Newsome von Northwestern. Newsome hat ein ziemlich unauffälliges College-Tape. Man ist sich einig, dass er ein starker Athlet ist – aber nicht darüber, ob er wirklich intelligent verteidigt hat oder einfach nur einen miserablen Mix an Gegenspielern hatte. 

Es gibt noch zahlreiche weitere spannende Corner, aber ich hab mich mit der Position kaum mehr beschäftigen können. Ein Ifeatu Melinfonwu (Syracuse) gilt als absolutes athletisches Wunderkind, aber als zu unentschlossen um ganz hoch gezogen zu werden. Ein Elijah Molden (Washington) ist ein reiner Slot-Corner – aber was für einer! Ein Thomas Graham (Oregon) ist mit 5’11 sehr klein und ist wohl auch nicht schnell genug um ohne Elite-Antizipation durchzukommen. 

Kelvin Joseph aus Kentucky hätte unendliches Potenzial, brachte seine College-Coaches aber mit irren Aktionen wie einem Teamwechsel kurz vor einer “New Year’s Bowl” zur schieren Verzweiflung und gilt als schwierig kontrollierbar. 


Auf Safety bekommt einzig TCUs Trevon Moehrig klaren 1st-Round-Hype. Es gibt noch ein paar weitere interessante Prospects für Tag 2, wie Moehrigs Teamkollege ArDarius Washington, einen Zwerg von Defensive Back, der trotz 5’8 und Sprintzeit von 4.61 Sekunden als spielintelligent genug gilt um im Worst Case als Slot-Corner durchzukommen. 

Moehrig und Washington sind keine klassischen Centerfielder, aber in einer NFL, die vermehrt Prinzipien mit zwei tiefen Safetys (z.B. Cover-2 man oder Cover-4) spielt, sind sie beide moderne Prototypen. 

Eher für eine Cover-3 scheint Andre Cisco von Syracuse gemacht: Fantastischer Athlet mit dem Hang zum Freelancen, aber schnell genug um große Teile des Felds abzudecken; Ciscos größtes Fragezeichen kommt von einem Kreuzbandriss aus der letzten Saison. So hat er die komplette Offseason verpasst. 

Die spielintelligenteren Versionen sind Jamar Johnson (Indiana), Richie Grant (USF) und Jevon Holland (Oregon), wobei ersterer kaum Erfahrung hat, mittlerer zu viel (ist mit 23 schon relativ alt) und letzterer 2020 mit Opt-Out verpasste. 

9 Kommentare zu “NFL Draft 2021 für den Gelegenheitszuschauer

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  2. Hallo Thomas,

    erstgemeinte Frage 🙂
    Wie hoch ist die Chance, dass die 49ers statt eines QB vielleicht Pitts wählen ?
    Weiter mit Garappolo gehen und ein Duo Kittle/Pitts aufs Feld schicken.
    Mit dem Trade auf 3 einen TE zu picken finde ich zwar selbst absurd, aber beim Draft sollte man nie etwas ganz ausschließen.

  3. Ich glaube, das wäre suizidal für Lynch/Shanahan.
    Sie würden von Medien und Fans in „Ryan Leaf“/ „Jamarcus Russell“-Ausmaßen ge“lyncht“. Bürgerkrieg in San Francisco.

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